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"Wir müssen Querdenken lehren"

Im Zuge der Universitätsreform verordnete sie den hohen Schulen eine neue Organisationsstruktur. Nun hat sie eine "Zukunftskomission" damit beauftragt, das Schulwesen zu durchforsten. Zum Abschluss der Furche-Schulserie skizziert Bildungsministerin Elisabeth Gehrer ihre Vision von gutem Unterricht und verteidigt die geplante Kürzung von Schulstunden.

Die Furche: Der von Ihnen präsentierte Verordnungsentwurf zur Stundenkürzung, der bis 25. April zur Begutachtung aufliegt, stößt an den Schulen überwiegend auf Ablehnung. Vor allem derZeitdruck und das Fehlen einer bildungspolitischen Debatte im Vorfeld wird kritisiert...

Elisabeth Gehrer: Die bildungspolitische Debatte wird seit Jahren geführt. Seit Jahren sagen uns Erziehungswissenschaftler, dass die Schüler zu sehr belastet sind. Die OECD-Studie zeigt auf, dass wir die meisten Schulstunden in ganz Europa aufweisen. Da liegt es nahe, einige Stunden zu streichen. Zweitens - und das habe ich nie verheimlicht - ist das Bildungsbudget durch die steigenden Personalkosten fast zur Gänze gebunden, sodass wir fast keinen Spielraum für Projekte haben. Wenn ich mit einer Maßnahme eine vernünftige Entlastung erreiche und es gleichzeitig schaffe, dass die Personalkosten nicht davonlaufen, dann ist es richtig, diesen Schritt zu setzen.

Die Furche: Besteht nicht die Gefahr, dass durch Stundenkürzungen das Üben und Festigen des Lehrstoffs beschnitten und noch mehr nach Hause verlagert wird?

Gehrer: Wichtig ist die richtige Stoffauswahl, und die liegt in der Verantwortung des Lehrers. Der Lehrplan 99 gibt Kernbereiche an, aber auch hier muss ausgewählt werden. Was das Üben und Festigen betrifft, sind die Unterrichtsstunden einfach entsprechend einzuteilen: 20 Minuten Vermittlung, dann Festigung und Förderung der besonders Begabten mit Hilfe des Erweiterungsstoffs. Es wäre völlig falsch, wenn Lehrerinnen und Lehrer sagen, sie müssten den Stoff oder das Buch durchbringen. Sie müssen vielmehr die wichtigen Ziele umsetzen. Deswegen darf es nicht passieren, dass in Fächern, wo man eine moderate Kürzung vorgenommen hat, derselbe Stoff durchgenommen wird. Direktoren und Inspektoren sind verantwortlich, das zu überprüfen.

Die Furche: Die von Ihnen eingesetzte Zukunftskommission "Schule neu denken" hat die Aufgabe, das gesamte Schulwesen weg von einer Input-hin zu einer Output-Steuerung zu lenken. Was ist darunter zu verstehen?

Gehrer: Es geht zunächst darum, Leistungsstandards zu definieren: Was muss ein Kind mit zehn, 14 Jahren oder als Maturant können? Hand in Hand geht auch ein Umdenken: Die Qualität der Schule besteht ja nicht aus der Zahl der Dienstposten oder der Stunden, sondern sie kann nur am jungen Menschen gemessen werden, der die Schule verlässt. Europaweit werden Benchmarks in diese Richtung gemacht, das zeigt auch die PISA-Studie.

Die Furche: Die Zukunftskommission beschäftigt sich auch mit den Aufgaben der Schule in Zeiten lebenslangen Lernens. Welchen Grundstock müssen Schulen heutzutage vermitteln?

Gehrer: Die Schulen sollten die gesamthafte Persönlichkeit in den Vordergrund stellen, also Fähigkeiten und Kompetenzen wie Teamarbeit, Projektarbeit, Gesprächsführung oder Konfliktlösung vermitteln. Auch eine gute Wertegrundlage, musisch-kreative Bildung sowie Bewegung und Sport sind nötig. Dazu kommt eine gute Wissensgrundlage: Wenn etwa ein Maturant in der Millionenshow sitzt und nicht weiß, was ein Aphorismus ist, dann muss etwas falsch gelaufen sein.

Die Furche: Wenn Allgemeinbildung so wichtig ist: Wie erklären Sie sich dann den Run auf die berufsbildenden höheren Schulen?

Gehrer: Die berufsbildenden Schulen leisten eben ausgezeichnete Arbeit. Dennoch müssen wir in Zeiten, wo sich die Herausforderungen sehr schnell ändern, auf eine gute allgemeinbildende Grundlage achten. Wir dürfen auch in den Berufsbildenden Schulen nicht zu sehr spezifizieren. Wenn ich höre, dass es in Wien 180 verschiedene Stundenpläne gibt, weil 180 verschiedene Berufsfelder angestrebt werden, ist das einfach zu viel.

Die Furche: Können Sie definieren, was für Sie guter Unterricht ist?

Gehrer: Dazu ist es wichtig zu definieren, wie Kreativität entsteht - und die entsteht durch Querdenken: Wenn ein kleines Kind Musik machen will, nimmt es einfach einen Kochdeckel und einen Kochlöffel. Und was sagt die Mutter? Mach keinen Lärm! Hier zeigt sich aber wahre Kreativität, indem man verschiedene Systeme, die nichts miteinander zu tun haben, verbindet, um eine Herausforderung zu lösen. Das geschieht vor allem im fächerübergreifenden Unterricht und im Projektunterricht. Dazu setzen wir in der Lehreraus- und -weiterbildung an sowie in der Qualitätssicherung, wo all diese Kriterien klar verankert werden und an den Schulen auch gemessen werden sollen.

Die Furche: Gibt es Ihrer Meinung nach in der heimischen Lehrerausbildung ein Manko?

Gehrer: Es gab das Manko, dass Lehrerinnen und Lehrer für die Gymnasien und weiterführenden Schulen pädagogisch und methodisch nicht gut ausgebildet waren. Doch mittlerweile gibt es neue Studienpläne, in denen das verbessert wurde. Außerdem werden wir bis 2007 die Pädagogischen Akademien in Pädagogische Hochschulen umwandeln, die in hohem Maße die Lehreraus- und -weiterbildung anbieten werden. Was ich mir allerdings noch wünschen würde, wäre ein Bildungspass, in dem sich Lehrer ihre Weiterbildungsaktivitäten bescheinigen lassen können. Im Pflichtschulbereich gibt es die verpflichtende Weiterbildung mit 15 Stunden pro Jahr, doch in den Bundesschulen scheitert das momentan auch am Widerstand der Gewerkschaft.

Die Furche: Die Qualität von Unterricht hängt in hohem Maß von der Person und Begeisterungsfähigkeit des Lehrers oder der Lehrerin ab. Momentan ist aber der Frust an den Schulen groß. Haben Sie eine Idee, wie man ihn beseitigen könnte?

Gehrer: Ich sage bei jeder Gelegenheit, dass wir sehr gute Lehrerinnen und Lehrer haben. Aber was soll man machen, wenn sich manche gegen jede Weiterentwicklung wehren? Sein Image kann man sich eben nur selbst erarbeiten. Was ist damit getan, dass man sich hinsetzt und sagt: Ich bin frustriert? Nichts. Mein Lieblingsspruch in diesem Zusammenhang ist: Wenn der Wind stärker weht, dann bauen die einen Mauern und tun sich selber leid. Und die andern bauen Segelschiffe.

Das Gespräch führte Doris Helmberger.

Bildungspolitik mit Ecken und Kanten

Demonstrationen und Proteste können sie nicht mehr erschüttern - dazu ist Elisabeth Gehrer, die am Muttertag (11. Mai) ihren 61. Geburtstag feiert, zu lange im politischen Geschäft: Ihre Karriere begann die ausgebildete Volksschullehrerin 1980 in Bregenz als Stadträtin für Musik und regionale Zusammenarbeit. 1983 wurde Gehrer Ortsobfrau der Frauenbewegung in Bregenz, im folgenden Jahr zog sie in den Vorarlberger Landtag ein, zu dessen Vizepräsidentin sie 1989 gewählt wurde. Nach dem Ausscheiden von Erhard Busek als Unterrichtsminister holte Wolfgang Schüssel Gehrer 1995 in sein Regierungsteam und machte sie 1999 zu seiner Stellvertreterin. Mit dem Amtsantritt von Schwarz-Blau I im Februar 2000 bekam sie auch die Wissenschafts-Agenden übertragen.

Im März dieses Jahres wurde sie schließlich als Bildungsministerin bestätigt - nicht ganz zur Freude der Lehrergewerkschaft, mit der sich Gehrer seit Jahren verbale Gefechte liefert: So quittierte sie den Vorwurf der Gewerkschafter der berufsbildenden mittleren und höheren Schulen, wonach die Verordnung von Stundenkürzungen zu einem "Verteilungskampf" an den Schulen führen würde, mit dem (inzwischen legendären) Satz: "In Österreich ist es offenbar üblich, sich prophylaktisch zu fürchten." DH

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