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Wenn ich gehe, dann gehe ich

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Nichts ist so sicher wie die Tatsache, daß jedes Menschen Uhr einmal abläuft, daß seine Lebenszeit eines Tages zu Ende geht.

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Nichts ist so sicher wie die Tatsache, daß jedes Menschen Uhr einmal abläuft, daß seine Lebenszeit eines Tages zu Ende geht.

Keiner weiß genau, wieviel Zeit ihm gegeben ist. Faktum ist, daß die I .ebenserwartung in .Osterreich in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen ist (siehe Tabelle) und daß sie in den reichen Industrieländern (Westeuropa, Nordamerika, Australien, Japan) höher ist als im früheren Ostblock oder in der sogenannten Dritten Welt. 1992 lag Japan mit einer Lebenserwartung von 76,3 Jahren für Männer und 83,0 für Frauen im internationalen Vergleich an der Spitze, in Westeuropa lagen die Werte nur wenig, in Osteuropa allerdings rund ein Jahrzehnt darunter.

Die Aussichten, das für Neugeborene prognostizierte Alter - 1995 waren das in Österreich 73,54 beziehungsweise 80,00 Jahre zu übertreffen, erhöhen sich im Laufe der Zeit. Wer heute bereits 60 Jahre alt ist, kann als Mann mit fast 19, als Frau mit rund 23 weiteren Lebensjahren rechnen. Frauen ist im Durchschnitt mehr Lebenszeit geschenkt. Lag aber der Vorsprung gegenüber -den Männern zwischen 1971 und 1984 durchwegs bei über sieben Jahren, so hat er sich seither auf knapp sechseinhalb Jahre verringert.

Rein statistisch läßt sich die Lebenserwartung berechnen, aber jeder kann eines unnatürlichen Todes sterben, und wer entspricht schon genau dem statistischen Durchschnitt? Es heißt, daß man aus Untersuchungen des genetischen Codes eines Menschen dessen individuelle Lebenserwartung ziemlich exakt prognostizieren könnte, aber wer will wirklich genau wissen, wie viele Jahre noch vor ihm liegen? Es ist aber nicht zu übersehen, daß professionelle Lebens- und Krankenversicherer an dieser Möglichkeit, ihr Risiko bei Abschluß einer Versicherung auszuloten, mehr und mehr Gefallen finden könnten.

Die Lebenszeit, die unselbständig Erwerbstätige in Österreich im Krankenstand verbringen, ist jedenfalls zwischen 1980 und 1994 spürbar zurückgegangen. Während die Zahl dieser Reschäftigten in diesem Zeitraum von 2,465.244 auf 2,707.421 M illionen Personen gestiegen ist, entfielen auf 1.000 dieser Personen 1980 noch 17.381 Krankenstandstage (16,7 pro Fall), 1994 waren es nur mehr 14.852 (13,7 pro Fall). Liegt das daran, daß die Menschen wirklich weniger oft krank sind, oder daran, daß man sich Krankwerden nicht mehr leisten kann? Ist es nicht vielleicht so, daß Krankheit den Job gefährdet und daß zu Krankenständen neigende Personen vermehrt in die Frühpension gegangen oder aus dem Arbeitsmarkt verdrängt worden sind?

I )ieStudie „Beruf-Familie-Freizeit” des Familienministeriums ergab zwischen 1981 und 1992 einen leichten Trend zu mehr Arbeit und weniger Freizeit, was sich bei den Frauen vor allem in mehr Erwerbstätigkeit (nach wie vor aber vorwiegend Männersache), bei den Männern vor allem in mehr Zeitaufwand für Haushalt, Kinder und Pflege (nach wie vor die Frauendomäne) auswirkte. Unter dem Strich blieb für beide 1992 weniger Freizeit als 1981: 5:23 statt 5:51 Stunden für die Männer, 4:40 statt 5:00 Stunden für die Frauen.

Mit einem Wort: Streß und Hektik dürften nicht geringer, sondern größer geworden sein. Und damit dürfte auch das Hören auf die eigene „innere Uhr”, auf Bio- und Körperrhythmen, oft auf der Strecke bleiben.

Im Grunde spürt jeder Mensch, daß er im Laufe von Zeitabschnitten, innerhalb eines Tages, eines Monates oder eines Jahres, Perioden besonderer Leistungsfähigkeit oder des Gegenteils durchmacht. Auch wenn auf diesem Gebiet vieles noch offen ist und manche Erklärungen eher esote-.risch und pseudowissenschaftlich anmuten, so ist doch relativ unbestritten, daß das Auftreten von Übermüdung oder „Urlaubsreife” eine Folge mangelnder Pausen, mangelnder Erholungsphasen ist.

Der kalifornische Hypnotherapeut

Ernest Rossi hat die

Theorie aufgestellt, daß der Mensch etwa alle 90 Minuten eine Pause braucht - er führt das darauf zurück, daß unzählige Körperzellen in diesem Zeitabstand für eine 'Teilung „Kraft sammeln”. Er plädiert dafür, daß zum Beispiel

Schreibtischmenschen die sanften Signale des Körpers, der sich etwa alle anderthalb Stunden vom Computer erheben, bewegen, entspannen will, nicht überhören. W7er hier des öfteren Zeit sparen und durcharbeiten will, wird erstens in dieser Phase vermehrt Fehler machen und zweitens für den Dauerstreß langfristig gesundheitlich mit Schlafstörungen, Migräne, Magengeschwüren und anderen Leiden bezahlen.

Im Arbeitsleben wird die Zeit als eine letzte Bessource gesehen, um gegenüber der Konkurrenz einen Vorsprung zu erzielen und zu sichern. Aber in diesem hektischen Wettlauf wird dem Trend zur ständigen Reschleu-nigung auch widersprochen, etwa von Sten Nadolny, dem Autor des Ruches „Die Entdeckung der Langsamkeit”: Mit Langsamkeit und Nachdenklichkeit werde nicht nur Angst reduziert, man. gelange auch schneller ans Ziel als der Hastige.

Auf guten Zeitmanagement-Seminaren wird auch nicht gelehrt oder gelernt, wie man noch mehr in einen Tag hineinpreßt, sondern wie man eher qualitativ als quantitativ gut arbeitet, wie man sich Pausen gönnt, um kreativ und leistungsfähig zu bleiben. Dort bekommt man auch die Geschichte vom weisen Mann zu hören, der auf die Frage, warum er trotz vieler Reschäfti-gungen immer so gesammelt sei, sagt: „Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich stehe dann stehe ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich esse, dann esse ich. W'enn ich spreche, dann spreche ich ...” Als er auf wiederholtes Fragen immer die gleiche Antwort gibt und die Leute ihm versichern, das täten sie doch auch, erwidert er: „Nein. Wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon. Wenn ihr steht, dann lauft ihr schon. Wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am vermeintlichen Ziel ...”

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