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Digital In Arbeit

Zeuge von 14.000 TV-Morden

1945 1960 1980 2000 2020

Machen Medien unsere Kinder krank? Jugendliche wachsen heute in einer Umwelt auf, die immer neue Formen der Gewaltanwendung entwickelt.

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Machen Medien unsere Kinder krank? Jugendliche wachsen heute in einer Umwelt auf, die immer neue Formen der Gewaltanwendung entwickelt.

Im Sommer 1993 verabschiedete der Ministerrat eine Untersuchung, die dem Parlamentvorgelegt werden sollte. Sie befaßte sich mit den erschreckenden Auswirkungen, welche die zunehmende Darstellung von Gewalt in den Medien auf Kinder und Jugendliche hat. Der Rechtspsychologe Universitätsprofessor Walter Hauptmann zeichnete in diesem Zusammenhang ein Bild, das die Öffentlichkeit eigentlich zutiefst erschüttern und alarmieren müßte. Es erweise sich, daß häufige und drastische Berichte über Aggressionen dazu beitragen, „Schranken, Hemmungen und Tabus mehr und mehr abzubauen und eine allgemeine Aggressionsbereitschaft zu fördern”. Wie etwa eine Projektgruppe an der Universität Potsdam festgestellt habe, könne ein deutscher Jugendlicher nach zehn Schuljahren auf zirka 18.000 Fernseh, aber nur 15.000 Unterrichtsstunden zurückblicken. Ein Zwölfjähriger sei demnach im Durchschnitt zum Zeugen von 14.000 TV-Morden geworden. Zusammenfassend meint Hauptmann, daß das „Bombardement” medialer Gewalt bei einem nicht mehr vernachlässigbaren Teil der Jugend neben emotionalen Defekten einen allmählichen Werteverlust mit Verrohung und Brutalisie-rung bewirke ...

Hält man sich diese mahnenden Worte, die offenbar in den Wind gesprochen wurden, vor Augen, dann kann nicht verwundern, wenn die Lehrpersonen an unseren Schulen immer mehr mit dem Problem der Gewalttätigkeit konfrontiert werden. Wohl hat sich der ORF - im wohltuenden Gegensatz zu anderen Rund-funkanstalten - diesbezüglich einer durchaus merkbaren Selbstkontrolle unterworfen, doch kann damit dem gefährlichen Einfluß in seiner Gesamtheit nicht wirklich Einhalt geboten werden. Ein wesentlicher Teil der übrigen Medien setzt immer mehr auf den Appell an die aggressiven Instinkte ihrer Konsumenten. Diese Tendenz, die keineswegs nur die heranwachsende Generation beeinflußt, wird immer wirksamer. Oft wird sie als Folge der Kommerzialisierung dargestellt, doch reicht dies zur Erklärung wohl nicht aus. Es wird vielmehr eine zerstörerische Grundhaltung sichtbar, die nicht mehr bloß mit Geschäftsabsicht, sondern wohl eher mit negativen psychischen Phänomenen bei denen erklärt werden kann, die sich zu Produzenten öffentlicher Meinung berufen fühlen. Sie kommt auch gar nicht mehr einem Bedürfnis der Leser und Zuseher entgegen, sondern will offenbar - aus welchen Gründen auch immer - ganz bewußt ein Grundklima der Gehässigkeit erzeugen.

So forderte unlängst ein vielgelesenes, bilderreiches aber niveauarmes Blatt in der Überschrift eines „Berichtes” über vermeintliche Fehlentscheidungen von Verantwortungsträgern einer Sozialanstalt wörtlich, man solle doch „die Betonschädel zerschlagen”. Deutlicher kann man den Wahnsinn einer allgemeinen Gewaltpropagierung nicht mehr darstellen, die keineswegs nur erfolgsgeilen Drehbuchautoren angelastet werden kann. Sie wird zu einem Phänomen unserer Gesellschaft und ihrer Kommunikation.

So kommen heute Kinder zur Schule, die in einer Umgebung aufwachsen, welche sich immer mehr von der Kultur der Konfliktbewältigung wegbewegt. Bei der Jugendrichterwoche vor drei Jahren stand neuerlich das Fachurteil der Psychologen zur Debatte, welche Jugendliche keineswegs von vornherein als gewalttätig betrachten, sondern das Milieu, in dem sie leben. Hier läßt - wie dargelegt wurde - die Sucht nach Spannung das stillschweigende Einverständnis mit Gewalt entstehen. Kann die Schule also überhaupt dieser Entwicklung entgegensteuern ?

Realistisch betrachtet muß man diese Frage eigentlich verneinen. Damit soll kein negatives Urteil über die Pädagogen abgegeben werden, bei denen man ja immer mehr wahrnimmt, daß sie einen zermürbenden Kampf gegen sogenannte „schwierige” Schüler und allgemeine Disziplinlosigkeit führen müssen. Schwierig sind diese Kinder keineswegs von sich aus. Sie bekommen ja die Aggressivität - in mehrfacher Hinsicht des Wortes - mit. Sie haben viel weniger Möglichkeiten, sich im Freien und im freien Spiel austoben und den Umgang mit anderen im realen Leben zu erproben (siehe auch Seite 15).

An die Stelle ihrer entwicklungsbedürftigen, kreativen Phantasie tritt das Leben in einer Schein weit, die ihnen insbesondere das Fernsehen vorführt. Fiktion und Tatsachen verschwimmen hier ineinander. Der Kasperl von heute hat eine Pistole in der Hand und schlägt zu, bis das Blut rinnt - telegen vom Requisiteur produziert oder tatsächlich sichtbar in grausamen Kriegszenen.

Der Nervenkitzel für die Erwachsenen wird zum erbarmungslosen, brutalen Eingriff in die noch nicht abgebrühte, zarte Seele der Kleinen. Da hilft kein Appell an die sozialpädagogische Aufgabe der Schule. Sie kann nicht gutmachen, was andere verdarben.

Jene Schule, die man jahrelang von einer Reform zur anderen hetzte und die letzter Schauplatz einer Gesellschaftspolitik ist, welche Freiheit mit Hemmungslosigkeit verwechselt. Dazu kommt, daß genau diese Negativentwicklung immer weniger intakte Familien übrigläßt, welche die Aufgabe der Berufspädagogen sinnvoll unterstützen könnte. Wir dürfen also das Phänomen der Gewalt in unseren Lehranstalten nicht als isoliertes Problem betrachten, dem man schon irgendwie beikommen kann.

Nein, hier spiegeln sich schwere Defekte unserer heutigen Gesellschaft wieder. Kinder, die rücksichtslos sind, die brutal zuschlagen und andere quälen, sind Leidtragende und Abbild zugleich einer Gesellschaft, welche ihre Humanität aufzugeben im Begriff ist.

Einer Sozietät, die sich die Droge der Gewalt von den Medien verabreichen läßt und daran schrecklich gedankenlosen Gefallen findet. Wenn wir dieser Entwicklung nicht Einhalt gebieten, laden wir uns eine wahrhaft historische Schuld auf. Die Geschichte lehrt uns, daß es Fehlentwicklungen gibt, die nicht mehr korrigiert werden können, weil sie den Niedergang ganzer Zivilisationen herbeiführen.

Es muß daher ein radikaler Themenwechsel der Politik herbeigeführt werden. Wir müssen uns von einer nur konfliktorientierten, extrem vordergründigen Diskussion über ein bequemes und materiell orientiertes Wohlergehen lösen und wieder jene Werte in den Mittelpunkt stellen, ohne die alles andere sinnlos wird.

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