#8 Soziale Selbstdemontage

1945 1960 1980 2000 2020

Mit Jogginghosen in den Supermarkt

1945 1960 1980 2000 2020

Mit Jogginghosen in den Supermarkt

Ich glaube nicht, dass die Jogginghose das wollte. Ungefragt wurde sie zur offiziellen Homeoffice-Uniform, zum Symbolbild der Corona-Lockdowns und nun zum Fashion-Trend 2021 erklärt. Ihre Aufgabe ist nicht mehr, für Entspannung am Sofa zu sorgen oder Wurstigkeit in der Öffentlichkeit auszudrücken. Die Jogginghose hat sich emanzipiert. Sie braucht weder Chipsbrösel noch Yogamatten zur Legitimation. Sie ist, was sie ist. Ich komme damit nicht klar. Nach einem Jahr Homeoffice, in dem ich sehnsüchtig davon geträumt habe, eines Tages wieder halbwegs modische Outfits zu tragen, stelle ich fest, dass ich bereits das ganze letzte Jahr voll im Trend war.

Meine Beziehung zur Jogginghose hat sich jedoch bereits vor der Pandemie gewandelt. Aufgewachsen bin ich eher mit dem Lagerfeld’schen Glaubenssatz – Jogginghose ist gleich Kontrollverlust. Zumindest was das Tragen der gemütlichen Teile in der Öffentlichkeit angeht. Am Land in Jogginghosen in den Supermarkt zu gehen, glich bisher sozialer Selbstdemontage. Was?! Monika trägt Leggins?! Hat sie etwa ihren Job verloren? Bestimmt Beziehungsprobleme! Hat Horst sie betrogen? Wird es bald eine Scheidung geben? Was passiert mit den Kindern? Die waren ja schon immer sehr eigen… Und das Haus? Die Ablöse kann sich Monika bestimmt nicht leisten. Vor allem jetzt, wo sie arbeitslos ist…

In der Stadt hingegen verschwindet das Hosenproblem im Schutz der Anonymität. Die Wahrscheinlichkeit, jemand Bekannten beim Einkaufen zu treffen, ist äußerst gering. Und sollte es doch passieren, sind beide Parteien so verwirrt über die unerwartete Begegnung, dass auf Outfits gar nicht mehr geachtet wird.

Doch diese Anonymität geht in Zeiten von Homeoffice auch in der Stadt zunehmend verloren. Genauso, wie die Jogginghose ungefragt ins Außen gezerrt wurde, ist unser bisher geschützter Rückzugsort einer neuen Öffentlichkeit ausgesetzt. Das Berufsleben hat es sich längst neben uns auf der Couch gemütlich gemacht und greift genüsslich in die Chips-Schüssel. Der Laptop am Küchentisch winkt auch am Wochenende mit der To-Do-Liste, den persönlichen Austausch zwischen Kolleg(inn)en kompensiert man mit „lustigen“ Bildchen im Gruppenchat, statt über Kleidung definiert man sich nun über Einrichtungsgegenstände (Was hast du denn da Lustiges im Hintergrund stehen?).

Die Jogginghose als legitime Beinbekleidung erscheint so gesehen als gar kein schlechtes Gegengeschäft. Immerhin: Selbst Monika kann den Wocheneinkauf nun im Schlabberlook erledigen und trotzdem glücklich verheiratet bleiben.

Ich glaube nicht, dass die Jogginghose das wollte. Ungefragt wurde sie zur offiziellen Homeoffice-Uniform, zum Symbolbild der Corona-Lockdowns und nun zum Fashion-Trend 2021 erklärt. Ihre Aufgabe ist nicht mehr, für Entspannung am Sofa zu sorgen oder Wurstigkeit in der Öffentlichkeit auszudrücken. Die Jogginghose hat sich emanzipiert. Sie braucht weder Chipsbrösel noch Yogamatten zur Legitimation. Sie ist, was sie ist. Ich komme damit nicht klar. Nach einem Jahr Homeoffice, in dem ich sehnsüchtig davon geträumt habe, eines Tages wieder halbwegs modische Outfits zu tragen, stelle ich fest, dass ich bereits das ganze letzte Jahr voll im Trend war.

Meine Beziehung zur Jogginghose hat sich jedoch bereits vor der Pandemie gewandelt. Aufgewachsen bin ich eher mit dem Lagerfeld’schen Glaubenssatz – Jogginghose ist gleich Kontrollverlust. Zumindest was das Tragen der gemütlichen Teile in der Öffentlichkeit angeht. Am Land in Jogginghosen in den Supermarkt zu gehen, glich bisher sozialer Selbstdemontage. Was?! Monika trägt Leggins?! Hat sie etwa ihren Job verloren? Bestimmt Beziehungsprobleme! Hat Horst sie betrogen? Wird es bald eine Scheidung geben? Was passiert mit den Kindern? Die waren ja schon immer sehr eigen… Und das Haus? Die Ablöse kann sich Monika bestimmt nicht leisten. Vor allem jetzt, wo sie arbeitslos ist…

In der Stadt hingegen verschwindet das Hosenproblem im Schutz der Anonymität. Die Wahrscheinlichkeit, jemand Bekannten beim Einkaufen zu treffen, ist äußerst gering. Und sollte es doch passieren, sind beide Parteien so verwirrt über die unerwartete Begegnung, dass auf Outfits gar nicht mehr geachtet wird.

Doch diese Anonymität geht in Zeiten von Homeoffice auch in der Stadt zunehmend verloren. Genauso, wie die Jogginghose ungefragt ins Außen gezerrt wurde, ist unser bisher geschützter Rückzugsort einer neuen Öffentlichkeit ausgesetzt. Das Berufsleben hat es sich längst neben uns auf der Couch gemütlich gemacht und greift genüsslich in die Chips-Schüssel. Der Laptop am Küchentisch winkt auch am Wochenende mit der To-Do-Liste, den persönlichen Austausch zwischen Kolleg(inn)en kompensiert man mit „lustigen“ Bildchen im Gruppenchat, statt über Kleidung definiert man sich nun über Einrichtungsgegenstände (Was hast du denn da Lustiges im Hintergrund stehen?).

Die Jogginghose als legitime Beinbekleidung erscheint so gesehen als gar kein schlechtes Gegengeschäft. Immerhin: Selbst Monika kann den Wocheneinkauf nun im Schlabberlook erledigen und trotzdem glücklich verheiratet bleiben.

Digital Dirndl V2 - © Illustration: Rainer Messerklinger

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Aufgewachsen im Weinviertel, dann übersiedelt nach Wien, ist Margit Körbel mittendrin im Konflikt von gemütlicher Landidylle und rauschendem Stadtleben, Traditionen und deren Bruch, Millennials und Babyboomern. Wöchentlich schreibt Sie von Ihren Erlebnissen. Hier kostenlos abonnieren.

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