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bildung - © Illustration: iStock/mustafahacalaki (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)

Wie Erwachsenenbildung die Gesellschaft zusammenhält

1945 1960 1980 2000 2020

Damit Zukunft nicht einfach passiert – oder: Warum die Erwachsenbildung viel mehr ist als die beruflich orientierte Weiterbildung. Ein Weckruf.

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Damit Zukunft nicht einfach passiert – oder: Warum die Erwachsenbildung viel mehr ist als die beruflich orientierte Weiterbildung. Ein Weckruf.

Nach einem Resümee, warum sich Menschen auch als Erwachsene mit Persönlichkeitsbildung beschäftigen sollen, antwortete eine Kollegin, die nach 35-jähriger Tätigkeit in der Erwachsenenbildung in Pension ging: „Damit Zukunft nicht einfach passiert.“

Diese prägnante Aussage ist nicht nur auf der individuellen Ebene relevant. Gesellschaftlich stehen wir – wahrscheinlich noch verschärft durch die aktuelle Krise aufgrund von Covid-19 – vor großen Herausforderungen, die gestaltet werden müssen. Neben den allgegenwärtigen Themen, wie etwa der Klimakrise, gibt es im Ranking der Herausforderungen eine ganz spezielle Art: Jene, die selbst Herausforderungen für eine Gesellschaft sind und die zugleich die Bewältigung von Herausforderungen generell nicht unbedingt vereinfachen.

Die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft; die Verschiebung von Zeit- und Raumgrenzen durch eine rasante Digitalisierung und ein erhöhtes Mobilitätsverhalten; eine Hybridisierung von Kulturen, die eine Vielfachcodierung von Identitäten ermöglicht und dadurch den Kommunikationsbedarf im Zusammenleben zwingend erhöht; steigende Armut und damit einhergehend auch mehr Ungleichheit und soziale Ausgrenzung; große Unterschiede bei den Bildungschancen von Menschen; alltägliche Erfahrungen, die Menschen ihre eigenen Lebenswelten als hochgradig unbeständig, unsicher, komplex und mehrdeutig wahrnehmen lassen; damit einhergehend eine Sehnsucht nach Einfachheit, die sich auch in der Hochkonjunktur für populistische Weltbilder, einfachem Schwarz-Weiß-Denken und fundamentalistischen Haltungen manifestiert.

Die Gesellschaft resilient halten

Was den hier angeführten Beispielen gemeinsam ist, ist, dass sie alle einer fortdauernden, intensiven Bearbeitung bedürften, um eine Gesellschaft resilient zu halten. Um es zuzuspitzen: Die Qualität einer Gesellschaft bemisst sich in ihrem Polarisierungsgrad. Eine polarisierte Gesellschaft hat verlernt, miteinander im Gespräch zu bleiben. Sie hat verlernt, Dialoge zu initiieren, die über alle Verschiedenheit der Standpunkte, die gemeinsame Suche nach einem guten Weg für möglichst viele Menschen stellen. Genau darin liegt der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält. Denn, frei nach dem Soziologen Ferdinand Tönnies: Wer sich von einer Gesellschaft nichts mehr erwartet, wird auch nicht bereit sein, etwas in sie zu investieren.

Die oben angeführten Beispiele zeigen: Eine funktionierende Gesellschaft braucht Orte, die diese Dialoge auch über die sozialen „Blasen“ oder Milieus hinaus ermöglichen; und sie braucht Orte, die Menschen dazu heranführen, dialogfähig zu werden. Dialogfähigkeit impliziert ein wertfreies Zuhören, das Erkennen der eigenen Emotionen, die Fähigkeit, diese zu suspendieren und ein an der Sache orientiertes Sprechen. Anders als in der Kunst der Debatte geht es nicht ums Siegen, sondern ums einander Zuhören und den ernst gemeinten Versuch, bei aller Verschiedenheit einander zu verstehen.

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