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Wie viel Führung braucht das Kind?

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Man kann Michael Winterhoffs Thesen teilen oder nicht – unbestritten ist, dass der deutsche Kinder- und Jugendpsychiater eine hitzig geführte Diskussion losgetreten hat, die seit Erscheinen seines ersten Buches Warum unsere Kinder Tyrannen werden (Gütersloher 2008), Fachleute, Medien und nicht zuletzt die Eltern gleichermaßen beschäftigt. Das Buch wurde zum Bestseller, ein weiteres folgte wenig später Tyrannen müssen nicht sein (Gütersloher 2009) und kürzlich kam der dritte Nachschub: Persönlichkeiten statt Tyrannen (siehe rechts). Der „Tyrann“ im Titel wurde zur Marke.

Dabei bedauert der Autor im FURCHE-Interview (oben) den Gebrauch des Begriffes „Tyrann“. Medien verkürzten Winterhoffs These dahingehend, als habe er Kinder als „kleine Tyrannen“ bezeichnet. Das habe er nicht gewollt, erklärt er: Es bestehe laut Winterhoff die Gefahr, dass Kinder zu tyrannischen Erwachsenen werden, wenn die Beziehungskonzepte, wie sie jetzt gelebt werden, fortgesetzt werden: Sprich, dass Kinder nicht wie Kinder, sondern wie kleine Erwachsene oder gar wie ein Teil der Eltern selbst befunden werden. Es war nicht nur der Tyrannen-Titel der scharfe Kritiker auf den Plan rief: Allen voran der Kinder- und Familientherapeuten Wolfgang Bergmann, der mit einem Buch konterte: Warum unsere Kinder ein Glück sind (Beltz, 2009; siehe Rezensionen beider Bücher in der FURCHE 16/2009). Bergmann sieht in Winterhoff einen Vertreter einer neuen „Gehorsams- und Disziplinpädagogik“, er nennt ihn in einer Reihe mit Bernhard Bueb und dessen Buch Lob der Disziplin.

Bergmann vermisst in Winterhoffs Büchern vor allem eines: die Freude mit Kindern, das Liebevolle und das Versöhnliche. „Das wirft kein gutes Licht auf unsere Erziehungslandschaft. Es ist kalt geworden“, schreibt er in seinem Buch. Winterhoff kontert, dass es ihm nicht um Pädagogik ginge und die Liebe dem Kind gegenüber für ihn selbstverständlich sei. Redet Bergmann vor allem von der Lebensfreude, hat Winterhoff Beziehungsstörungen im Blickfeld. So hat man zunehmend das Gefühl, hier reden zwei Gegner aneinander vorbei. Denn auch Bergmann pflichtete in einem Spiegel-Streitgespräch der Diagnose Winterhoffs bei, dass Kinder immer auffälliger würden. Die Diskussion bleibt offen, auch Bergmann gibt nicht wirklich eine Antwort auf die Kernfrage: Sind die Beziehungskonzepte wirklich so problematisch wie Winterhoff diagnostiziert und wie viele Familien sind betroffen? Viele Eltern bemühen sich, die Kompetenz ihrer Kinder von Anfang an zu schätzen und auf die Bedürfnisse der Kleinen einzugehen. Winterhoff plädiert für mehr Führung und somit Schutzraum bei Kleinkindern. Das Diskutieren sollte erst später dazukommen. Genau diese Frage wird Streitpunkt bleiben – zwischen Fachleuten und den Eltern. Die Frage, inwieweit sich die These vom „kompetenten Kind“ des dänischen Familientherapeuten Jesper Juul mit Winterhoffs Argumenten spießen, ist aber noch ungeklärt.

Man kann Michael Winterhoffs Thesen teilen oder nicht – unbestritten ist, dass der deutsche Kinder- und Jugendpsychiater eine hitzig geführte Diskussion losgetreten hat, die seit Erscheinen seines ersten Buches Warum unsere Kinder Tyrannen werden (Gütersloher 2008), Fachleute, Medien und nicht zuletzt die Eltern gleichermaßen beschäftigt. Das Buch wurde zum Bestseller, ein weiteres folgte wenig später Tyrannen müssen nicht sein (Gütersloher 2009) und kürzlich kam der dritte Nachschub: Persönlichkeiten statt Tyrannen (siehe rechts). Der „Tyrann“ im Titel wurde zur Marke.

Dabei bedauert der Autor im FURCHE-Interview (oben) den Gebrauch des Begriffes „Tyrann“. Medien verkürzten Winterhoffs These dahingehend, als habe er Kinder als „kleine Tyrannen“ bezeichnet. Das habe er nicht gewollt, erklärt er: Es bestehe laut Winterhoff die Gefahr, dass Kinder zu tyrannischen Erwachsenen werden, wenn die Beziehungskonzepte, wie sie jetzt gelebt werden, fortgesetzt werden: Sprich, dass Kinder nicht wie Kinder, sondern wie kleine Erwachsene oder gar wie ein Teil der Eltern selbst befunden werden. Es war nicht nur der Tyrannen-Titel der scharfe Kritiker auf den Plan rief: Allen voran der Kinder- und Familientherapeuten Wolfgang Bergmann, der mit einem Buch konterte: Warum unsere Kinder ein Glück sind (Beltz, 2009; siehe Rezensionen beider Bücher in der FURCHE 16/2009). Bergmann sieht in Winterhoff einen Vertreter einer neuen „Gehorsams- und Disziplinpädagogik“, er nennt ihn in einer Reihe mit Bernhard Bueb und dessen Buch Lob der Disziplin.

Bergmann vermisst in Winterhoffs Büchern vor allem eines: die Freude mit Kindern, das Liebevolle und das Versöhnliche. „Das wirft kein gutes Licht auf unsere Erziehungslandschaft. Es ist kalt geworden“, schreibt er in seinem Buch. Winterhoff kontert, dass es ihm nicht um Pädagogik ginge und die Liebe dem Kind gegenüber für ihn selbstverständlich sei. Redet Bergmann vor allem von der Lebensfreude, hat Winterhoff Beziehungsstörungen im Blickfeld. So hat man zunehmend das Gefühl, hier reden zwei Gegner aneinander vorbei. Denn auch Bergmann pflichtete in einem Spiegel-Streitgespräch der Diagnose Winterhoffs bei, dass Kinder immer auffälliger würden. Die Diskussion bleibt offen, auch Bergmann gibt nicht wirklich eine Antwort auf die Kernfrage: Sind die Beziehungskonzepte wirklich so problematisch wie Winterhoff diagnostiziert und wie viele Familien sind betroffen? Viele Eltern bemühen sich, die Kompetenz ihrer Kinder von Anfang an zu schätzen und auf die Bedürfnisse der Kleinen einzugehen. Winterhoff plädiert für mehr Führung und somit Schutzraum bei Kleinkindern. Das Diskutieren sollte erst später dazukommen. Genau diese Frage wird Streitpunkt bleiben – zwischen Fachleuten und den Eltern. Die Frage, inwieweit sich die These vom „kompetenten Kind“ des dänischen Familientherapeuten Jesper Juul mit Winterhoffs Argumenten spießen, ist aber noch ungeklärt.