Adrian Goiginger: "Habe meine Mutter bewundert"

1945 1960 1980 2000 2020

Adrian Goiginger wuchs als Sohn einer Heroinsüchtigen auf. Jetzt hat er seine Kindheitsjahre zum Spielfilm "Die beste aller Welten" verdichtet.

1945 1960 1980 2000 2020

Adrian Goiginger wuchs als Sohn einer Heroinsüchtigen auf. Jetzt hat er seine Kindheitsjahre zum Spielfilm "Die beste aller Welten" verdichtet.

Es war "Die beste aller Welten", die Adrian Goiginger als Kind erlebte: Das Aufwachsen in Salzburg bei der Mutter, die schwer heroinsüchtig war und ihrem Sohn immer eine heile Welt gezimmert hat, zwischen den Dauerdrogenräuschen. Eine Kindheit in einer Salzburger Stadtrandsiedlung, zwischen Überdosis, kaltem Entzug und permanentem Rückfall. Adrian wird die Sucht der Mutter nie wirklich bewusst, denn er flüchtet sich auch dank ihrer liebevollen Zuneigung und ihrer gekonnten Ablenkungsmanöver in eine spielerische Fantasiewelt. "Die beste aller Welten" bekam bei der Diagonale in Graz heuer den Publikumspreis, wohl auch, weil Goiginger das an sich stark abgenutzte Sujet des Drogenfilms mit einer neuen Perspektive auflädt: Aus der Sicht eines Kindes (also aus seiner eigenen, damaligen Sicht) macht er den Alltag einer Drogensüchtigen nacherlebbar, ohne die Sucht als solche zu benennen und in den Mittelpunkt zu stellen.

Es war "Die beste aller Welten", die Adrian Goiginger als Kind erlebte: Das Aufwachsen in Salzburg bei der Mutter, die schwer heroinsüchtig war und ihrem Sohn immer eine heile Welt gezimmert hat, zwischen den Dauerdrogenräuschen. Eine Kindheit in einer Salzburger Stadtrandsiedlung, zwischen Überdosis, kaltem Entzug und permanentem Rückfall. Adrian wird die Sucht der Mutter nie wirklich bewusst, denn er flüchtet sich auch dank ihrer liebevollen Zuneigung und ihrer gekonnten Ablenkungsmanöver in eine spielerische Fantasiewelt. "Die beste aller Welten" bekam bei der Diagonale in Graz heuer den Publikumspreis, wohl auch, weil Goiginger das an sich stark abgenutzte Sujet des Drogenfilms mit einer neuen Perspektive auflädt: Aus der Sicht eines Kindes (also aus seiner eigenen, damaligen Sicht) macht er den Alltag einer Drogensüchtigen nacherlebbar, ohne die Sucht als solche zu benennen und in den Mittelpunkt zu stellen.

Navigator

Liebe Leserin, lieber Leser,

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

Die Furche: Herr Goiginger, wie nähert man sich einem Thema an, von dem man als Kind nichts verstanden hat?
Adrian Goiginger: Ich habe versucht, meine Erinnerungen mit einer gründlichen Recherche zu belegen, das heißt, dass alles, was mir im Kopf geblieben war, auch mit Material ergänzt wurde: Fotos, Notizen, Briefe meiner Mutter, die sie mir aus dem Entzug schrieb. Ich habe wirklich alles gesammelt, was da war, dann auch mit den wenigen Überlebenden geredet, denn es sind ja viele gestorben damals. Ich habe auch mit Junkies gesprochen und sehr viel recherchiert zu dem Thema, so als würde ich einen Dokumentarfilm machen. Und dann habe ich dieses Konvolut an Recherchen und Informationen aufgearbeitet und versucht, es jedem meiner Schauspieler wirklich nahezubringen. Das war eigentlich die Hauptaufgabe von mir.

Die Furche: Wurden Sie bei den Recherchen über die eigenen Kindheit auch von Dingen überrascht, die Sie entdeckt haben?
Goiginger: Vieles hat mich überrascht. Die Initialzündung war der Tod meiner Mutter, sie ist 2012 an Krebs gestorben. Aber sie hat es zu Lebzeiten noch geschafft, wirklich clean zu werden. Das war für mich die Vorbedingung, damit ich diesen Film überhaupt machen konnte. Die Recherchen brachten viele Dinge ans Tageslicht, die ich bis dahin nicht wusste. Etwa wie meine Mutter sich beim Entzug gefühlt hat. Die Briefe, die ich gefunden habe, die Notizen, das war für mich eine Reise zurück in die eigene Kindheit.

Die Furche: Ihre Mutter hat Ihnen lange eine heile Welt vorgegaukelt. Haben Sie ihr das jemals übelgenommen?
Goiginger: Nein, denn ich finde, das ist eine unglaubliche Leistung, die sie da vollbracht hat, einfach so. Sie war vollständig gefangen in ihrer Sucht. Heroinjunkie zu sein, das ist ein Fulltime-Job, das bestimmt den ersten und den letzten Gedanken des Tages und alles dazwischen. Vernachlässigung gibt es sehr oft bei Heroin-Junkies, aber dass sie es trotzdem geschafft hat, mir soviel Aufmerksamkeit und Liebe zu geben, sodass ich echt eine glückliche Kindheit gehabt habe, das beeindruckt mich sehr. Diese glückliche Kindheit, das ist ein Wahnsinns-Verdienst. Ich habe meiner Mutter bewundert dafür.

Die Furche: Wissen Sie den Grund, warum Ihre Mutter abhängig wurde?
Goiginger: Es ist wie bei jeder Drogensucht: Es gibt eine Depression oder eine innere Leere, Trauer oder Unzufriedenheit. Meine Mutter war schon mit 15 depressiv, hat ihre Wände allesamt schwarz angemalt und ist tagelang im Bett geblieben. Irgendwann hat sie sich gesagt: "So, entweder ich bringe mich jetzt um oder ich nehme Drogen." Das war anscheinend ihr einziger Ausweg. Es war wohl die Suche, ihre Leere zu füllen, die dann zur Sucht geführt hat. Ich glaube, dass viele Menschen diese Leere kennen, nur bekämpft sie nicht jeder mit Drogen, andere machen Sport oder kompensieren das mit Familie, Job, Geld, Sex.

Die Furche: Hatten Sie in Ihrer Teenager-Zeit Angst, auch drogensüchtig zu werden?
Goiginger: Wäre meine Mutter nicht clean geworden, wäre die Wahrscheinlichkeit wohl sehr hoch gewesen, dass ich auch an Drogen geraten wäre. Aber durch unseren Umzug weg von Salzburg und durch ihre Bemühungen, einen Neustart zu versuchen, entstand in mir einfach nie diese Leere, die sie gespürt haben muss.

Die Furche: Wie haben Sie eigentlich Ihren famosen Kinderdarsteller Jeremy Miliker gefunden?
Goiginger: Wir haben sehr lange gecastet, um einen Buben zu finden, der das alles spielen kann. Er musste sich hineinversetzen in die Situation, ohne zu wissen, worum es eigentlich geht. Wir casteten monatelang, über 200 Kinder. Die Herausforderung war, letztlich alles, was Drogen anging, von diesem Buben fernzuhalten. Ich habe ihm einfach gesagt: "Du willst Abenteurer werden." Ich habe versucht, ihn vor der Kamera Kind sein zu lassen.

Die Furche: Die Kinderperspektive, die Sie als Erzählform wählen, ist jedenfalls essenziell für die Erzählung. Was das von Beginn an so geplant?
Goiginger: Ja. Ich wollte diese Geschichte aus der Perspektive des Kindes erzählen, denn das ist schließlich genau so, wie ich sie erlebt habe. Dazu passt auch, dass ich meinen Darsteller Jeremy auch darüber im Dunklen gelassen habe, worum es im Film eigentlich geht. Das wusste ich ja damals auch nicht. Die Kamera ist stets auf Adrians Höhe, sie mäandert auch wie ein neugieriges Kind umher, das die Welt erforscht. Es gibt viele Filme über Drogen, aber wenige, die eine solche Perspektive bieten.

Die Furche: Auch Ihr verwaschenes Bild von Salzburg, der sonst so noblen Festspielstadt, ist ein angenehmer Bruch mit den Sehgewohnheiten. Klischees bedienen Sie hier gar nicht.
Goiginger: Ich wollte, dass man die Realität sieht. In Salzburg regnet es viel, also wird das auch gezeigt. Wer an Salzburg denkt, denkt automatisch an Mozart und die Festspiele. Die Wiener regen sich über die Schnösel auf, und alles fokussiert auf die Altstadt. Deshalb wird die Salzburger Altstadt nur vom anderen Flussufer gezeigt, da, wo die weniger prestigeträchtigen Bauten stehen, aus dem Blick der Vorstadt. Das war mein Salzburg. Es war der pure Überlebensund Existenzkampf dort. Es ist ein ganz bewusster Blick auf diese Stadt, die sonst stark von touristischen Bildern lebt. Ich selbst habe mich übrigens in der Getreidegasse nie wohlgefühlt. Das war nie meine Welt.

Film

Die beste aller Welten

A/D 2017. Regie: Adrian Goiginger.
Mit Verena Altenberger, Jeremy Miliker.
Polyfilm. 103 Min.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau