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Zu ebener Erde und erster Stock

Im österreichischen Haus der Bildung befinden sich Schüler aus armen Familien hartnäckig im Parterre. Spätestens pisa hat gezeigt, dass es auch anders geht.

Selina hat ihren Hauptschulabschluss gemacht. Und das, obwohl die schüchterne 15-Jährige vor über einem Jahr bereits abgeschrieben worden war. Hätte es die Pädagoginnen des Vereins "Jugendchance" nicht gegeben - sie wäre es noch immer. Doch der kostenlose Hauptschulabschlusskurs, den "Jugendchance" für finanziell benachteiligte Jugendliche wie Selina finanziert, hat ihr Appetit auf eine weitere Ausbildung gemacht. Schließlich hat das türkischstämmige Mädchen nach langen Phasen der Entmutigung endlich das gelernt, was für andere selbstverständlich ist: gut und richtig schreiben.

Entmutigte Jugendliche

Die Armutsforschung entlarvt die Rede von gleichen Aufstiegschancen für alle, "die nur wollen", als Mythos. Was den Bildungs- und Lebensweg entscheidet, ist vielmehr die soziale Herkunft. Das zeigt nicht nur jene Studie, die Hilde Weiss vom Institut für Soziologie der Universität Wien jüngst präsentiert hat (siehe unten). Das dokumentiert auch die pisa II-Studie aus dem Jahr 2003, die ab April in die dritte Runde mit Schwerpunkt Naturwissenschaften geht: "Wo stehst du, wenn du 30 Jahre alt bist?", wurden damals 15-jährige Schülerinnen und Schüler in ganz Europa gefragt. Ergebnis: In Österreich trauen sich Kinder aus Familien mit geringem sozioökonomischen Status weniger zu als etwa Kinder aus vergleichbaren Familien in Finnland oder Kanada. Insgesamt sind die Zukunfts-Vorstellungen der 15-Jährigen in jenen Ländern viel stärker von der "Schicht" der Eltern geprägt, in denen die Kinder durch ein selektives Schulsystem in frühen Jahren verschiedenen Schultypen zugeteilt werden. Man weiß also, wer im Haus der Bildung wohin gehört: Und Kinder armer Familien gehören ins Parterre.

Ein Beispiel: Je weniger österreichische Eltern verdienen, desto eher wechseln ihre Kinder nicht in die ahs-Unterstufe - auch wenn sie laut Volksschulzeugnis die ahs-Reife gehabt hätten. Das setzt sich fort über die Oberstufe bis zum Studium. "Fahrstuhleffekt" heißt das in der Soziologie. Wie ein Lift wird die Gesellschaft in die Höhe gefahren, was auch in den unteren Schichten zu höherem Lebensstandard führt - und trotzdem bleiben die Unterschiede relativ konstant und die soziale Durchlässigkeit gering. "Jeder kann gewinnen, wenn er nur will", heißt es. Oder umgekehrt: Selber schuld, wer es nicht schafft. Diese Ideologie ist besonders wirkungsvoll, weil sie "Verlierer" beschämt und "Gewinner" bestätigt.

"Finnland hat ja nur wenige K inder, die die Unterrichtsprache nicht beherrschen, da können die leicht pisa-Sieger im Lesen werden", lautet ein gängiges Erklärungsmuster, warum im heimischen Schulsystem zwischen "unten" und "oben" nichts verändert werden müsse. Doch die kanadische Provinz Alberta (mit immerhin 21 Prozent Migrantenkinder unter den getesteten 15-Jährigen) liegt in "Mathematik" noch vor dem pisa-Sieger Finnland, in "Lesen" mit Finnland gleichauf und in "Naturwissenschaften" unter den besten vier. 13 Prozent der kanadischen Kinder, die für pisa getestet wurden, sprechen zu Hause nicht die Unterrichtssprache, in Österreich sind es neun Prozent.

Chancenreiche Einwanderer

Zudem werden in Kanada die Spitzenleistungen der 15-Jährigen im Lesen nicht nur von Schülern und Schülerinnen, deren Eltern im Inland geboren wurden, erbracht, sondern auch von Einwanderer-Kindern. Und das, obwohl sich die Gruppe kanadischer Einwanderer nicht nur aus höher Qualifizierten, sondern zur Hälfte auch aus weniger qualifizierten Familienangehörigen und Flüchtlingen zusammensetzt. Diese zweite Hälfte wird in den europäischen Diskussionen gern verschwiegen.

Dass die Größe des Anteils von Migrantinnen und Migranten an der Gesamtschülerzahl nicht als Erklärung für die großen Leistungsunterschiede in Österreich herangezogen werden kann, belegt auch ein anderes pisa-Ergebnis: 80 Prozent der österreichischen Schülerinnen und Schüler, welche die schlechtesten Ergebnisse beim Lesen erbrachten, sprechen zu Hause Deutsch. Hier ist also nicht der ethnische, sondern der sozioökonomische Hintergrund bestimmend.

Zugleich ist die Streuung der Schulleistungen hierzulande besonders groß: Finden sich in Österreich 21 Prozent der Schülerinnen und Schüler am unteren Ende der Leistungsverteilung, so sind es in Finnland sechs Prozent, in den Niederlanden elf Prozent und in Schweden 13 Prozent. Andererseits erreichen in Österreich nur acht Prozent mit "Level 5" den obersten Leistungsbereich in "Lesen" - dagegen sind es in Finnland 15 Prozent, in Schweden elf und in den Niederlanden neun Prozent.

Individuelle Förderung

Spitzenleistungen und geringe Streuung der Ergebnisse schließen einander also nicht zwingend aus. Und die Förderung von Spitzenleistungen muss nicht auf Kosten der Förderung von schwachen Schülerinnen und Schülern gehen. Vielmehr können Schulsysteme ihre Besten für Spitzenleitungen qualifizieren, gleichzeitig aber dafür sorgen, dass der Abstand der schwächsten Schülerinnen und Schüler zu den besten gering ist.

Der Königsweg zu diesem Ziel besteht in starker individueller Förderung von Kindern in relativ heterogenen Gruppen. So gibt es etwa in der erfolgreichen kanadischen Provinz Alberta eine gemeinsame Vorschule für alle Kinder - und keine, die nach Sprachkönnen selektiert. Auch hier gilt wieder: In heterogenen Gruppen individuell fördern und keine "homogenen Ausländergruppen" bilden. Zwar hat das im Dezember beschlossene "Schulpaket II" mit der vorverlegten Schuleinschreibung den Gedanken der Frühförderung für Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache aufgegriffen und eine (noch nicht fixierte) Zahl von Stützlehrern in Aussicht gestellt, zugleich setzt man aber weiter auf solche "homogenen Ausländergruppen" im Deutschunterricht. In Alberta hingegen werden in der gemeinsamen Vorschule sowohl die Muttersprache als auch die Unterrichtssprache gefördert, weil sprachwissenschaftlich erwiesen ist, dass ausreichende Kenntnisse in der Muttersprache das Erlernen einer neuen Sprache wesentlich erleichtern.

Sparsame Selektion

Nicht zuletzt gibt es in Alberta - abgesehen von Sondereinrichtungen für geistig schwer beeinträchtigte Kinder - keine vom Schulsystem vorgesehene Selektion während der Pflichtschulzeit. Es besuchen alle 6- bis 15-Jährigen gemeinsam die sechs Jahre dauernde Primary School und im Anschluss die dreijährige Junior High School. Dass hier niemand unter die Räder kommt, liegt in der Verantwortung der Schule und der Lehrenden. Finnland, dessen Schulsystem ähnlich jenem Kanadas ist, bemüht sich ebenso um jeden einzelnen Schüler. Die Philosophie dahinter ist in den Schulen an der Wand nachzulesen: "Keinen Schüler aufgeben", wird von den Lehrerinnen und Lehrern gefordert. "Kein Kind beschämen."

Auch Selina ist nicht aufgegeben worden. Sie hat Glück gehabt, dass sie auf den Verein "Jugendchance" gestoßen ist. Aber vom Glück soll es wohl nicht abhängen, dass es für Jugendliche Zukunft gibt - trotz Herkunft.

Der Autor ist Sozialexperte der Diakonie und Mitinitiator der Armutskonferenz.

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