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1968 - Erfolgreich gescheitert

1945 1960 1980 2000 2020

Das Jahr des Protests hat die westliche Gesellschaft nachhaltig verändert. Engstirnigkeit und Intoleranz wichen Offenheit und Freiheit.

1945 1960 1980 2000 2020

Das Jahr des Protests hat die westliche Gesellschaft nachhaltig verändert. Engstirnigkeit und Intoleranz wichen Offenheit und Freiheit.

Ho-Ho-Holaubek", skandierten die Demonstranten am Platz vor dem Rathaus. Nicht daß der Wiener Polizeipräsident zum Idol der rebellischen Jugend geworden wäre - im Gegenteil: An jenem 1. Mai im Jahre 1968 war die Exekutive wieder einmal ausgerückt, um mit Gewalt gegen Manifestanten vorzugehen. Die SPÖ wollte die Wiener Bevölkerung mit einem Blasmusikkonzert beglücken, 500 bis 1.000 Studenten, Jungsozialisten, Arbeiter und Kommunisten wollten am Tag der Arbeit lieber über die Anliegen der streikenden Elin-Beschäftigten diskutieren. Den Granden der Arbeiterpartei jedoch stand der Sinn nach Blasmusik und sie riefen prompt die Polizei zu Hilfe. In den folgenden Tumulten wurden acht Polizisten sowie eine größere Zahl von Demonstranten und unbeteiligten Besuchern verletzt.

Während in Paris, Berlin und am amerikanischen Kontinent auf den Straßen wahre Schlachten zwischen Studenten und Polizei entbrannten, die auch zahlreiche Tote forderten, ging es 1968 in Österreich vergleichsweise ruhig zu. "Wien, Mai 1968 - Eine heiße Viertelstunde" lautet der bezeichnende Titel eines 1983 erschienenen Buches über jene Zeit. Die nennenswertesten Ereignisse: Demonstrierende Studenten störten offizielle Veranstaltungen, protestierende Bauern bewarfen Beamte mit faulen Eiern. Friedrich Hundertwasser entkleidete sich bei einer Ausstellungseröffnung, womit er die anwesende Kulturstadträtin Gertrude Sandner in die Flucht schlug. Thomas Bernhard vergraulte bei der Verleihung des Literaturstaatspreises in seiner Dankesrede den Unterrichtsminister mit der Bemerkung "Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt". Wutschnaubend verließ Theodor Piffl-Percevic die Veranstaltung.

Nur die berühmt-berüchtigte Aktion "Kunst und Revolution" in der Universität Wien erregte internationales Aufsehen (siehe Seite 14) - und den Zorn der heimischen Presse: "Sechs nackte Männer vollführten unbeschreibliche perverse Orgien" empörte sich der "Express" und forderte: "Sex-,Studenten' zum Psychiater!". Von der "Krone"-Wortschöpfung "Links-Exkremisten" könnte sich heute selbst "täglich alles" noch etwas abschauen. Rückblickend gesehen fand das Jahr 1968 in Österreich vor allem in der Kunst statt.

1968 war ein Jahr der Erhebung gegen jegliche Art von althergebrachter Autorität. Ob amerikanische Studenten gegen den Vietnam-Krieg und für die Bürgerrechte der Schwarzen, deutsche Studenten gegen den "Muff von 1.000 Jahren" unter den Talaren protestierten, die Bürger der Tschechoslowakei sich gegen einen Kommunismus stalinistischer Prägung auflehnten oder die österreichischen Bauern gegen Landwirtschaftskammer und ÖVP-Bauernbund den Aufstand probten: Im Jahr 1968 war der Kampf gegen verkrustete Herrschaftsstrukturen angesagt.

Auf den ersten Blick scheiterte die Revolution: Weder in Österreich noch sonstwo wurden die politischen und ökonomischen Forderungen der 68er-Bewegung konkret umgesetzt. Auf gesellschaftlich-kulturellem Gebiet jedoch hat sich einiges verändert seit jenem Jahr. Die 68er-Bewegung sei "erfolgreich gescheitert", resümieren Paulus Ebner und Karl Vocelka in ihrem jüngst erschienenen Buch "Die zahme Revolution" (Ueberreuter Verlag). Ein Durchschnittsbürger von damals würde das Österreich von heute kaum wiedererkennen.

1968 war Österreich ein Land, in dem eine Atmosphäre der Engstirnigkeit und Intoleranz herrschte. In den Parlamenten und Regierungen, an den Universitäten und Schulen saßen zum Teil noch diesselben Leute, die dort schon zu Zeiten des Ständestaats und des Dritten Reiches gesessen waren. Es war gang und gäbe, daß junge Menschen wegen ihrer Haartracht oder ihrer Kleidung auf offener Straße von wildfremden Menschen gemaßregelt wurden. Künstler wurden wegen völlig harmloser Dinge, etwa weil sie kostümiert in der Öffentlichkeit erschienen, vom Fleck weg verhaftet.

Der Verkauf des "Spiegel", dem damals in Österreich meistgelesenen wöchentlich erscheinenden Medium, wurde in Trafiken und Kiosken vorübergehend verboten. Der Grund: Eine Filmkritik, die mit Bildern barbusiger Frauen illustriert war. Um einem solchen Schicksal zu entgehen, unterwarf sich das deutsche Magazin "Quick" einer Vorzensur (!) durch österreichische Beamte. Selbst Ovids "ars armandi" ("Liebeskunst"), heute Pflichtlektüre für Lateinschüler, war vom Innenministerium verboten worden.

Weitaus bedenklicher als die damaligen Protestaktionen wirken heutzutage die Reaktionen darauf: Demonstrierende Studenten wurden von sogenannten braven Bürgern als "Saujuden" und "Schweinehunde" beschimpft. Unzufriedene wurden einfach als geisteskrank diffamiert. Dem Schüler Leander Kaiser zum Beispiel drohte wegen eines Zeitungsartikels die Zwangspsychiatrierung - ausgerechnet durch den Psychiater Heinrich Gross, dem eine Beteiligung an der Tötung behinderter Kinder im Dritten Reich vorgeworfen wird. Die Einweisung in die geschlossene Anstalt blieb dem Schüler erspart - aber er wurde wegen einer bloßen Meinungsäußerung zu drei Monaten Arrest verurteilt.

Diese Zeiten sind zum Glück längst vorbei. In Alltag und Kultur herrscht heute jene Freiheit, die 1968 vehement eingefordert wurde: Die freie Wahl von Kleidung und Haartracht ist heute nicht nur selbstverständlich, sondern Angelpunkt der Jugendkultur. Die Sexualität wurde enttabuisiert, klassische Rollenmuster von Mann und Frau aufgebrochen. Auf dem Gebiet der Kunst hat Populärkultur zumindest denselben Stellenwert wie die bürgerliche Hochkultur. Friedens- und Ökologiebewegung, Frauen- und Dritte-Welt-Bewegung wären ohne 1968 nicht möglich gewesen, wurden und werden auch zum Teil von damaligen Aktivisten getragen.

In einem Punkt sind die 68er jedoch vollkommen gescheitert: Der von ihnen verteufelte Kapitalismus sitzt fester im Sattel denn je - und zwar in einer entfesselten Form, wie sie 1968 unbekannt, ja undenkbar war: als weltweit agierender Turbo-Kapitalismus, dem seitens der Nationalstaaten kaum noch etwas entgegengesetzt werden kann (Stichwort: Globalisierung). Die damals von Studenten und Intellektuellen favorisierten Alternativen Kommunismus und Sozialismus sind aus dem Rennen, diskreditiert vielleicht für immer. Sogar die SPÖ hat die "klassenlose Gesellschaft" aus dem jüngsten Parteiprogrammentwurf getilgt. Nur die Blasmusik am 1. Mai gibt es noch immer.

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