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Wien - ein Bücherbabel

1945 1960 1980 2000 2020

Zum Dossier. Auf den folgenden Seiten bieten wir einen Ausschnitt aus der Fülle deutschsprachiger neuer Bücher. Wer aber fremdsprachige Werke im Original lesen will, wird in Wien gut bedient: Spezialisten bieten zum Teil eine Auswahl auf höchstem Niveau. Doch in diese stille Marktnische weht neuerdings der scharfe Wind der Konkurrenz. Von diesem an Bedeutung gewinnenden Sektor handelt die unten stehende Reportage.

1945 1960 1980 2000 2020

Zum Dossier. Auf den folgenden Seiten bieten wir einen Ausschnitt aus der Fülle deutschsprachiger neuer Bücher. Wer aber fremdsprachige Werke im Original lesen will, wird in Wien gut bedient: Spezialisten bieten zum Teil eine Auswahl auf höchstem Niveau. Doch in diese stille Marktnische weht neuerdings der scharfe Wind der Konkurrenz. Von diesem an Bedeutung gewinnenden Sektor handelt die unten stehende Reportage.

Spanische Musik dringt aus dem Geschäft, ein freundlicher Barkeeper bringt echten Cappuccino, orangefarbene Wände, helles Holz, metallene Stiegen, eine Galerie und viel Glas locken Neugierige herein: das "tiempo" im Ecklokal zwischen Johannesgasse 16 und Hegelgasse 9 ist eine gastliche, modern gestaltete Buchhandlung der anderen Art. Eine Kreuzung zwischen Bar, Buchhandlung und Kaffeehaus mit zwei Eingängen, damit man noch leichter hineinfindet. Neugierige und Leselustige sind beinahe rund um die Uhr willkommen. Ohne Kaufzwang schafft das stimmungsvolle Ambiente mit südlicher Musik die richtige Atmosphäre zum Schmökern, Gustieren und sorgfältigen Auswählen der gewünschten Lektüre. Hier wird Lesen als ganzheitliches Erlebnis zelebriert, und wer italienische, französiche, spanische oder englische Lektüre, sowie reisevorbereitendes Zubehör für beinahe alle Länder der Erde sucht, wird fündig. Auch Koch- und Kinderbücher, CDs und Bildbände sowie Wörterbücher sind hier zu haben, und damit man es lange aushält, bietet die angeschlossene Bar auch kulinarische Köstlichkeiten. Bis Mitternacht kann hier neben Eß- und Trinkbarem auch Lesestoff verkostet werden, "El pays", "Le Monde" und andere internationale Zeitungen liegen auf, von Donnerstag bis Samstag steht das Lokal dem Lesehungrigen sogar bis ein Uhr morgens offen.

Es rührt sich etwas im Marktsegment der fremdsprachigen Buchhandlungen in Wien. Bisher galt englische, französische, italienische, spanische, russische, tschechische (und so weiter!) Literatur hierzulande als kleine Marktnische für Idealisten, in der es sich bescheiden leben ließ. Doch auch Wien wird internationaler und die Marktnische wächst: Einerseits, weil mittlerweile doch recht viele Ausländer hier leben, und andererseits, weil Fremdsprachen in immer mehr Berufen immer wichtiger werden und auch immer mehr Österreicher nach englischen, französischen, italienischen und so weiter, ja sogar chinesischen Büchern greifen. Resultat: Auch Große stoßen in dieses Marktsegment vor. In Wien jüngst "Amadeus". Der Andrang zu den Lesungen fremdsprachiger Autorinnen und Autoren, die "Amadeus" veranstaltet, gibt den etablierten kleinen Spezialisten zu denken. Nur ein Beispiel: Als die Inderin Manju Kapur aus ihrem Roman "Schwierige Töchter" las, konnte der Raum im sechsten Stock des Kaufhauses Steffl die Gäste kaum fassen.

Die Kleinen spezialisieren sich immer mehr, werden immer anspruchsvoller, um zu überleben. Auch die Beratung spielt hier eine gewichtige Rolle. Wenn es um fremdsprachige Bücher geht, ist das Verkaufsgespräch der Trumpf der Kleinen. Ein anderes Konzept: Die Aufwertung der Buchhandlung zum Begegnungsort, das "tiempo"-Rezept.

"In Irland, Schottland oder Amerika sind Buchcafes, in denen man essen, trinken und lesen kann, vor allem unter Studenten sehr beliebt," meint die Inhaberin Alice Bohdal, "die haben mich enorm fasziniert." "Tiempo" ist spanisch, heißt Zeit, und Zeit soll man sich hier lassen, "alle Sinne sollen eingebunden sein." Die zierliche, ernsthafte, blasse Frau hatte Jus studiert, doch Reiselust, umfassene Sprachkenntnisse und die Liebe zur südlichen Lebensart veranlaßten sie, umzusatteln. Sie bietet an, was Weltoffene suchen, beispielsweise zu fast jedem Land der Erde mindestens einen Führer.

Aber auch Spezialisierung ist ein Überlebenskonzept, Spezialisierung ist die Voraussetzung eines wirklich anspruchsvollen, exklusiven Angebots. Bei Wolfgang Krammer in der Kaiserstraße zum Beispiel. Er hat sich ausschließlich dem Italienischen verschrieben. Sein Sortiment läßt für Italophile keine Wünsche offen. Eingekauft wird direkt in Italien, mit Claudia Berchiesi steht eine sprachkundige Literaturwissenschafterin kompetent mit Rat und Tat im Geschäft zur Seite. "Es gibt genug Leute, die sich für Italien interessieren, weil sie dorthin auf Urlaub fahren, und für die mediterrane Küche schwärmen. Wir möchten von den Klischees weg, das Italienbild ergänzen, und denen, die mehr wissen wollen, Hilfestellung bieten," erklärt Krammer sein Konzept. Krammer setzt in einer weiteren ihm gehörenden Buchhandlung im 15. Bezirk auf das Spezialgebiet Psychotherapie.

In Krammers "libritaliani" in der Kaiserstraße aber findet man vor allem zeitgenössische italienische Literatur der sechziger und siebziger Jahre, die ein viel differenzierteres Bild des Landes zeichnet, als es sämtliche Fernsehkanäle vermitteln können. Vor allem Schüler und Studenten werden hier fündig, auch Lehrer schauen gerne bei "libritaliani" herein. Besonders stolz ist Krammer allerdings darauf, daß ein Drittel seiner Kunden geborene Italiener sind, die nur bei ihm jene Bücher finden, die sonst in ganz Wien nicht aufzutreiben sind: "Natürlich hatte ich viele persönliche Kontakte nach Italien, aber abgesehen davon bin ich als Buchhändler gezwungen, mich zu spezialisieren und mußte trachten, eine neue Nische zu erobern." So paarten sich bei der Gründung Neigung und ökonomische Notwendigkeit aufs beste. Über ein Jahr lang gibt es diese italienische Buchhandlung inzwischen, langsam steigt die Kundschaft. Noch verkauft sich Susanna Tamaro am besten, auch Alessandro Bariccos "Novecento", als Film gerade in den Kinos, stößt auf reges Interesse.

Die beiden Italophilen sind zuversichtlich. Unermüdlich leisten sie Aufklärungsarbeit für italienische Kultur, heuer haben sie auch gemeinsam einen Kalender für das Jahr 2000 herausgebracht, mit schönen Fotos und italienischen Sprüchen. Als Einstiegsdroge, sozusagen.

So schwer wie die romanischen und slawischen Sprachen, von denen jeweils nur eine Buchhandlung in der Bundeshauptstadt leben kann, hat es das Englische bei uns bei weitem nicht. Es ist die meistgesprochene Fremdsprache der Österreicher. Drei Spezialbuchhandlungen teilen sich den Wiener Markt für englische und amerikanische Bücher, englische Bücher findet man aber außerdem in vielen allgemeinen deutschsprachigen Sortimentsbuchhandlungen. "Vergessen Sie den Gerold am Graben nicht, er hat eine wirklich große Auswahl an französischen, englischen und spanischen Büchern," meint Kommerzialrat Michael Kernstock, der Vorstand des Landesgremiums für den Buchhandel in Wien.

Wiens erste spanische Buchhandlung wurde 1996 von der Spanierin Amalia Hernandez in der Gentzgasse eröffnet. Kunden sind vor allem Schüler, die Spanisch lernen, und Lateinamerikaner. Bücher über naturwissenschaftliche Themen, Soziologie und Geschichte werden hier ebenso geboten wie Lernhilfen und Literatur, aber auch Übersetzungen österreichischer Autoren ins Spanische. Ohne Idealismus wäre eine solche Spezialbuchhandlung kaum zu führen. Auch der Bedarf an Französischem ist mit einer Buchhandlung, "Bateau Livre" von Thomas Leitner in der Liechtensteinstraße 37, also in günstigster Lage gleich bei Wiens Französischer Schule, bestens gedeckt.

Wer englische Bücher sucht, hat es in Wien besonders leicht. Drei Marktleader, "The British Bookshop", "Big Ben" und "Shakespeare & Company", teilen sich die Klientel sorgsam auf. Das Interesse für englische Bücher ist weitaus größer als für romanische oder slawische Sprachen. Schon im 18. Jahrhundert gab es die erste englische Buchhandlung in Wien. Der "British Bookshop" ist noch ein Erbe aus der Besatzungszeit, er zieht er vor allem Briten an und besticht nicht zuletzt durch Preisgünstigkeit.

"Big Ben", in der Servitengasse in Universitätsnähe gelegen, bedient vor allem Schüler, Lehrer und Studenten. In Kartons auf dem Gehsteig locken Videos in Originalsprache um 150 Schilling. Paul Mychalewicz, der Besitzer und Gründer, ist stolz auf seine große Auswahl an Filmen. Seit 14 Jahren gibt es "Big Ben". Bevor er gänzlich zum Buchhändler wurde, zu einem echten Buchhändler aus Leidenschaft, war Mychalewicz Lehrer. "Von Level 1 bis 6" bietet er Weltliteratur für jeden Wortschatz an. Nirgendwo sonst in Wien findet man Winnieh, the Pooh, "The Spot" von Eric Howe oder andere Pretiosen englischer Kinderliteratur in ähnlicher Vielfalt. Wer schon vom Kindergarten an etwas für die Internationalität seines Sprößlings tun möchte, ist hier bestens aufgehoben. Vielleicht fällt beim Schmökern ja auch etwas für Mama oder Papa ab: "Great woman writers" von Toni Morrisons "Beloved" bis hin zu Virginia Woolf locken in der Auslage, am besten verkauft sich derzeit John Irvings "A widow for One Year".

"Shakespeare & Company" (Sterngasse 2) legt besonderen Wert auf ein Sortiment mit hohem Anspruch sowie amerikanische Literatur. "Intellektuelle Wiener bilden den Großteil unserer Kunden," meint Heinz Meier, der die Besitzerin Elisabeth Zobl schon lange unterstützt. Wirklich exquisite Geschmäcker finden im pittoresken Gewirr bis an die Decke gestapelter Bücher selbst das Ausgefallenste mit hoher Wahrscheinlichkeit. Bestseller ist hier der neue Tom Wolfe. Jede Woche kommen Neuerscheinungen aus Amerika per Luftpost, per Laster die Aktualitäten von der Insel. Frau Zobl hat im größten Londoner Buchladen, dem legendären "Foyles", gearbeitet. Büchertische, Lesungen und andere Aktivitäten fördern das Verständnis für englische Sprache und amerikanische Literatur. Wer so spezialisiert einkauft, hat die Konkurrenz des neuen Typs von Großbuchhandlungen mit Fremdsprachen-Abteilung wohl nicht zu fürchten.

Polnische Bücher lassen sich am besten in Zofia Reinbachers Polnischer Buchhandlung "Ksiegarnia Polska" in der Burggasse finden. Prag-Fans, Tschechisch Lernende und Tschechen sind nach wie vor bei Petr Pastrnak in der Buchhandlung "Bohemia" in der Lindengasse am besten aufgehoben. "Jeder schaut sich die neuen Buchhandlungen an, das ist logisch, aber ich bin sicher, die kommen alle nach einer Zeit wieder zurück," bemerkt Gemialvorsteher Kernstock reges Kundeninteresse an den neuen Großen. Er selbst besitzt drei Geschäfte, als Experte beurteilt er Amadeus eher kritisch: "Davor braucht sich kein Spezialist zu fürchten."

Die fremdsprachigen Buchhändler spüren die Konkurrenz aber doch. Immerhin bietet Amadeus im fünften Stock des Kaufhauses Steffl ein Sortiment, das so manchen, der auf der Suche nach fremdsprachigen Büchern ist, durchaus verlocken kann. In der Mariahilferstraße führt Amadeus nur Englischsprachiges. "Wir haben vom Sprachenlernen bis zur Belletristik über science fiction und Fantasy alles quer durch, es ist eine wirklich große Abteilung, auch vom Gewinn her," gibt Alexandra Gans, welche die englischen Bücher betreut, zu bedenken.

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