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Zurück zur Intuition!

Der Bonner Kinderpsychiater und Bestsellerautor Michael Winterhoff über gestresste Eltern, gefühllose Kinder, ausgebrannte Lehrer - und die heilsame Wirkung eines Waldspaziergangs.

Mit seinen Bestsellern über die drohende Tyrannei verhaltensauffälliger Kinder hat Michael Winterhoff für Debatten gesorgt. In seinem neuen Buch plädiert er für einen Ausstieg aus dem "Katastrophenmodus“. DIE FURCHE bat Winterhoff, der vergangene Woche auf Einladung der Gewerkschaft der Pflichtschullehrerinnen und Pflichtschullehrer nach Wien gekommen war, zum Gespräch.

Die Furche: Herr Winterhoff, wenn man als Mutter oder Vater Ihre Bücher liest, könnte man leicht in Depression verfallen. Etwas provokant gefragt: Ist denn im Vergleich zu früher in Erziehung und kindlicher Lebenswelt wirklich nichts besser geworden?

Michael Winterhoff: Natürlich hat sich manches verbessert! Die 68er haben die große Errungenschaft des Querdenkens mit sich gebracht. Vorher gab es nur rein traditionelles Denken: Die Kinder hatten zu funktionieren und mussten sich nach den Eltern richten. Durch die 68er wurde es möglich, Kinder als Kinder zu sehen, auch in ihrer Persönlichkeit. Es wurde wichtig, Dinge mit Kindern und Jugendlichen zu besprechen.

Die Furche: Wobei Sie aber in Ihrem ersten Buch "Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ gerade diese Partnerschaftlichkeit als Grundübel ausgemacht haben …

Winterhoff: Als Kinderpsychiater bin ich nicht befasst mit der Frage: Wie erziehe ich mein Kind? Sondern ich bin seit 27 Jahren immer dann gefragt, wenn etwas nicht funktioniert. Und wenn wir früher in einer Klasse nur zwei bis vier auffällige Kinder hatten und das heute völlig anders ist, muss sich insgesamt etwas verändert haben. Ich prangere auch keinen partnerschaftlichen Erziehungsstil an, aber heute glaubt man, schon kleine Kinder mit Reden und Begreiflichmachen erziehen zu können. Doch Erziehung im eigentlichen Sinn beginnt erst mit drei Jahren. Davor brauchen Kinder vor allem Ruhe und Orientierung.

Die Furche: Genau an dieser Ruhe mangle es, konstatieren Sie in Ihrem neuen Buch.

Winterhoff: Ja, viele Erwachsene sind immer hochgedreht und merken es nicht einmal. Früher hat man gearbeitet und war gestresst, aber zu Hause war man entspannt. Doch heute ist zwischen Arbeit und Freizeit kein Unterschied mehr. Man rast gewissermaßen auf den Tod zu. Zusätzlich ist die Psyche vieler Menschen durch die permanente Konfrontation mit Krisen- und Katastrophennachrichten sozusagen auf "Katastrophenmodus“ umgestellt. Sie ruhen nicht mehr in sich, sondern sind nur noch nach außen gerichtet und versuchen gleichsam, zu überleben. Wenn nun Kinder ständig diesen Stress erleben, führt das dazu, dass ihre emotionale Entwicklung stagniert.

Die Furche: Mit welchen Folgen?

Winterhoff: Viele Kinder und Jugendliche sind einfach nicht mehr in der Lage, Strukturen zu erkennen: Ich bin in einer fremden Umgebung! Ich sitze in einem Unterricht! Und weil sie den Lehrer nicht als Lehrer erkennen, sind sie respektlos wie kleine Kinder. Die Probleme in den Schulen rühren meiner Ansicht nach ja nicht daher, dass die Kinder nicht erzogen sind, sondern dass sie nicht entwickelt sind. Viele Jugendliche haben auch überhaupt kein Unrechtsbewusstsein. Die stehlen einfach und verstehen gar nicht, dass sie etwas falsch machen. Dabei stammen immer mehr aus besten Familien! Viele haben eine pure Zerstörungslust. Lehrer werden attackiert, Kinderärzte gebissen, Gleichaltrige gemobbt oder niedergeschlagen. Es ist keine Empathie vorhanden, keine Fähigkeit, sich in andere hineinzufühlen.

Die Furche: Folgt man Ihrer Analyse, dann befinden sich Lehrerinnen und Lehrer mit ihrer Pädagogik auf verlorenem Posten …

Winterhoff: Die Probleme der Kinder, von denen ich spreche, lassen sich tatsächlich nicht pädagogisch beheben. Letztendlich wünsche ich mir von der Schule ein erweitertes pädagogisches Knowhow, damit unsere Kinder sich dort, außerhalb ihrer Familien, so entwickeln können, dass sie wieder eine klassische Schulreife erlangen. Wir haben heute in Deutschland 46 Prozent nicht arbeitsfähiger Schulabgänger. Um das zu ändern, müssen wir aber investieren. Wir brauchen einen höheren Personalschlüssel, kleinere Klassen und mehr Sozialpädagogen an den Schulen. Ich würde mir prophylaktisch auch für alle Kinder verpflichtend und ganztägig ein Vorschuljahr wünschen - mit acht bis zwölf Kindern pro Gruppe.

Die Furche: Das klingt nach Zukunftsmusik, die Burnout-gefährdete Lehrer von heute wohl nicht mehr hören werden …

Winterhoff: Ich habe tatsächlich Sorge, dass die Politik die Lehrer sträflich verschleißt. Wir lassen sie sitzen mit einem Problem, das sie nicht lösen können. Das ist für mich letztendlich auch eine gesamtgesellschaftliche Misshandlung der Kinder.

Die Furche: Die Lösung, die Sie vorschlagen, setzt bei den Eltern an. Um ihre Intuition wiederzufinden und den Hebel von Katastrophen- auf Normalbetrieb umzustellen, sollten sie fünf Stunden ohne Ziel und Handy in den Wald gehen. Im Alltag berufstätiger Eltern wohl kaum zu realisieren …

Winterhoff: Wenn man das so sieht, ist man schon im Problem drin. Das Beste wäre, man würde fünf Tage in ein Kloster gehen: kein Fernseher, kein Internet, kein Buch, nichts. Aber jeder würde sagen: Fünf Tage habe ich nicht Zeit. Unsere Psyche baut eben Schutzmauern auf, sie versucht immer, den Zustand zu erhalten, in dem wir stecken. Würde man sich auf dieses Experiment einlassen, würde man merken, dass wir die unfreiesten Menschen sind im Hamsterrad, denn wir können uns selbst nicht mehr aushalten. Aber irgendwann würde man eine Ruhe erleben, die man sich vorher gar nicht mehr vorstellen konnte. Und dann würde es einem gelingen, schon mit einer wöchentlichen Yogastunde oder einem wöchentlichen längeren Wald-Spaziergang diese Erfahrung zu wiederholen.

Die Furche: Diese innere Ruhe würde verhaltensauffällige Kinder prompt "kurieren“?

Winterhoff: Ja. Ich habe erst kürzlich eine Mutter mit fünf Kindern bei mir gehabt, bei der die ganze Familie kopfgestanden hat. Und eines Tages ist sie völlig verändert bei mir gewesen und hat mir plastisch geschildert, dass ihre Kinder plötzlich freundlich geworden sind und sie wahrnehmen. Sie hat dazu allerdings einen anderen Weg als den Wald oder Yoga gewählt. Aber wenn man sich über drei Wochen jeden Tag eine Dreiviertelstunde in eine Kirche setzt, ist man irgendwann an demselben Punkt.

Lasst Kinder wieder Kinder sein

Oder: Die Rückkehr zur Intuition.

Von Michael Winterhoff, Gütersloher Verlagshaus 2011. 205 Seiten, gebunden, e 20,60

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