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Ärztenachwuchs ergreift Eigeninitiative

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In den Landregionen fehlen Ärzte, in den Ballungszentren in Bälde. Zugleich mangelt es an qualifizierten Ausbildungsplätzen für den Nachwuchs.

Ein ganz normaler Samstag in der Notfallambulanz des Wiener AKH. Dicht an dicht sitzen die mehr oder minder dringlichen Fälle: Hier eine mit Ohrenschmerzen, dort einer mit Bandscheibenvorfall, da eine mit Ausschlag, und zwischendurch jemand mit verbrühtem Beim. Viele der Patientinnen und Patienten wären in einer ganz normalen Arztpraxis ausreichend gut versorgt - wenn eine solche denn am Wochenende offene Pforten hätte. Doch mangels Alternativen machen sie sich lieber auf den Weg ins nächste Spital oder werden vom Ärztefunkdienst der Wiener Ärztekammer, der in den Nachtstunden und am Wochenende unter 141 telefonische Beratung anbietet, nach Schilderung ihrer Symptome sicherheitshalber dorthin geschickt. Am Ende wimmelt die Notfallambulanz zur so von Fällen, die keine Notfälle sind - und für die wirklich schweren Fälle bleiben kaum mehr Ressourcen.

Nur 300 Plätze in 2200 Praxen

Die Ratlosigkeit am und rund um das Wiener AKH über Personal, dessen Kosten und Finanzierung geht unterdessen in die Verlängerung. Zwar hat der Ressortchef des für die Bezahlung der dort tätigen Ärztinnen und Ärzte zuständigen Wissenschafsministeriums, Karlheinz Töchterle, Überbrückung zugesagt, doch diese hält nur bis Mitte des nächsten Jahres. Bis jetzt seien bereits 100 Posten eingespart worden, hieß es diese Woche seitens der Ärzte bei einer eigens einberufenen Pressekonferenz. Rund 80 weitere Posten sollen nicht nachbesetzt werden. Allerdings sei eine Verminderung der Leistung trotz eines Minus von 180 Stellen nicht vorgesehen. Damit würden die Arbeitsbelastung und die Gefahr von Burnout bei den Betroffenen weiter steigen, sagte Thomas Szekeres, Vertreter des ärztlichen Personals. Dieses leidet zudem zunehmend unter einem Mangel an Nachwuchs (siehe unten) - und der Nachwuchs wiederum leidet an einem Mangel an Ausbildungsmöglichkeiten. Die Turnuskandidaten beschreiten unterdessen eigene Wege, um zu ihrer Ausbildung und Berufserfahrung zu gelangen.

"Bezahlen fürs Lernen“ titelte diese Woche die Wiener Tageszeitung Die Presse in einer Reportage über junge Ärztinnen und Ärzte. Diese würden bei erfahrenen Kollegen, was zulässig sei, in die Lehre gehen, die gemachten Erfahrungen schätzen - denn in den Kliniken könnten sie diese nicht erreichen. Dort seien überwiegend mit administrativen Angelegenheiten befasst, zu wenig mit medizinischen: Die Hälfte der Arbeitszeit der Turnusärzte entfällt auf Dokumentationstätigkeiten. Die Frustration darüber hat derartige Ausmaße angenommen, dass nur mehr ein Drittel der Jungenärzteschaft mit den Arbeitsbedingungen während der praktischen Ausbildung zufrieden ist.

Die private Initiative entgeltlicher Turnusplätze stößt noch auf geteilte Zustimmung. Seitens der Österreichischen Ärztekammer wird einerseits auf die auch von ihr aufgezeigten Mängel in der Turnusausbildung verwiesen. Andererseits sei es zu begrüßen, wenn junge Ärztinnen und Ärzte eine adäquate Ausbildung erhielten. Diese fordert die Kammer lange - doch von der Politik vergeblich.

Wer bezahlt die Lehrpraxen?

In zahlreichen europäischen Ländern - etwa Deutschland oder Frankreich - sei die öffentliche Unterstützung von Lehrpraxen selbstverständlich, heißt es seitens der Ärztekammer. In Österreich hingegen seien die Krankenkassen dazu - bisher - nicht bereit. Dabei ließe sich mit Lehrpraxen sowohl der Engpass in den Ausbildungsgängen als auch die Überlastung der niedergelassenen Ärzte vermindern: In rund 2200 Ordinationen könnte eine Ausbildung des ärztlichen Nachwuchses angeboten werden, doch seien in Lehrpraxen nur etwas mehr als 300 Turnusärzte aktiv. Die Vorschläge der Ärztekammer sähen hingegen den verpflichtenden Besuch einer einjährigen Lehrpraxis vor. Nicht zuletzt dafür, dass in Notfällen ausreichend ausgebildetes Personal bereitsteht.