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Österreich 2005: Mythos der Zahl und Sinn der Jubiläen.

Unglaublich, was der Mythos der runden Zahl in Österreich alles bewirken kann. Kaum nähert sich eine durch 50 oder 100 teilbare Wiederkehr des Geburts- oder Todestages eines bedeutenden Verstorbenen oder eines wichtigen geschichtlichen Einschnitts, beginnt die Öffentlichkeit erwartungsvoll nach den hiezu geplanten Veranstaltungen zu fragen. Worauf die jeweils zuständigen Institutionen pflichtschuldigst die Akten vom letzten Mal zur Hand nehmen. Dass auf diese Weise die Anstrengungen von Jubiläum zu Jubiläum wachsen, versteht sich von selbst. Schön lässt sich das am Beispiel von W. A. Mozart (1756-1791) nachweisen: 1841 Suche nach seinem Grab, 1891 Versetzung des Grabmals auf den Zentralfriedhof, 1941 Einrichtung einer Gedenkstätte in der Wiener Domgasse und Feier auf dem Stephansplatz, 1991 Mozartjahr u.a. mit Requiem im Dom und großer Ausstellung im Künstlerhaus. Für 2006 ist beginnend mit der Eröffnung des "Mozarthauses Vienna" in der Wiener Domgasse 5 eine gewaltige Manifestation Mozart'scher Unsterblichkeit in Österreich und über seine Grenzen hinaus geplant. Wunderkind und Todesmythos als Ware und Tourismusmagnet ...

Republik feiert Geburtstag

2005 wird die Zweite Republik 50 - ein Staat im besten Alter, nach dem Zahlenmythos jedenfalls ein Anlass, ordentlich Geburtstag zu feiern. Zunächst sah es so aus, als wolle sich die Bundesregierung mit einem international besetzten Festakt am Pfingstsonntag, dem 15. Mai, aus der Affäre ziehen. Doch dann erschienen drei Privatmänner auf dem Plan, die nicht nur eine Idee, sondern auch Bares vorzuweisen hatten. Und so ward die große Belvedere-Ausstellung "Das neue Österreich" geboren. Und siehe, der ursprüngliche Wunsch des sparsamen Kanzlers, die Länder und Gemeinden, die Institutionen und die ganze liebe Zivilgesellschaft sollten sich selber etwas einfallen lassen, ging in Erfüllung. Das unter Federführung von Hans Haider erstellte Programm (siehe http://www.oesterreich2005.at) weist über 50 größere und kleinere Initiativen aus. Auf der Schallaburg (Thema: "Österreich ist frei!") zeichnet Stefan Karner den Weg zum Staatsvertrag nach, während die Österreichische Nationalbibliothek ihr Bildarchiv zum Thema "Die junge Republik" öffnet. Dabei werden Fotos über den Nachkriegsalltag im Mittelpunkt stehen.

Um die Alltagskultur geht es auch im Museum der Arbeitswelt in Steyr, wo identitätsstiftende Momente nicht nur in den wichtigen Daten der Nachkriegsgeschichte, sondern auch in den Manifestationen der Populärkultur (von Helmut Qualtinger bis Reinhard Fendrich) und der neuen Warenwelt (von der Zigarette "Austria 3" bis zur Mozartkugel) gesehen werden. Ähnliches bietet auch das Wien Museum mit "Die Sinalco-Epoche - von der Mangelwirtschaft zur Wohlstandsgesellschaft". Neben der Alltagkultur wird freilich auch der Hochkultur ein Plätzchen eingeräumt werden - ein solches sogar auf Dauer. Die Wiener Staatsoper eröffnet nämlich mit "50 Jahre nach der Wiederöffnung" ihr eigenes Museum in den Räumen der ehemaligen Theaterkassen.

Wie europäisch sind wir?

Weiters ist auf einige intensive Konfrontationen mit der Besatzungszeit 1945-1955 zu verweisen, die ja nur etwa ein Drittel der heute lebenden ÖsterreicherInnen bewusst miterlebt hat. Der Erinnerung and die "Russenzeit" wird eine Ausstellung im Burgenländischen Landesmuseum in Eisenstadt dienen. Um die Zeit unter britischer Besatzung geht es im Grazer Joanneum. Auch in Tirol und Salzburg widmen sich die Landesmuseen dem alltäglichen Leben unter den Augen der alliierten Besatzungssoldaten.

Dennoch ist zu fragen: genügt der noch so instruktiv aufbereitete Rückblick? Muss man sich nicht auch jenen immateriellen "Kriegsfolgen" stellen, die in Wirklichkeit Relikte einer nicht vollständig aufgearbeiteten nationalsozialistischen Vergangenheit oder Versäumnisse einer in mancher Hinsicht skrupellosen Nachkriegspolitik sind? Was ist mit den nicht erfüllten Bestimmungen des Staatsvertrags? Wie demokratisch, wie tolerant und wie europäisch sind wir Österreicher wirklich nach sechs Friedensjahrzehnten?

Die "großen", in der Regel unkritischen Events des Jahres 2005 und ihre Macher schaffen den Weg ins Bewusstsein der Österreicher sicher, dafür sorgt schon das Seitenblicke-TV. Es wäre jedoch wichtig, stärker auf jene Initiativen hinzuweisen, die nicht so leicht konsumierbar sind, die aber versuchen, diverse geistige "Altlasten" unter die Lupe zu nehmen. So will etwa eine internationale Tagung im Sigmund Freud Museum das Thema "Staatstragendes Gedenken - demokratische Erinnerungskultur" bearbeiten, das Jüdische Museum Wien wird versuchen, latenten Antisemitismus in neuer museumspädagogischer Form bewusst zu machen und das Bruno Kreisky-Archiv plant ein dreitägiges Symposium zu Fragen der Re-Demokratisierung im Nachkriegseuropa.

Intellektuelle im Abseits?

Eine weitere, bemerkenswerte Initiative kommt von mak-Direktor Peter Noever: an zehn Dienstagabenden setzen sich zehn junge Kunstschaffende mit den zehn Teilen des Staatsvertrags in ihrer je eigenen Ausdrucksart kritisch auseinander ("Zustandsanalysen").

Damit stellt sich die Frage, wie stehen Österreichs Intellektuelle, vor allem die nach eigener Auffassung stets wachen und wachsamen Schriftsteller zu den geplanten Aktivitäten des Jahres 2005? Ist alles für sie nur Regierungspropaganda? Wenden sie sich schaudernd ab von Massenveranstaltungen, die sie nicht selbst organisiert haben? Ist der Heldenplatz nur dann politisch korrekt genutzt, wenn es gegen etwas geht? Wie definieren sie selbst Patriotismus in der Demokratie?

Und wie verhalten sich die Oppositionsparteien? Werden spö und Grüne über ihren Schatten springen und staatspolitische Argumente über parteipolitische Überlegungen stellen? Oder wird es kleinliches Hick-Hack geben - etwa wegen der Kosten oder aus protokollarischen Gründen? Die oft gehörte Meinung, es werde zu einer "Überflutung" mit Veranstaltungen kommen, mag für manche Wiener Journalisten gelten, die Bürger in Zwettl, Zeltweg und Zirl werden darunter kaum zu leiden haben.

Was bleibt nach 2005?

Bleibt zu fragen, ob Regierung, Länder und übrige Veranstalter bisher alles richtig gemacht haben. Das Gesamtprogramm ist zwar durchaus beeindruckend, doch ist auch daran manches auszusetzen. Es wurde oben schon angedeutet, dass ein wenig mehr "kritische Masse" nicht geschadet hätte. Wäre es nicht klug gewesen, rechtzeitig auch maßgebliche Vertreter oppositioneller Gruppen in die Vorbereitungen für 2005 einzubeziehen? Müssen wirklich gleich zwei Fotos von Alois Mock die zentrale Website zieren - ist das die ganze Republik? Werden ein paar "staatsbürgerliche Clubbings" ausreichen, die Jugend des Landes anzusprechen? So sehr das Thema "Europa" der Regierung am Herzen liegt, so wenig ist im bisher bekannt gewordenen Programm Inhaltliches und Atmosphärisches zu spüren. Warum nicht mehr populäre Veranstaltungen, ja, auch ein großes Volksfest mit Vertretern der Nachbarländer? Vor allem aber ist zu fragen, was über 2005 hinaus Bestand haben wird. Nur das neue Opernmuseum?

Eben kam das mit großen finanziellen Schwierigkeiten unter Ernst Bruckmüller erstellte dreibändige Österreich-Lexikon in den Buchhandel. Seinen Inhalt Lehrern, Schülern und Studierenden, der Volksbildung und allen Interessierten weltweit über Internet an Stelle des veralteten http://www.aeiou.at zugänglich zu machen, wäre eine Großtat zu 50 Jahren Zweite Republik Österreich. Die geplante Webausstellung der Österreichischen Mediathek (www.staatsvertrag.at) ist dafür ein gutes Vorbild. Aber das Gegenteil ist geplant: das elektronische Lexikon soll demnächst aus Geldmangel eingestellt werden - ein Skandal ersten Ranges. Insgesamt wäre das Land gut beraten, bei aller Festesfreude und Schaulustigkeit doch auch an das Beständige zu denken.

Der Autor ist Konsulent für Online-Forschung bei Fessel-gfk und war 20 Jahre Leiter der orf-Medienforschung.

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