Afrika - und unsere Wahlen

Haben Sie das KURIER-Interview mit Hugo Portisch zu Europa, Migration und Afrika gelesen? Unglaublich, wie optimistisch und weise der 90-jährige "Vater" des heimischen Journalismus ist! Übrigens hat ihn Wiens Uni eben als ein nationales Vorbild gefeiert - aus Respekt und Dankbarkeit für sein Lebenswerk.

Während die Politik derzeit vor allem darüber diskutiert, wie Flüchtlingsschiffe im Mittelmeer blockiert und Auffanglager in Nordafrika gebaut werden könnten, hat Portisch seit Jahren für einen großen "Marshall-Plan" Europas für Afrika geworben.

Sein Credo: Ja, natürlich, wir müssen die Einwanderung in den Griff bekommen und können nicht zum 'Rettungsboot' für Millionen werden. Aber auch: Weder Küsten-Zäune noch Internierungs-Camps sind die Lösung. Denn: Solange die Arbeitsplätze nicht zu den Menschen kommen, werden die Menschen zu den Arbeitsplätzen kommen. Unweigerlich.

Kontinent voller Ressourcen

Und weiter: Afrika, das ist nicht nur eine Hölle von Armut, AIDS, Hunger und Korruption - und für Europa nicht nur eine Bürde. Afrika, das ist auch ein Kontinent voller Ressourcen, strategisch, wirtschaftlich und menschlich - mit Aber-Millionen geduldiger, fleißiger, auch kreativer Menschen. Und ein riesiger Hoffnungsmarkt.

Chinesen und Russen haben das längst erkannt. Portisch: "Ich glaube, die Europäer brauchen immer ziemlich lang, bis sie kapieren, was in ihrem eigensten Interesse zu liegen hat."

Was Afrika also braucht, ist eine Art "Marshall-Plan", aber ganz neu gedacht. Denn die dort Herrschenden brauchen Aufpasser, sagt Portisch. Das aber hieße, rasch eine Organisation aufzubauen, "die so lange in europäischen Händen ist, bis die Afrikaner so weit sind, sich selbst zu verwalten." Hieße auch, südlich des Mittelmeeres viel an Optimismus und Selbstvertrauen aufzubauen, mit allem, was Globalisierung und Digitalisierung können. Und den Menschen dort zu zeigen, "dass es sich lohnt, in Afrika zu bleiben." Denn jeder, der jetzt weggeht, nimmt seiner Heimat ein Stück Zukunft.

Eine schwierige, aber unverzichtbare Botschaft -nach Jahrhunderten, in denen wir Europäer diesen riesigen Nachbar-Kontinent vor allem als Selbstbedienungsladen begriffen haben.

Warum mir diese Botschaft gerade jetzt so wichtig erscheint: Weil in den Zentralen der heimischen Politik eben jetzt die rhetorischen Ohrwürmer für den kommenden Wahlkampf geschmiedet werden. Da wird auch Afrika (erstmals) ein Thema sein - samt der Verlockung, ganz auf Wähler-Ängste zu setzen.

Wenn wir Glück haben, findet sich vielleicht einer wie Hugo Portisch, der - bei allem Realitätssinn - auch auf Solidarität, Mitmenschlichkeit und eine Zukunft mit Afrika setzt. Aus christlicher, sozialer oder welcher Verantwortung auch immer.

Europas aktueller Auftrag heißt nicht "Schütze dich vor den Fremden", sondern "Sorge dich auch um die Fremden!".

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