Digital In Arbeit

Ärger im Schlaraffenland

Natürlich ist das E-Mail ein Segen. Keine Schönschreibübungen auf teurem Briefpapier mehr. Kein Marsch zur Post. Alles in Minutenschnelle - auch über Gebirge und Ozeane. Und natürlich ist das ganze Internet ein Geschenk. Keine veralteten Lexika mehr - jede Info zugänglich. Noch nie war es so leicht, sich Wissen zu verschaffen.

Trotzdem nagt etwas an meiner Dankbarkeit, im digitalen Schlaraffenland leben zu dürfen. Und es nagt ziemlich heftig.

Schalte ich den Computer an, so überrollt mich zunächst eine nie da gewesene Flut elektronischer Aufdringlichkeiten - Kraut und Rüben. Woher all die Veranstalter, Verkäufer, Verführer meine Mail-Adresse kennen? Und: Was habe ich falsch gemacht, dass mich so viele fremde Leute, Firmen, Organisationen zwingen können, ihre "Attachments“ zu öffnen - nur um sicher zu sein, in all dem Müll nicht auch Wichtiges zu übersehen?

Erinnerung ans Post-Sortieren

Wie einfach war es früher, nach dem Besuch des Briefträgers rasch zu sortieren, was eine Antwort erfordert, was in die Terminmappe und was in den Papierkorb gehört. Jetzt muss ich den Wahnsinn auch noch selbst ausdrucken. Übrigens vermute ich Absicht: Zu viele Mails enden beim Druck mit winzigen Überläufen auf neuen Papierseiten - global gesehen ganze Gebirge sinnlos vernichteter Wälder. Widerständig habe ich eine Zeitlang versucht, viele unbekannte Mails gar nicht herunterzuladen. Mit bösen Folgen: Rasch kamen elektronische, dann telefonische Ermahnungen: Ob ich denn nicht gelesen hätte? Und wo denn meine Antwort sei?

Was mir auch auffällt: Tag für Tag locken Vereine, Kulturkreise, Medien, Pfarren … zuckersüß: Wichtig, ja geradezu unersetzlich sei meine Mitwirkung an dieser oder jener Veranstaltung, Sitzung oder Sendung. Sage ich schlechten Gewissens "leider nein“, folgt meist Schweigen: kein "Schade“, kein "Danke für die Antwort“, kein "Vielleicht das nächste Mal“ - nichts mehr.

Mit der Briefkultur ist auch die Höflichkeit gestorben.

Folge ich aber brav einer Einladung zu Referat, Diskussion, Interview …, dann höre ich dort meist meine immer gleiche Norm-Biografie: ausgedrucktes Wikipedia - die globalisierte Gehirnträgheit.

Ohne Rückfrage online gestellt

Mehr noch: Kürzlich hat mich ein Freund um ein wochenlang erarbeitetes Papier zu einem politischen Thema gebeten - nur für ihn persönlich. Jetzt habe ich meinen Text, viele dutzend Seiten, im Internet gefunden. Ohne jede Rückfrage hat er es online gestellt. Ungefiltert und mit all meinen persönlichen Wertungen. Für jedermann gratis abrufbar.

Vorbei ist die Zeit, als ich nach Vorträgen den Text bedenkenlos an besonders Interessierte mailen - und dann Ähnliches oder Gleiches auch an anderem Ort sagen konnte. In Albträumen gehe ich ans Rednerpult - und die Zuhörer haben sich schon mein Referat ausgedruckt und lesen mit.

Manchmal sehne ich mich nach der Zeit, als eine oder zwei Handvoll Poststücke zu Hause im Briefkasten lagen. Damals, als ich - unwillig, aber doch - unterwegs zur Post auch noch Bewegung in der frischen Luft gemacht habe …

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