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"Afrika heißt MENSCHEN!"

1945 1960 1980 2000 2020

Wie wird man die Altlasten einer stereotypischen Abwertung Afrikas los, wie überwindet man den Afrikanismus? Ein Plädoyer für andere "Afrika-Lektüren" am Beispiel neuer Bücher.

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Wie wird man die Altlasten einer stereotypischen Abwertung Afrikas los, wie überwindet man den Afrikanismus? Ein Plädoyer für andere "Afrika-Lektüren" am Beispiel neuer Bücher.

Im Jahr 1975 schrieb der nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe zur Wahrnehmung seines berühmten Romans "Alles zerfällt" in den USA: "Afrikaner sind in derselben Weise Menschen, wie Amerikaner, Europäer, Asiaten und so weiter Menschen sind. Dass man das überhaupt betonen muss, gehört zu den Altlasten einer uns durch die Fremdwahrnehmung des Westens aufgezwungenen, stereotypischen Abwertung Afrikas." Das schrieb Achebe fast zwei Jahrzehnte nach Erscheinen seines Romans. Noch einmal zwei Jahrzehnte später sagte Achebe in einer Rede vor der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD):"Afrika, das sind Menschen, Menschen aus Fleisch und Blut. Haben Sie das bedacht? Afrika heißt Menschen!"

Afrika heißt auch Lektüren, aber gerade die europäischen Texte zählen zu den dauerhaften "Altlasten". Analog zur ökonomischen Nord-Süd-Relation befördern sie die Hegemonie in den symbolischen Beziehungen, das jedenfalls hört man von vielen afrikanischen Autoren. Sie sprechen von der fortgesetzten Gewalt französischer Arroganz oder teutonischer Überheblichkeit, man kann es hier auch als Afrikanismus bezeichnen - Europa definiert Afrika.

Geschichte und Gegenwart

Ein großer Schritt ist getan, wenn die Historiker den Kontinent Afrika - den Hegel noch als geschichtslos bezeichnete - selbstverständlich nicht vergessen. Die Neue Fischer Weltgeschichte etwa versteht sich als Geschichte von Räumen und ihren Wechselwirkungen und erscheint in 21 Bänden, zumindest zwei davon sind Afrika gewidmet (Adam Jones: Afrika bis 1850, Bd. 19, Bd. 20 Afrika ab 1850 ist in Planung).

Der zivilisatorische Horizont Afrikas ist weit, die Zeittafel zeigt, dass es schon vor 12.000 Jahren Töpferei und vor 3000 Jahren Eisentechniken gab. Das konkrete Wissen über Geschichte, also die politischen Reiche und ihre Weltbeziehungen, beginnt nach der Zeitenwende. Diese historische Lektüre liefert den Stoff leider oft etwas additiv, dafür diskutiert der Autor Adam Jones in seiner Einleitung zu Band 19 interessante Fragen der Methodik und macht Hoffnung auf eine Erweiterung der Quellenlage. Das Übergewicht europäischer (anglophoner) Quellen in der Afrika-Historiographie könnte ausgeglichener werden, auch wäre mehr Mut zum Ohr angesagt, ist doch gerade in Afrika die orale Überlieferung das Dokument der Geschichte.

Die Agenda der Reiseschriftsteller und Journalisten ist die Dokumentation der Gegenwart, und hier überwinden die britischen Autoren Alex Perry und Ben Rawlence den einschlägigen Afrikanismus. Perry bereiste jahrzehntelang das ganze subsaharische Afrika von Ost nach West und man nimmt ihm ab, dass er im Gegensatz zu den Gepflogenheiten vieler Afrika-Korrespondenten mit Afrikanern selbst spricht, um zu seinen Geschichten zu kommen. Sie sind allesamt aktuell, spannend und politisch aufschlussreich: "Die Geschichte Afrikas in den letzten fünf Jahrhunderten lässt sich in weiten Teilen als endloser Konflikt zwischen Muslimen und Christen darstellen, in dessen Verlauf die Dschihadisten versuchten, die Vorrangstellung des Islam wiederherzustellen."(Alex Perry: In Afrika. Reise in die Zukunft, S. Fischer 2016)

Das Thema ist evident bei Ben Rawlence, der ein Buch über das Flüchtlingslager Dadaab in Kenia vorlegt (Stadt der Verlorenen, Nagel & Kimche 2016). Sein Ansatz sind Empathie und die erzählende Reportage. Das Buch schildert aus der Sicht von sechs Menschen das Leben in Dadaab, mit seinen bis zu 500.000 Bewohnern das größte Flüchtlingslager der Welt. Am Beispiel dieser Einzelschicksale wird die Geschichte vom Untergang Somalias aufgetan. Zugleich ersteht im Bild der somalischen Flüchtlinge die Vorstellung von einer neuen, globalen Klasse, die eine ganz und gar dialektische Entsprechung in der Klasse der Entwicklungshelfer hat. Perry und Rawlence legen in ihren Reportagen ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber dem System der Entwicklungshilfe an den Tag, scharf kritisieren sie die abgeschirmten Wohnareale, die weißen SUV-Fahrzeugflotten, die hohen Gehälter der UN-Funktionäre, das Interesse am Selbsterhalt der Hilfsindustrie.

Das Problem Afrikas?

In Margit Maximilians Band "Woza Sisi. Die mutigen Frauen Afrikas" (Kremayr & Scheriau 2016) kritisiert Aminata Traoré aus Mali den Neokolonialismus in der Helfer-Attitude. Traoré erwähnt die berüchtigte Rede von Dakar, als der französische Präsident Sarkozy im Jahr 2007 die ideologische Katze aus dem Sack lässt: "Der afrikanische Bauer, der seit Jahrtausenden mit den Jahreszeiten lebt, kennt nur den ewigen Wiederbeginn der Zeit. In dieser Vorstellungswelt, wo alles immer wieder von vorne beginnt, ist kein Platz für das Abenteuer der Menschheit, für die Idee des Fortschritts. Nie stürmt der afrikanische Mensch der Zukunft entgegen. Nie kommt er auf die Idee, aus der Wiederholung auszutreten, um sich ein Schicksal zu erfinden. Das ist das Problem Afrikas."

Dazu sagt die senegalesische Schriftstellerin Ken Bugul in Maximilians Buch: "Wer sind denn diese Leute, was wollen die im Senegal? Warum plündern die Europäer Afrika? Die meisten Firmen im Senegal gehören Franzosen. Nein, das ist keine Zusammenarbeit, das ist Ausbeutung. Und Europa und der Rest der Welt tun nichts gegen dieses internationale kapitalistische System." Da gibt es noch ein Problem: Das adressierte "Europa" kann sich selbst so wenig einheitlich als Teil dieses kapitalistischen Systems erkennen wie die Länder, Gesellschaften und Kulturen Afrikas ein Klarbild als "Afrika" haben können.

Die Philosophen Afrikas arbeiten unermüdlich an diesem Thema, wie ein neuer Sammelband beweist (Afrikanische politische Philosophie. Postkoloniale Positionen. Hg. F. Dübgen, S. Skupien, Suhrkamp 2015). Afrikanische Denker diskutieren historische und gegenwärtige Positionen und Konzepte, von der Demokratie des absoluten Konsens bis zum Kommunitarismus, vom afrikanischen Sozialismus und Négritude über Conscientismus und Kosmopolitismus bis hin zur neueren Idee des Afropolitanismus. Das Vorwort der (europäischen) Herausgeber zielt scharf auf ein möglicherweise grundlegendes Konzept mit dem Namen "Ubuntu", das den großen Unterschied machen könnte. Auch Chinua Achebe schließt seinen Essayband "Wie man unsere Namen schreibt"(S. Fischer 2015) mit dem Hinweis auf "Ubuntu":"Wenn man das philosophische Diktum des Denkers Descartes: "Ich denke, also bin ich" als Inbegriff europäischen Individualismus' auffasst, dann drückt das Bantu-Wort Umuntu ngumuntu ngabantu das gemeinschaftliche Denken Afrikas aus:'Der Mensch ist Mensch durch andere Menschen.'"

"Die Welt ist ein Hexenkessel"

Allerdings ist das in Zeiten der Globalisierung kein afrikanisches Privileg, denn das soziale Projekt Mensch ist ein interkontinentales geworden, worauf Ken Bugul aus Senegal auch ganz unverblümt verweist: "Die jungen Leute aus Afrika, Frauen und Kinder, sie alle gehen weg. Das Meer kann sie nicht stoppen. Menschen können sie nicht stoppen, die Polizei kann sie nicht stoppen. Nicht die Berge in der Schweiz, nicht die Pyrenäen. Niemand kann Menschen aufhalten, die verzweifelt sind."

"Das ist das Problem Europas!", müsste Sarkozy heute sagen. Wole Soyinka äußert in einem neuen Film von Manthia Diawara (Négritude - Ein Dialog zwischen Soyinka und Senghor, D/F/P 2015), die Einwanderung afrikanischer Menschen nach Europa könne als eine Art Wiedergutmachung für das Unrecht des Sklavenhandels und des Kolonialismus begriffen werden. Im lyrischen Akzent des Dichters Ben Okri lautet die Botschaft so: "Die Welt ist ein Hexenkessel, / Darin werden wir verrührt. / Zeit ist eine Fessel. / Kein Zustand ist fixiert. // Und so sind wir Millionen, / Die gehen, schwimmen, Grenzen / Überwinden, vor Kriegen, Übeln, / Hunger auf der Flucht."(Ben Okri: Wild. Gedichte. Dt. B. Oleschinski, Wunderhorn)

Doch Afrika ist nicht auf ewig der tragische Kontinent des Leids und der Flucht, dies wäre einmal mehr eine jener krummen Verkürzungen des Afrikanismus, und wo anders als im offenen Horizont der Lyrik erscheint der Mensch in poetischer Wahrheit, tragischer Größe und epischer Vielfalt? "Afrika kann man nicht im europäischen Sinn politisch verstehen, sondern nur über das Gedicht und die moderne Kunst" - davon ist der Schweizer Afrika-Kenner Al Imfeld überzeugt. Er lässt den Worten Taten folgen: Ein 800-Seiten starker Atlas des afrikanischen Gedichtes, moderne Dichtung vom Maghreb bis nach Südafrika (Afrika im Gedicht. Über 500 Gedichte aus 40 Ländern Afrikas. Offizin 2015). Und mit diesem Atlas reisen wir endlich in die innere Tiefe der Menschen Afrikas.

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