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100 Jahre Technisches Museum

Das Technische Museum Wien hat Grund zum Feiern: 100 Jahre Grundsteinlegung und zehn Jahre Wiederöffnung. Ein 100 Tage dauerndes Programm widmet sich der Geschichte, dem Alltag und der Zukunft des Museums.

Ein riesiges rotes Megaphon, scheinbar mit braunem Klebeband zwischen zwei Säulen angebracht, prangt am Portal des Technischen Museums Wien. Es sendet Geräusche von Lokomotiven und Staubsaugern, Dampfmaschinen und Wasserturbinen, Schreibmaschinen und Musikautomaten aus. Diese auffällige Installation des Künstlers Werner Reiterer verkündet mit der Stimme der Technik, dass das Museum zwei bedeutende Daten zu feiern hat: 100 Jahre sind seit der Grundsteinlegung, zehn Jahre seit der Wiedereröffnung vergangen. Diesen Freitag beginnt ein 100 Tage dauerndes Programm zum zweifachen Jubiläum, das sich immer mehr verdichtet, je näher der 21. Juni, der Höhepunkt der Feierlichkeiten, rückt. Dann wird es Bundeskanzler Werner Faymann Kaiser Franz Joseph gleichtun, und im Rahmen eines Festaktes mit einem Hammer auf einen Stein klopfen und damit die Grundsteinlegung symbolisch wiederholen.

Rück-, Ein- und Ausblicke

Kern des Programms ist die nun beginnende Ausstellung "Quergeblickt". Die Schau bespielt auf mehreren Flächen das gesamte Gebäude und bietet Rück-, Ein- und Ausblicke auf die Geschichte, den Alltag und die Zukunft des Museums. Die Rückblicke widmen sich zentralen Kapiteln der Museumsgeschichte. Die ältesten Sammlungsstücke stammen aus dem 1748 begründeten physikalischen Kabinett der Habsburger in der Hofburg. Gegründet wurde das Museum als Denkmal der Leistungen von Industrie und Gewerbe der Monarchie sowie des Bürgertums. "Den Vorfahren zur Ehre, der Jugend zur Lehre", lautete das Credo der Gründer. In der NS-Zeit spielte das Museum keine exponierte Rolle, von 1930 bis 1949 wurde es über alle politischen Brüche hinweg von Direktor Viktor Schützenhofer geleitet. Allerdings fand auch geraubtes jüdisches Kulturgut Eingang in die Sammlung.

Zweimal im Leben gehe man in das Technische Museum, heißt es: einmal als Kind und einmal mit seinem Kind an der Hand. Ganz daneben liegt der Volksmund nicht: Die Hauptbesucher sind Familien und Jugendliche, wie die Ausstellung dokumentiert. 36 Prozent der Besucher kommen aus dem Ausland, das Museum steht auf Platz zwölf der meistbesuchten Touristenattraktionen Wiens. Es passte so gar nicht in das familienfreundliche Image der Institution, dass Anfang der 1960er Jahre ein gewisser Hermann Nitsch als Gebrauchsgrafiker im Museum angestellt war, der in seiner Freizeit seltsame Schüttbilder fabrizierte. Der drohenden Kündigung wegen Verletzung der Würde des Hauses kam der heute weltberühmte Künstler mit einem freiwilligen Abgang zuvor. Im Lauf der Jahre verfiel das Haus zunehmend, bis es 1992 geschlossen wurde. Nach jahrelanger Generalsanierung wurde es vor zehn Jahren wiedereröffnet.

Auch im Internet ist eine Ausstellung eingerichtet: "Quergeklickt" heißt die virtuelle Schau ( www.100jahretmw.at), die die reelle ergänzt. Hier sind zum Beispiel alternative Entwürfe für den Museumsbau zu betrachten; an dem damaligen Architekturwettbewerb nahmen auch Otto Wagner und Adolf Loos teil, zum Zug kam allerdings der eher konservative Architekt Hans Schneider. Gestaltet wurde "Quergeklickt" von der Österreichischen Mediathek, die als Teil des Technischen Museums darauf spezialisiert ist, Ton- und Filmaufnahmen zur österreichischen Zeitgeschichte zu bewahren. In akustischer Form präsentiert werden Dokumente aus der NS-Zeit, in denen es um die große Ehrentafel im Stiegenhaus des Museums geht. Darauf fanden sich nämlich die Namen zweier jüdischer Stifter. Auf Druck der örtlichen Parteileitung wurde die Tafel durch eine andere, noch heute bestehende ersetzt, auf der die Namen aller Stifter getilgt wurden und das Museumsmotto durch die Worte "der Wirtschaft zum Nutzen" erweitert wurde. Die Künstlerin Miriam Bajtala macht diesen Akt mit einer Intervention vor der Tafel sichtbar.

Neun Künstler hat das technische Museum eingeladen, mit eigens konzipierten Arbeiten eine Außenperspektive in das Jubiläumsprogramm einzubringen. Dazu gehören bizarre technische Objekte von David Moises, die ganz traditionell in Vitrinen präsentiert werden. Zum Beispiel die "ultimate machine", ein Kästchen im Retro-Design mit einem metallischen Schalter. Wird dieser betätigt, so öffnet sich das Behältnis, eine realistisch wirkende Hand taucht auf, legt den Schalter um, zieht sich wieder zurück und das Kästchen schließt sich: ein ebenso humorvolles wie wohlüberlegtes Statement zum Verhältnis von Mensch und Maschine.

Ab 17. Juni hat das Museum 100 Stunden lang rund um die Uhr geöffnet. Dann inszeniert der Performancekünstler Oliver Hangl live eine glamouröse Revue mit nutzlos gewordenen Elektrogeräten. Bis 30. April können funktionierende Geräte für dieses Kunstereignis abgegeben werden. Damit dies nicht als kostenlose Form der Entsorgung von Herden, Kühlschränken und Ähnlichem missbraucht werden kann, ist die Größe der Elektrogeräte auf 50 mal 50 mal 50 Zentimeter beschränkt.

100 Jahre Technisches Museum Wien

TMW, Mariahilfer Str. 212, 1140 Wien

Von 13.3 bis 21.6., Mo-Fr 9-18; Sa,So 10-18 Uhr

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