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Was ist Aufklärung?

Online-Porno - Der suchtartige Konsum von Online-Pornografie ist ein relativ junges Phänomen, das an der Schnittstelle von Sexsucht und Internetsucht zu verorten ist. - © iStock / gpointstudio (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)
Dossier

"Supernormaler Stimulus“

1945 1960 1980 2000 2020

Pornografie und Cybersex machen das Internet zu einem enthemmten Handlungsraum – mit hohem Suchtrisiko.

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Pornografie und Cybersex machen das Internet zu einem enthemmten Handlungsraum – mit hohem Suchtrisiko.

Online-Pornografie folgt der Logik des digitalen Kapitalismus: Sie ist rund um die Uhr und praktisch überall verfügbar. Noch dazu meist kostenlos. Die Algorithmen von Anbietern wie YouPorn präsentieren unterschiedlichste Kategorien erotischer Vorlieben und verknüpfen Videos mit ähnlichen sexuellen Inhalten. In diesen unterirdischen Weiten können sich Internet-Nutzer quasi endlos verlieren: Ein mächtiger Strudel, ein verführerischer Sog zieht sie selbst gegen ihren Willen hinein. Suchtexperten sehen darin einen „supernormalen Stimulus“. Wenn die Betroffenen aus ihrer Fantasiewelt auftauchen, sind meist mehrere Stunden vergangen – weit mehr als ihnen recht ist. Die Masturbation wird dabei oft als zwanghaft erlebt. Im Falle mehrmaliger Masturbationen steht am Ende nicht die
sexuelle Befriedigung, sondern die körperliche Erschöpfung.
„Beim Verhaltensmuster exzessiver Pornokonsumenten lassen sich ‚Jäger‘ und ‚Sammler‘ unterscheiden“, berichtet Roland Mader: „Es gibt jene, die ständig auf der Suche nach Neuem sind und von einer Webseite auf die nächste springen, und es gibt andere, die ganz bestimmte erotische Darstellungen bevorzugen und diese dann auf ihrer Festplatte speichern und so festhalten.“ Der Primarius am Wiener Anton Proksch Institut, hierzulande die größte Suchtklinik, ist u. a. auf die Behandlung von Online-Abhängigkeiten spezialisiert.

Sex- und Internetsucht

Bislang ist Pornosucht keine eigenständige Diagnose, die Studienlage ist noch dürftig. Denn der suchtartige Konsum von Pornovideos über den Computer ist ein relativ junges Phänomen, das an der Schnittstelle von Sexsucht und Internetsucht zu verorten ist, wie Mader berichtet. „Die Patienten leben ihre Sexualität immer mehr über das Internet“, so der Psychiater. „Das gilt nicht nur für Singles, sondern auch für Menschen in Beziehung: Sie finden im Internet jede Menge an Fantasien und einen grenzenlosen Raum zum Experimentieren. Man kann sich dort Dinge anschauen, die man sich nie vorstellen konnte und die man im realen Leben nie so machen würde.“ Betroffene neigen dann dazu, zunehmend „perverses“ und deviantes Material zu konsumieren. Wie Heroin-Junkies brauchen viele Pornosüchtige über die Zeit immer härteren Stoff, um auf ihre Rechnung zu kommen. Auch in der Sexualität von Jugendlichen spielt das Internet eine immer wichtigere Rolle, meist aus einer doppelten Angst heraus – „vor Beziehungen und vor Krankheiten“, wie Mader bemerkt.

Online-Pornografie folgt der Logik des digitalen Kapitalismus: Sie ist rund um die Uhr und praktisch überall verfügbar. Noch dazu meist kostenlos. Die Algorithmen von Anbietern wie YouPorn präsentieren unterschiedlichste Kategorien erotischer Vorlieben und verknüpfen Videos mit ähnlichen sexuellen Inhalten. In diesen unterirdischen Weiten können sich Internet-Nutzer quasi endlos verlieren: Ein mächtiger Strudel, ein verführerischer Sog zieht sie selbst gegen ihren Willen hinein. Suchtexperten sehen darin einen „supernormalen Stimulus“. Wenn die Betroffenen aus ihrer Fantasiewelt auftauchen, sind meist mehrere Stunden vergangen – weit mehr als ihnen recht ist. Die Masturbation wird dabei oft als zwanghaft erlebt. Im Falle mehrmaliger Masturbationen steht am Ende nicht die
sexuelle Befriedigung, sondern die körperliche Erschöpfung.
„Beim Verhaltensmuster exzessiver Pornokonsumenten lassen sich ‚Jäger‘ und ‚Sammler‘ unterscheiden“, berichtet Roland Mader: „Es gibt jene, die ständig auf der Suche nach Neuem sind und von einer Webseite auf die nächste springen, und es gibt andere, die ganz bestimmte erotische Darstellungen bevorzugen und diese dann auf ihrer Festplatte speichern und so festhalten.“ Der Primarius am Wiener Anton Proksch Institut, hierzulande die größte Suchtklinik, ist u. a. auf die Behandlung von Online-Abhängigkeiten spezialisiert.

Sex- und Internetsucht

Bislang ist Pornosucht keine eigenständige Diagnose, die Studienlage ist noch dürftig. Denn der suchtartige Konsum von Pornovideos über den Computer ist ein relativ junges Phänomen, das an der Schnittstelle von Sexsucht und Internetsucht zu verorten ist, wie Mader berichtet. „Die Patienten leben ihre Sexualität immer mehr über das Internet“, so der Psychiater. „Das gilt nicht nur für Singles, sondern auch für Menschen in Beziehung: Sie finden im Internet jede Menge an Fantasien und einen grenzenlosen Raum zum Experimentieren. Man kann sich dort Dinge anschauen, die man sich nie vorstellen konnte und die man im realen Leben nie so machen würde.“ Betroffene neigen dann dazu, zunehmend „perverses“ und deviantes Material zu konsumieren. Wie Heroin-Junkies brauchen viele Pornosüchtige über die Zeit immer härteren Stoff, um auf ihre Rechnung zu kommen. Auch in der Sexualität von Jugendlichen spielt das Internet eine immer wichtigere Rolle, meist aus einer doppelten Angst heraus – „vor Beziehungen und vor Krankheiten“, wie Mader bemerkt.

In den unterirdischen Weiten des Internet können sich die User quasi endlos verlieren: Ein mächtiger Strudel zieht Pornosüchtige selbst gegen ihren Willen hinein.

Demgegenüber erscheint die Online-Pornografie sicher und steril. Doch das Interesse an einem realen Partner und einer echten Beziehung kann rasch verloren gehen, wenn die Befriedigung zunehmend vor dem Bildschirm erlangt wird. Intimität und zwischenmenschlicher Austausch beginnen zu leiden. Doch das bleibt nicht das einzige Problem: Wer immer mehr Zeit vor dem Computer verbringt, vernachlässigt zuweilen auch berufliche Verpflichtungen. Manche Pornosüchtige verlieren im fortgeschrittenen Stadium nicht nur ihren Partner, sondern aufgrund eingeschränkter Leistungsfähigkeit auch ihren Arbeitsplatz. Diese destruktive Dynamik ist durchaus ähnlich wie bei der Alkohol- bzw. Drogensucht.

Scham und Schuldgefühl

Auch im Gehirn laufen bei der Pornoabhängigkeit ähnliche Prozesse wie bei substanzgebundenen Süchten ab. Das Belohnungssystem wird (über-)aktiviert; es kommt zur Ausschüttung von Botenstoffen wie Dopamin, Serotonin und Endorphinen. Es gibt Hinweise, so Mader, dass erhöhter Pornokonsum zu einem „Ausleiern“ des Belohnungssystems führen kann, wobei Jugendliche gegebenenfalls stärker betroffen sind. Grundsätzlich sei aber darauf hinzuweisen, „dass ein leichter bis moderater Pornokonsum keinerlei negative Folgen haben dürfte“.
Aufgrund ihres Verhaltens fühlen sich Pornosüchtige meist massiv schuldig, so Mader: „Zunächst gilt es einmal, die Scham zu überwinden, welche die ersten Gespräche so schwierig macht.“ Therapeuten sollten wissen, dass Sexsüchtige keine guten Liebhaber sind: Das heißt, dass hinter jeder Porno- bzw. Sexsucht meist Sozialängste und Kontaktstörungen zu finden sind. Im Hintergrund lauert eine Störung der Beziehungsfähigkeit, der Bindung und der Intimität. „All das muss man bearbeiten, um die Online-Süchtigen wieder in die analoge Realität zu holen“, erläutert Mader. Auch die Verhaltenstherapie basierend auf einem „Masturbationstagebuch“ hat sich bewährt. Durch bewusste Ernährung, Sport, Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen soll schließlich wieder eine gesunde Beziehung zum Körper aufgebaut werden. Unter Umständen könne man sich auch die Nebenwirkungen antidepressiver Medikamente therapeutisch zunutze machen, da manche von ihnen das sexuelle Verlangen (Libido) dämpfen.

„Datenanzüge“ und „Teledildos“

Die Probleme mit der Online-Pornografie sind wohl nur ein Symptom eines größeren gesellschaftlichen Wandels, den die israelische Soziologin Eva Illouz prägnant beschrieben hat: „(...) durch das Internet sind Märkte erwachsen, die Menschen zeitgleich mit Hunderten von potenziellen LiebespartnerInnen konfrontieren und so zu einem sexuellen Konsumverhalten förmlich einladen.“ Und sie sind vielleicht nur ein Vorgeschmack auf künftige Entwicklungen, vermutet Roland Mader: Chat-rooms etwa sind bereits zu Zonen des Exhibitionismus und der erotischen Begegnung geworden, indem man einander mit der Webcam beobachtet. Seit Kurzem lassen sich sogar Berührungen und mechanische Manipulationen mithilfe von Ganzkörperanzügen („Datasuits“) weltweit durch die Datenleitungen schicken. Und mechanische Geschlechtsorgane, sogenannte „Teledildos“, können sexuelle Bewegungen bereits direkt an den gewünschten Körperstellen übertragen. Die Menschheit ist in der virtuellen Realität angelangt – wo nun auch virtueller Sex in unzähligen Spielarten ermöglicht wird.
Dass das Pendel aber bald in die Gegenrichtung ausschlagen wird, weg von der grenzenlosen Kommerzialisierung hin zu Restriktionen und Verboten bei der Online-Pornografie, glaubt Phil Pöschl, Gründer und Obmann des Vereins „Safersurfing“, der selbst zwölf Jahre lang pornosüchtig war. Damals noch ganz ohne Internet: „Am Wochenende bin ich in Altpapiercontainer gestiegen, um nach Pornoheften zu suchen – Dinge, die ich sonst nie gemacht hätte“, erinnert er sich. Der 2006 gegründete Verein soll Menschen nun vor den Gefahren der Internet-Pornografie schützen. „Wir hoffen auf die baldige gesetzliche Regulierung. Es ist an der Zeit, dass die Internet-Provider in die Pflicht genommen werden.“ Ganz im Sinne einer „Ökologie des Menschen“, wie Pöschl betont, wonach Pornokonsum als so etwas wie innere Umweltverschmutzung erscheint.

Dass Internetpornos tatsächlich dazu beitragen, das Weltklima zu verschlechtern, ist eine neue Entwicklung – aber bereits mit harten Fakten belegt. Genau das macht ein Bericht, den die französische Denkfabrik „The Shift Project“ im Juli vorgelegt hat. Daraus lässt sich folgern, dass der Pornokonsum im Internet-Zeitalter weltweit eine gigantische Dimension erreicht hat. Die „Explosion von Video-Anwendungen“ zählt demnach zu den wichtigsten Treibern des steigenden Energiebedarfs infolge der Digitalisierung. Mit 27 Prozent des „On-Demand-Streaming“ ist die Online-Pornografie hier einer der wichtigsten Faktoren: Sie verursacht einen CO2-Ausstoß, der mit jährlich 100 Millionen Tonnen jenen von Österreich (80 Millionen Tonnen) um ein Viertel übersteigt.

Die Dekarbonisierung Europas voranzutreiben, ist das erklärte Ziel von „The Shift Project“. Auch wenn die Online-Pornos offenbar zu einem mächtigen Suchtmittel geworden sind, ist die Schlussfolgerung der Studienautoren denkbar simpel: Sie plädieren für „digitale Enthaltsamkeit“.