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Bildung

Zeit für Entscheidungen

1945 1960 1980 2000 2020
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In der Diskussion um die gemeinsame Schule der Kinder bis 14 Jahre liegen alle Argumente pro und contra auf dem Tisch, ebenso Erfahrungswerte und Studien, die dafür und dagegen sprechen. In einem ersten Impuls könnte man also jenen, die die Debatte reichlich satt haben, recht geben. Doch dies wäre völlig falsch: Denn es muss in nächster Zeit eine politische Entscheidung der Regierungsparteien getroffen werden – und diese wird getroffen, spätestens im Herbst, wenn die ÖVP, bisher der vehemente Gegner einer solchen Schulform, ihr neues Bildungskonzept vorstellen will. Dass die mächtige Front bereits leicht bröckelt, zeigte zuletzt das Vorpreschen von Wissenschaftsministerin Beatrix Karl, als sie ein „Gymnasium für alle“ forderte. Nicht nur das interne Ringen in der ÖVP macht deutlich: Diese Regierung wird bald sagen müssen, sie will die Neue Mittelschule als Regelsystem oder nicht. In zwei Jahren endet der erste Durchgang des Schulversuchs.

Kein Kind darf zurück bleiben

Eines soll vorweg deutlich gemacht werden: Die gemeinsame Schule soll endlich umgesetzt werden. Es spricht mehr dafür als dagegen, auch wenn zugestanden werden muss, dass es auch plausible Gegenargumente gibt. Aber letztlich ausschlaggebend ist ein Grund, den die langjährige Schulleiterin und Bildungsexpertin Christa Koenne erst jüngst in der FURCHE ausgeführt hat: In den Jahren der Schulpflicht, also bis 15 Jahre, darf es nicht sein, dass man Schülerinnen und Schüler loswerden kann, indem man ihnen sagt, ihr passt nicht in diese Schule. Es muss sich ein Leitspruch in der Schule breitmachen: Kein Kind darf zurück bleiben.

Doch so wichtig die Strukturfrage auch ist, sie ist erst die zweitwichtigste Frage. Dem Vorarlberger Bildungslandesrat Siegi Stemer ist recht zu geben, wenn er wie hier in der FURCHE (Seite 3) klarstellt: Er wird erst über diese Zukunftsfragen diskutieren, wenn zwei Kernfragen geklärt sind: Wird es die notwendigen Ressourcen geben, konkret finanziellen Mittel, um individuellen Unterricht, Kleingruppen für Leistungsstarke und Förderbedürftige und Teamteaching (zwei Lehrkräfte pro Klasse) dauerhaft zu praktizieren?

Abgesicherte Qualität?

Und wird es die qualifizierten Lehrerinnen und Lehrer geben, die diesen neuen Unterricht in heterogenen Klassen führen können? Und zwar ausreichend Lehrkräfte – angesichts einer drohenden Lehrerknappheit, weil in den nächsten Jahren zahlreiche Lehrer in Pension gehen?

Die Strukturfrage muss zwar entschieden werden, aber nur Hand in Hand mit einer neuen Lehrerausbildung und einem neuen Lehrerdienst- und Besoldungsrecht. Es darf keine Standes- und Ausbildungsunterschiede zwischen Lehrkräften geben, wie sie heute traditionell verankert sind: Hier die an Unis ausgebildeten AHS-Lehrer – dort die Hauptschullehrer, die die Pädagogische Hochschulen durchlaufen haben. Und darunter die Volksschullehrer, und zuletzt die „nur“ an einer berufsbildenden höheren Schule ausgebildeten Kindergartenpädagoginnen. Diese Hierarchie und das damit einhergehende Standesdenken sollten fallen.

Es bedarf also einer gemeinsamen Schule auch für Pädagoginnen und Pädagogen: Sie sollten eine gemeinsame Grundausbildung durchlaufen. Und da in den nächsten zehn Jahren 40 bis 50 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer in den Ruhestand treten, also ein Generationswechsel stattfinden wird, ist keine Zeit günstiger als jetzt, um diese massiven Reformen durchzuführen. Das hat Bildungsministerin Claudia Schmied wohl verstanden. Es ist zu hoffen, dass alle politisch Beteiligten den Mut haben, grundlegende Entscheidungen zu treffen. Dass in dieser Schule etwas nicht stimmt, spüren bereits die Volksschüler nach der vierten Klasse, wenn sie von ihren Freunden getrennt werden und für den Zweier in Deutsch mit Nachhilfe büffeln mussten.

In der Diskussion um die gemeinsame Schule der Kinder bis 14 Jahre liegen alle Argumente pro und contra auf dem Tisch, ebenso Erfahrungswerte und Studien, die dafür und dagegen sprechen. In einem ersten Impuls könnte man also jenen, die die Debatte reichlich satt haben, recht geben. Doch dies wäre völlig falsch: Denn es muss in nächster Zeit eine politische Entscheidung der Regierungsparteien getroffen werden – und diese wird getroffen, spätestens im Herbst, wenn die ÖVP, bisher der vehemente Gegner einer solchen Schulform, ihr neues Bildungskonzept vorstellen will. Dass die mächtige Front bereits leicht bröckelt, zeigte zuletzt das Vorpreschen von Wissenschaftsministerin Beatrix Karl, als sie ein „Gymnasium für alle“ forderte. Nicht nur das interne Ringen in der ÖVP macht deutlich: Diese Regierung wird bald sagen müssen, sie will die Neue Mittelschule als Regelsystem oder nicht. In zwei Jahren endet der erste Durchgang des Schulversuchs.

Kein Kind darf zurück bleiben

Eines soll vorweg deutlich gemacht werden: Die gemeinsame Schule soll endlich umgesetzt werden. Es spricht mehr dafür als dagegen, auch wenn zugestanden werden muss, dass es auch plausible Gegenargumente gibt. Aber letztlich ausschlaggebend ist ein Grund, den die langjährige Schulleiterin und Bildungsexpertin Christa Koenne erst jüngst in der FURCHE ausgeführt hat: In den Jahren der Schulpflicht, also bis 15 Jahre, darf es nicht sein, dass man Schülerinnen und Schüler loswerden kann, indem man ihnen sagt, ihr passt nicht in diese Schule. Es muss sich ein Leitspruch in der Schule breitmachen: Kein Kind darf zurück bleiben.

Doch so wichtig die Strukturfrage auch ist, sie ist erst die zweitwichtigste Frage. Dem Vorarlberger Bildungslandesrat Siegi Stemer ist recht zu geben, wenn er wie hier in der FURCHE (Seite 3) klarstellt: Er wird erst über diese Zukunftsfragen diskutieren, wenn zwei Kernfragen geklärt sind: Wird es die notwendigen Ressourcen geben, konkret finanziellen Mittel, um individuellen Unterricht, Kleingruppen für Leistungsstarke und Förderbedürftige und Teamteaching (zwei Lehrkräfte pro Klasse) dauerhaft zu praktizieren?

Abgesicherte Qualität?

Und wird es die qualifizierten Lehrerinnen und Lehrer geben, die diesen neuen Unterricht in heterogenen Klassen führen können? Und zwar ausreichend Lehrkräfte – angesichts einer drohenden Lehrerknappheit, weil in den nächsten Jahren zahlreiche Lehrer in Pension gehen?

Die Strukturfrage muss zwar entschieden werden, aber nur Hand in Hand mit einer neuen Lehrerausbildung und einem neuen Lehrerdienst- und Besoldungsrecht. Es darf keine Standes- und Ausbildungsunterschiede zwischen Lehrkräften geben, wie sie heute traditionell verankert sind: Hier die an Unis ausgebildeten AHS-Lehrer – dort die Hauptschullehrer, die die Pädagogische Hochschulen durchlaufen haben. Und darunter die Volksschullehrer, und zuletzt die „nur“ an einer berufsbildenden höheren Schule ausgebildeten Kindergartenpädagoginnen. Diese Hierarchie und das damit einhergehende Standesdenken sollten fallen.

Es bedarf also einer gemeinsamen Schule auch für Pädagoginnen und Pädagogen: Sie sollten eine gemeinsame Grundausbildung durchlaufen. Und da in den nächsten zehn Jahren 40 bis 50 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer in den Ruhestand treten, also ein Generationswechsel stattfinden wird, ist keine Zeit günstiger als jetzt, um diese massiven Reformen durchzuführen. Das hat Bildungsministerin Claudia Schmied wohl verstanden. Es ist zu hoffen, dass alle politisch Beteiligten den Mut haben, grundlegende Entscheidungen zu treffen. Dass in dieser Schule etwas nicht stimmt, spüren bereits die Volksschüler nach der vierten Klasse, wenn sie von ihren Freunden getrennt werden und für den Zweier in Deutsch mit Nachhilfe büffeln mussten.