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Feuilleton

44 Seiten wurden zum Zeitzünder

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Wie "Der Mönch im Garten" den Mechanismus des Lebens enträtselte: Ein großes Buch, das jeden von uns betrifft.

Die blaue Lokomotive der Great Eastern Railway rattert London entgegen. In einem der mit Samt und Leder ausgeschlagenen Abteile sitzt ein 40-jähriger Zoologe und hat keinen Blick für die lieblichen Hügel. In höchster Aufregung verschlingt er einen 44 Seiten langen Artikel, der vor 35 Jahren in einer österreichischen Provinzzeitschrift erschienen ist. William Bateson fährt von Cambridge nach London, wo er am Abend in der Royal Horticultural Society einen Vortrag halten soll. Man schreibt den 8. Mai des Jahres 1900.

Der Mann, der mit dem Band der "Verhandlungen des Naturforschenden Vereins" in Brünn aus dem Jahre 1865 in den Zug stieg, ahnte nicht, dass ihn diese Lektüre nicht nur zwingen sollte, seinen Vortrag umzuschreiben, sondern dass sie sein weiteres Leben bestimmen würde. Doch der Mann, der in Londons Liverpool Street Station dem Zug entstieg, war bereits ein vom Blitz der Erkenntnis Getroffener, der wusste, dass er sein weiteres Leben der Durchsetzung eines verkannten böhmischen Genies zu widmen hatte. Gregor Mendel hatte in tiefster Einsamkeit Fragen gelöst, an denen sich Charles Darwin die Zähne ausgebissen hatte, und William Bateson war der Mann, der als Erster seine Bedeutung erkannte.

Fast ein Jahrhundert lang wurde diese Version einer Wiederentdeckung von Generation zu Generation weitergereicht. Sie hat bloß einen kleinen Nachteil. Sie stimmt nicht. Nachzulesen im Buch der Amerikanerin Robin Marantz Henig: "Der Mönch im Garten". Nachdem kein Zeitgenosse Mendels Arbeit beachtet hatte, entbrannte am Beginn des 20. Jahrhunderts ein um so heftigerer Streit um den Ruhm, wer ihn entdeckt hatte. Gleich drei Gelehrte waren 1900 auf den Aufsatz des Brünner Augustinerpaters und späteren Abtes gestoßen. Die von Bateson verbreitete und von seiner Witwe liebevoll tradierte Legende war die romantischeste Version einer komplizierten Geschichte. Bateson wurde auch Mendels konsequentester Vorkämpfer und hat der auf Gregor Mendel aufbauenden Wissenschaft ihren Namen gegeben: Genetik.

Henig macht daraus eine faszinierende Story von Menschen. Von Eifersucht und Einsamkeit, Neid, Eitelkeit, Verblendung mit einer Portion Tragik. Da wäre die tiefe Entzweiung der Studienfreunde William Bateson und Raphael Weldon. Wie Weldon 1905 den Moment gekommen sieht, Vergeltung für die Demütigung durch den Exfreund zu üben, wie er sich in die 20 Bände des "General Stud Book of Race Horses" verbeißt, in dem alle englischen Rennpferde verzeichnet sind, wie er neun, zehn, elf Stunden im Tag arbeitet, um braune oder dunkelbraune Fohlen fuchsbrauner Eltern zu finden und sich dabei durch Überarbeitung, Wut und Frust den Tod holt, das ist schon eine große menschliche Tragödie. Denn wenn Elternpaare mit einem gemeinsamen rezessiven Merkmal (Fuchsrot) ein dominantes Merkmal (Braun) weitergeben können, ist Mendel ein für allemal erledigt.

Weldon findet die gesuchten Eintragungen - nur, um zu erfahren, dass es sich um totgeborene Fohlen handelte, deren Farbe die Züchter nicht interessiert und daher schlampig eingetragen wird. Endlich hat er dann aber doch das eine einzige, entscheidende Rennpferd. Der Fuchs "Ben Battle", liest er im "General Stud Book", deckte fuchsbraune Stuten und zeugte braune Fohlen. Weldon triumphiert. Batesons Antwort ist vernichtend. In einer Fußnote zitiert er ein anderes Züchterbuch, wonach "Ben Battle" nie als Fuchs ins Rennen ging. Der angebliche Fuchs war nämlich ein dominanter Brauner, der mit rezessiven Stuten genau das gezeugt hatte, was Mendel bei den Erbsen dominante F1-Hybriden nannte. Was Mendel bei seinen Versuchen mit Erbsen und Bohnen herausgefunden hatte, traf auch für Pferde zu. Weldon geriet in eine ungeheure Wut, suchte in allen erreichbaren Pferdeställen und ignorierte die Anzeichen einer Grippe, bis es zu spät war.

Mendel stützt Darwin

Auch Mendels Leben war von Tragik überschattet. Dass er über eine Prüfung stolperte und es nur zum Hilfslehrer brachte, verwand er nie. Er litt an notorischer Prüfungsangst, aber nach einer glaubwürdigen Version geriet er sich bei der Prüfung mit Professor Eduard Fenzl in die Haare. Fenzl vertrat als Animalkulist die Lehre, wonach überhaupt nur männliches Erbgut weitergegeben wird. Es ist denkbar, dass Mendel mit seinen Forschungen überhaupt nur begann, um Fenzl zu widerlegen. Treppenwitz der Wissenschaftsgeschichte: Fenzls Enkel Erich von Tschermak wurde später einer von Mendels Entdeckern.

Mendel steht etwas im Schatten Darwins, ist aber für die Genetik mindestens gleich wichtig. Außerdem lieferte er ein entscheidendes Argument, um Darwins Theorie zu stützen. Selbst Darwin war noch der Meinung, dass sich das Erbgut bei der Weitergabe vermischt, schwarze und blonde Eltern also brünette Kinder bekommen. Einer der schlagendsten Einwände gegen seine Theorie lautete: Wenn dem so ist, müssen die spontan entstandenen, für das Überleben einer Art günstigen Eigenschaften, die laut Darwin als Vorteil im Kampf ums Dasein an die Nachkommen weitergegeben werden sollten, doch alsbald wieder untergehen, so wie sich ein kleiner Spritzer roter Farbe in einem Kübel mit weißer Farbe verliert. Darwin wusste darauf nichts Rechtes zu antworten.

Erst Mendel erkannte, dass sich die Merkmale nicht in einer diffusen Erbmasse vermischen, sondern jedes für sich gesetzmäßig weiter vererben. Ein Argument für Darwin. Wie Mendel wirklich über Darwin dachte, weiß man nicht genau. Die deutsche Ausgabe von Darwins Werk über die Entstehung der Arten aus der Brünner Klosterbibliothek ist mit Mendels Randbemerkungen gespickt. Der gesamte schriftliche Nachlass einschließlich aller Notizen und Versuchsprotokolle wurde nach dem Tod des Abtes Gregor Mendel als uninteressantes Zeug im Hof des Klosters verbrannt. Immerhin sandte Mendel Darwin ein Exemplar seines Aufsatzes zu. Man fand es später in Darwins Bibliothek. Darwin, der kein Wort Deutsch verstand, hatte die 44 Seiten nicht einmal aufgeschnitten.

Auch im Nachlass anderer Wissenschaftler fand man jene unbeachtet gebliebenen 44 Seiten, insgesamt zwölf Drucke, die das vergebens um Anerkennung ringende böhmische Genie an die Fachleute verschickt hatte. Die meisten Empfänger hatten nie hineingeschaut. In den achtziger Jahren erzielte ein Exemplar bei einer Auktion 30.000, das nächste wenige Jahre später bereits 95.000 Schilling.

Der Titel "Der Mönch im Garten" ist geradezu ein Wurf, das Buch selbst ist glänzend geschrieben und spannend wie ein Krimi. Robin Marantz Henig geht nicht nur der Wiederentdeckung und Bedeutung, sondern auch dem nicht gerade glücklichen Leben des schwierigen, mehrmals in seinem Leben in die Krankheit flüchtenden Benediktiners nach. Sie vermittelt die Atmosphäre eines Klosters, dessen damaligem Abt Napp es um wissenschaftliche Begabungen zu tun war. Er ermöglichte Mendel das Studium und förderte später seine Forschungen in jeder Weise. Offenbar hatte denn auch mehr die wissenschaftliche als die geistliche Berufung Mendel zum Eintritt ins Kloster motiviert.

Was aber seine Forschungen betrifft: Ihr Gegenstand wurde als höchst aktuell betrachtet, doch mit seinen mathematisch-statistischen Methoden war er der Zeit wohl um gerade jene 35 Jahre voraus, die zwischen der einzigen Publikation seines Lebens und deren 16 Jahre nach seinem Tod explosiv einsetzenden Wirkung vergingen.

Die amerikanische Wissenschaftshistorikerin erläutert, was heute jeder Laie ungefähr, aber kaum einer genau weiß: Die Sache mit den Mendelschen Zahlenverhältnissen, mit drei zu eins und eins zu zwei zu eins, was heute mancher schon für den ganzen Mendel hält. Und sie arbeitet den wichtigen Umstand heraus, dass dem ganz und gar nicht so ist. Noch wichtiger war Mendels Erkenntnis, dass erbliche Merkmale der Eltern in der nächsten Generation verschwinden, in späteren aber wieder auftauchen können, wann es möglich, wann es unmöglich ist.

Kreuzungen: Ein Tabu

Gegen welche mächtigen Tabus Charles Darwin verstieß, das ist heute Bildungsgut. Jeder weiß, mit welchen Skrupeln er es tat, wie ihn nicht zuletzt der Glaube veranlasste, seine Theorie jahrzehntelang zurückzuhalten und dass der Darwinismus auf spektakuläre Weise mit der Schöpfungsgeschichte brach.

Dass sich auch Mendel bei seinen Kreuzungsversuchen mit einem Tabu anlegte, ist heute weniger bekannt. Kreuzungsversuche galten ebenfalls als Verstoß gegen eine Ordnung, in der Gott Tier, Pflanze und Mensch ihr Erscheinungsbild, ihre Aufgaben und ihren Platz in der Welt zugewiesen hatte. Sofern Kreuzungsversuche vorgenommen worden waren, war dies meist mit der Absicht geschehen, die Lebensunfähigkeit der Kreuzungsprodukte als von Gott gewollt nachzuweisen. Dass die Bauern seit Jahrtausenden durch Kreuzungen Pflanzen und Tiere an die menschlichen Bedürfnisse anpassten, wurde einfach ignoriert.

So oder so: Der Augustinermönch Gregor Mendel hatte, im Gegensatz zu Darwin, keine Probleme mit Tabus. Er hatte seine Vererbungsforschung mit einer Mäusezucht begonnen. Dagegen war aber der zuständige Bischof Graf Schaffgotsch eingeschritten - sehr zum Glück der Wissenschaft. Mit Mäusen hätte Mendel seine umwälzenden Resultate kaum erzielt.

Auf den letzten Seiten geht die amerikanische Autorin mit den problematischen Seiten der Genetik ins Gericht. Etwa mit dem "Zerstörer-Gen", das Pflanzen überhaupt daran hindern soll, jemals irgendwelche Merkmale weiterzugeben: Saatgut soll gentechnisch so verändert werden, dass die Pflanze die Keimfähigkeit verliert, damit die Bauern das Saatgut nicht mehr vermehren können und Jahr für Jahr neues kaufen müssen. Auch die Gen-Diagnostik sieht sie mit tiefster Skepsis: Ihr Vater starb als Opfer einer chronischen Krankheit, für die ein dominantes Gen zuständig ist. Sie hat sich gegen den Test entschieden, doch ihre Tochter will ihn bei sich machen lassen, womit auch die Mutter dazu verurteilt ist, über sich zu erfahren, was sie gar nicht erfahren will.

Wissen bedeutet Macht, kann aber auch eine Katastrophe sein. Mendel stellte "die, oberflächlich betrachtet, unschuldige Frage", wie Merkmale an die Nachkommen weitergegeben werden, aber sein Genie brachte ihn dazu, das Geheimnis der Vererbung zu enträtseln und damit "den Mechanismus des Lebens selbst". Nun müssen wir Frage auf Frage stellen, "in endloser Vielfalt", und nachdem alle Fragen beantwortet sind, "werden wir uns vielleicht immer noch fragen, was es eigentlich genau war, das wir wissen wollten."

DER MÖNCH IM GARTEN

Die Geschichte des Gregor Mendel und die Entdeckung der Genetik

Von Robin Marantz Henig

Argon Verlag, Berlin 2001

376 Seiten, geb., öS 291,-/e 21,17

Wie "Der Mönch im Garten" den Mechanismus des Lebens enträtselte: Ein großes Buch, das jeden von uns betrifft.

Die blaue Lokomotive der Great Eastern Railway rattert London entgegen. In einem der mit Samt und Leder ausgeschlagenen Abteile sitzt ein 40-jähriger Zoologe und hat keinen Blick für die lieblichen Hügel. In höchster Aufregung verschlingt er einen 44 Seiten langen Artikel, der vor 35 Jahren in einer österreichischen Provinzzeitschrift erschienen ist. William Bateson fährt von Cambridge nach London, wo er am Abend in der Royal Horticultural Society einen Vortrag halten soll. Man schreibt den 8. Mai des Jahres 1900.

Der Mann, der mit dem Band der "Verhandlungen des Naturforschenden Vereins" in Brünn aus dem Jahre 1865 in den Zug stieg, ahnte nicht, dass ihn diese Lektüre nicht nur zwingen sollte, seinen Vortrag umzuschreiben, sondern dass sie sein weiteres Leben bestimmen würde. Doch der Mann, der in Londons Liverpool Street Station dem Zug entstieg, war bereits ein vom Blitz der Erkenntnis Getroffener, der wusste, dass er sein weiteres Leben der Durchsetzung eines verkannten böhmischen Genies zu widmen hatte. Gregor Mendel hatte in tiefster Einsamkeit Fragen gelöst, an denen sich Charles Darwin die Zähne ausgebissen hatte, und William Bateson war der Mann, der als Erster seine Bedeutung erkannte.

Fast ein Jahrhundert lang wurde diese Version einer Wiederentdeckung von Generation zu Generation weitergereicht. Sie hat bloß einen kleinen Nachteil. Sie stimmt nicht. Nachzulesen im Buch der Amerikanerin Robin Marantz Henig: "Der Mönch im Garten". Nachdem kein Zeitgenosse Mendels Arbeit beachtet hatte, entbrannte am Beginn des 20. Jahrhunderts ein um so heftigerer Streit um den Ruhm, wer ihn entdeckt hatte. Gleich drei Gelehrte waren 1900 auf den Aufsatz des Brünner Augustinerpaters und späteren Abtes gestoßen. Die von Bateson verbreitete und von seiner Witwe liebevoll tradierte Legende war die romantischeste Version einer komplizierten Geschichte. Bateson wurde auch Mendels konsequentester Vorkämpfer und hat der auf Gregor Mendel aufbauenden Wissenschaft ihren Namen gegeben: Genetik.

Henig macht daraus eine faszinierende Story von Menschen. Von Eifersucht und Einsamkeit, Neid, Eitelkeit, Verblendung mit einer Portion Tragik. Da wäre die tiefe Entzweiung der Studienfreunde William Bateson und Raphael Weldon. Wie Weldon 1905 den Moment gekommen sieht, Vergeltung für die Demütigung durch den Exfreund zu üben, wie er sich in die 20 Bände des "General Stud Book of Race Horses" verbeißt, in dem alle englischen Rennpferde verzeichnet sind, wie er neun, zehn, elf Stunden im Tag arbeitet, um braune oder dunkelbraune Fohlen fuchsbrauner Eltern zu finden und sich dabei durch Überarbeitung, Wut und Frust den Tod holt, das ist schon eine große menschliche Tragödie. Denn wenn Elternpaare mit einem gemeinsamen rezessiven Merkmal (Fuchsrot) ein dominantes Merkmal (Braun) weitergeben können, ist Mendel ein für allemal erledigt.

Weldon findet die gesuchten Eintragungen - nur, um zu erfahren, dass es sich um totgeborene Fohlen handelte, deren Farbe die Züchter nicht interessiert und daher schlampig eingetragen wird. Endlich hat er dann aber doch das eine einzige, entscheidende Rennpferd. Der Fuchs "Ben Battle", liest er im "General Stud Book", deckte fuchsbraune Stuten und zeugte braune Fohlen. Weldon triumphiert. Batesons Antwort ist vernichtend. In einer Fußnote zitiert er ein anderes Züchterbuch, wonach "Ben Battle" nie als Fuchs ins Rennen ging. Der angebliche Fuchs war nämlich ein dominanter Brauner, der mit rezessiven Stuten genau das gezeugt hatte, was Mendel bei den Erbsen dominante F1-Hybriden nannte. Was Mendel bei seinen Versuchen mit Erbsen und Bohnen herausgefunden hatte, traf auch für Pferde zu. Weldon geriet in eine ungeheure Wut, suchte in allen erreichbaren Pferdeställen und ignorierte die Anzeichen einer Grippe, bis es zu spät war.

Mendel stützt Darwin

Auch Mendels Leben war von Tragik überschattet. Dass er über eine Prüfung stolperte und es nur zum Hilfslehrer brachte, verwand er nie. Er litt an notorischer Prüfungsangst, aber nach einer glaubwürdigen Version geriet er sich bei der Prüfung mit Professor Eduard Fenzl in die Haare. Fenzl vertrat als Animalkulist die Lehre, wonach überhaupt nur männliches Erbgut weitergegeben wird. Es ist denkbar, dass Mendel mit seinen Forschungen überhaupt nur begann, um Fenzl zu widerlegen. Treppenwitz der Wissenschaftsgeschichte: Fenzls Enkel Erich von Tschermak wurde später einer von Mendels Entdeckern.

Mendel steht etwas im Schatten Darwins, ist aber für die Genetik mindestens gleich wichtig. Außerdem lieferte er ein entscheidendes Argument, um Darwins Theorie zu stützen. Selbst Darwin war noch der Meinung, dass sich das Erbgut bei der Weitergabe vermischt, schwarze und blonde Eltern also brünette Kinder bekommen. Einer der schlagendsten Einwände gegen seine Theorie lautete: Wenn dem so ist, müssen die spontan entstandenen, für das Überleben einer Art günstigen Eigenschaften, die laut Darwin als Vorteil im Kampf ums Dasein an die Nachkommen weitergegeben werden sollten, doch alsbald wieder untergehen, so wie sich ein kleiner Spritzer roter Farbe in einem Kübel mit weißer Farbe verliert. Darwin wusste darauf nichts Rechtes zu antworten.

Erst Mendel erkannte, dass sich die Merkmale nicht in einer diffusen Erbmasse vermischen, sondern jedes für sich gesetzmäßig weiter vererben. Ein Argument für Darwin. Wie Mendel wirklich über Darwin dachte, weiß man nicht genau. Die deutsche Ausgabe von Darwins Werk über die Entstehung der Arten aus der Brünner Klosterbibliothek ist mit Mendels Randbemerkungen gespickt. Der gesamte schriftliche Nachlass einschließlich aller Notizen und Versuchsprotokolle wurde nach dem Tod des Abtes Gregor Mendel als uninteressantes Zeug im Hof des Klosters verbrannt. Immerhin sandte Mendel Darwin ein Exemplar seines Aufsatzes zu. Man fand es später in Darwins Bibliothek. Darwin, der kein Wort Deutsch verstand, hatte die 44 Seiten nicht einmal aufgeschnitten.

Auch im Nachlass anderer Wissenschaftler fand man jene unbeachtet gebliebenen 44 Seiten, insgesamt zwölf Drucke, die das vergebens um Anerkennung ringende böhmische Genie an die Fachleute verschickt hatte. Die meisten Empfänger hatten nie hineingeschaut. In den achtziger Jahren erzielte ein Exemplar bei einer Auktion 30.000, das nächste wenige Jahre später bereits 95.000 Schilling.

Der Titel "Der Mönch im Garten" ist geradezu ein Wurf, das Buch selbst ist glänzend geschrieben und spannend wie ein Krimi. Robin Marantz Henig geht nicht nur der Wiederentdeckung und Bedeutung, sondern auch dem nicht gerade glücklichen Leben des schwierigen, mehrmals in seinem Leben in die Krankheit flüchtenden Benediktiners nach. Sie vermittelt die Atmosphäre eines Klosters, dessen damaligem Abt Napp es um wissenschaftliche Begabungen zu tun war. Er ermöglichte Mendel das Studium und förderte später seine Forschungen in jeder Weise. Offenbar hatte denn auch mehr die wissenschaftliche als die geistliche Berufung Mendel zum Eintritt ins Kloster motiviert.

Was aber seine Forschungen betrifft: Ihr Gegenstand wurde als höchst aktuell betrachtet, doch mit seinen mathematisch-statistischen Methoden war er der Zeit wohl um gerade jene 35 Jahre voraus, die zwischen der einzigen Publikation seines Lebens und deren 16 Jahre nach seinem Tod explosiv einsetzenden Wirkung vergingen.

Die amerikanische Wissenschaftshistorikerin erläutert, was heute jeder Laie ungefähr, aber kaum einer genau weiß: Die Sache mit den Mendelschen Zahlenverhältnissen, mit drei zu eins und eins zu zwei zu eins, was heute mancher schon für den ganzen Mendel hält. Und sie arbeitet den wichtigen Umstand heraus, dass dem ganz und gar nicht so ist. Noch wichtiger war Mendels Erkenntnis, dass erbliche Merkmale der Eltern in der nächsten Generation verschwinden, in späteren aber wieder auftauchen können, wann es möglich, wann es unmöglich ist.

Kreuzungen: Ein Tabu

Gegen welche mächtigen Tabus Charles Darwin verstieß, das ist heute Bildungsgut. Jeder weiß, mit welchen Skrupeln er es tat, wie ihn nicht zuletzt der Glaube veranlasste, seine Theorie jahrzehntelang zurückzuhalten und dass der Darwinismus auf spektakuläre Weise mit der Schöpfungsgeschichte brach.

Dass sich auch Mendel bei seinen Kreuzungsversuchen mit einem Tabu anlegte, ist heute weniger bekannt. Kreuzungsversuche galten ebenfalls als Verstoß gegen eine Ordnung, in der Gott Tier, Pflanze und Mensch ihr Erscheinungsbild, ihre Aufgaben und ihren Platz in der Welt zugewiesen hatte. Sofern Kreuzungsversuche vorgenommen worden waren, war dies meist mit der Absicht geschehen, die Lebensunfähigkeit der Kreuzungsprodukte als von Gott gewollt nachzuweisen. Dass die Bauern seit Jahrtausenden durch Kreuzungen Pflanzen und Tiere an die menschlichen Bedürfnisse anpassten, wurde einfach ignoriert.

So oder so: Der Augustinermönch Gregor Mendel hatte, im Gegensatz zu Darwin, keine Probleme mit Tabus. Er hatte seine Vererbungsforschung mit einer Mäusezucht begonnen. Dagegen war aber der zuständige Bischof Graf Schaffgotsch eingeschritten - sehr zum Glück der Wissenschaft. Mit Mäusen hätte Mendel seine umwälzenden Resultate kaum erzielt.

Auf den letzten Seiten geht die amerikanische Autorin mit den problematischen Seiten der Genetik ins Gericht. Etwa mit dem "Zerstörer-Gen", das Pflanzen überhaupt daran hindern soll, jemals irgendwelche Merkmale weiterzugeben: Saatgut soll gentechnisch so verändert werden, dass die Pflanze die Keimfähigkeit verliert, damit die Bauern das Saatgut nicht mehr vermehren können und Jahr für Jahr neues kaufen müssen. Auch die Gen-Diagnostik sieht sie mit tiefster Skepsis: Ihr Vater starb als Opfer einer chronischen Krankheit, für die ein dominantes Gen zuständig ist. Sie hat sich gegen den Test entschieden, doch ihre Tochter will ihn bei sich machen lassen, womit auch die Mutter dazu verurteilt ist, über sich zu erfahren, was sie gar nicht erfahren will.

Wissen bedeutet Macht, kann aber auch eine Katastrophe sein. Mendel stellte "die, oberflächlich betrachtet, unschuldige Frage", wie Merkmale an die Nachkommen weitergegeben werden, aber sein Genie brachte ihn dazu, das Geheimnis der Vererbung zu enträtseln und damit "den Mechanismus des Lebens selbst". Nun müssen wir Frage auf Frage stellen, "in endloser Vielfalt", und nachdem alle Fragen beantwortet sind, "werden wir uns vielleicht immer noch fragen, was es eigentlich genau war, das wir wissen wollten."

DER MÖNCH IM GARTEN

Die Geschichte des Gregor Mendel und die Entdeckung der Genetik

Von Robin Marantz Henig

Argon Verlag, Berlin 2001

376 Seiten, geb., öS 291,-/e 21,17