Aggressiver, doch gewaltfreier Widerstand

Tenzin Tsundue will die Tibeter auf einen Widerstandskampf in der Tradition von Mahatma Gandhi einschwören. Sein Ziel ist die Unabhängigkeit Tibets.

Dichter, Menschenrechtsaktivist, Freiheitskämpfer – Tenzin Tsundue ist das Gesicht des jungen tibetischen Widerstands gegen die chinesische Besatzung. 1975 im indischen Exil geboren, ist Tsundue als 22-Jähriger zu Fuß über die Grenze nach Tibet marschiert – illegal. Um sich selbst ein Bild von den Lebensbedingungen seines Volkes zu machen und um Kontakte zu knüpfen. Mit diesem Netzwerk ( www.friendsoftibet.org) kämpft er seither für Tibets Unabhängigkeit. Erst wenn diese erreicht ist, will er sein rotes Stirnband wieder abnehmen.

DIE FURCHE: Herr Tsundue, Sie sprechen für den jungen tibetischen Widerstand. Stimmt es, dass Tibets Jugend dem Dalai Lama zu sanfte Politik gegenüber China vorwirft und mehr Gewalt fordert?

Tenzin Tsundue: Der Unterschied zwischen Dalai Lama, Exilregierung und vielen tibetischen Jugendlichen in Tibet und im Exil liegt im Ziel unseres Kampfes, aber nicht in den Methoden. Seine Heiligkeit der Dalai Lama und die Exilregierung wollen eine Autonomie Tibets innerhalb der Volksrepublik China erreichen. Der tibetische Jugend-Kongress hingegen verlangt Tibets Unabhängigkeit. Der Unterschied unserer Auffassungen betrifft also nur das Ziel. Zur gewaltlosen Natur dieses Kampfes sind wir alle verpflichtet.

DIE FURCHE: Wie wollen Sie Unabhängigkeit erreichen, wenn es dem Dalai Lama seit Jahrzehnten nicht gelingt, weniger, sprich ein autonomes Tibet zu erlangen?

Tsundue: Hitler hat ganz Europa überfallen – haben die besetzten Völker aufgegeben? Nein! Großbritannien war jahrhundertelang die unumschränkte Kolonialmacht Indiens – hat das Gandhi von seinem Freiheitskampf abgehalten? Nein! Sie alle hofften, es wird eine Zeit kommen, in der sich die Wahrheit durchsetzt. Die Idee von Freiheit hängt immer mit dieser Hoffnung zusammen.

DIE FURCHE: Und Sie hoffen, dass die chinesische Regierung eines Tages einlenkt?

Tsundue: Seine Heiligkeit hat in den letzten 40 Jahren darauf hingearbeitet, eine Lösung durch Dialog zu finden. Seine Grundannahme ist: Die Chinesen sind Menschen, die auch eine Lösung der Tibet-Frage durch Aufeinanderzugehen finden wollen. Wir glauben das nach den schlechten Erfahrungen der letzten Jahrzehnte nicht mehr. Wir meinen, es sollte einen Wechsel unserer Politik geben. Wir müssen aggressiver vorgehen, konfrontativer – der Protest muss von Angesicht zu Angesicht stattfinden. Aber nicht außerhalb der Grenzen der Gewaltlosigkeit.

DIE FURCHE: Ist gewaltlose Konfrontation möglich? Die andere Seite wird aggressiv antworten.

Tsundue: Wir folgen Mahatma Gandhis Methoden. Aber der Gegner, dem wir gegenüberstehen, ist viel, viel schlimmer als das britische Empire. Als Gandhi gegen die britische Armee, die Polizei, die Politik aufgestanden ist, war er konfrontativ. Er stand vor ihnen und erklärte: Das ist die Wahrheit, für die wir kämpfen. Wir wollen Freiheit und wir wollen, dass ihr Indien verlasst. Das ist Konfrontation. Und wir machen das. Das ist der Weg Richtung Freiheit.

DIE FURCHE: Waren die tibetischen Aufstände vor einem Jahr in Lhasa eine Folge dieser Konfrontation?

Tsundue: Sie verwenden die Sprache der chinesischen Regierung. China erklärte den Protest in Tibet zu Unruhen und Aufständen. Die meisten westlichen Medien haben diese Wortwahl übernommen. Das müssen wir korrigieren.

DIE FURCHE: Wie nennen Sie das dann, was im März letzten Jahres in Lhasa und anderen tibetischen Orten vorgefallen ist und in brutaler Gewalt geendet hat?

Tsundue: Es waren anfangs friedliche, gewaltlose Proteste. China spricht von Aufständen, um den Gebrauch von Waffen und das Töten von Menschen auf offener Straße zu rechtfertigen. Ich habe mit einem Mönch, der dort gewesen ist, geredet. Er erzählte mir, dass am Morgen des Tages, an dem die größten Proteste stattgefunden haben, keine Polizisten oder Soldaten da waren. Das hat es nie zuvor gegeben. Es gab unter den Protestierenden eine Gruppe junger Leute, angezogen wie Mönche. Diese fingen an, Steine gegen chinesische Amtsgebäude und Polizeiautos zu werfen. Und sie ermunterten andere, dabei mitzumachen – was auch passierte. Und noch immer waren weder Polizei noch Militär anwesend. Erst am Nachmittag startete die Polizei mit der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste.

DIE FURCHE: Für Sie also eine Falle?

Tsundue: Ja, es wurde bewusst eine Eskalation herbeigeführt, die von der chinesischen Regierung als Rechtfertigung benutzt werden konnte.

DIE FURCHE: Wie wollen Sie das in Zukunft bei Ihrem konfrontativen Widerstand vermeiden?

Tsundue: Das können wir nicht vermeiden. Das kann wieder passieren, natürlich, aber für die Freiheit sind wir bereit zu leiden, auf der Straße erschossen zu werden, geschlagen und eingesperrt zu werden. All das ist möglich, aber wir sind bereit, diese Leiden auf uns zu nehmen. Wozu wir nicht bereit sind, ist, selbst Gewalt anzuwenden und das Leben anderer zu gefährden oder gar zu töten.

DIE FURCHE: Welche Rolle soll der Dalai Lama in diesem Unabhängigkeitskampf einnehmen?

Tsundue: Seine Heiligkeit ist der Führer und der Sprecher unseres Volkes. Er hat uns in den letzten Jahrzehnten zu einer demokratischen Gesellschaft geformt. Deswegen sagt er heute, die Entscheidung über die Zukunft Tibets soll von den Tibetern selbst getroffen werden. Daraufhin hat der Dalai Lama die Einladung zur Diskussion über unsere Zukunft ausgesprochen. Und diese Diskussionen finden statt: 560 Tibeter aus 19 Ländern repräsentieren dabei das Exil-Tibet und 17.000 Tibeter aus Tibet haben geheim ihre Meinungen geschickt.

DIE FURCHE: Was soll am Ende dabei herauskommen?

Tsundue: Wir arbeiten an einer gemeinsamen Vision – ich wünsche mir, dass es unser Kampf für die Unabhängigkeit ist. Aber so weit sind wir noch nicht. Jetzt liegt der Ball bei der chinesischen Regierung. Wenn die Chinesen weiterhin nicht ernsthaft mit uns verhandeln, hören wir auf, Delegationen nach Peking zu schicken. Und wenn sie weiterhin nicht auf unsere Anliegen eingehen, werden wir Unabhängigkeit statt Autonomie als neues Ziel definieren.

DIE FURCHE: Der Dalai Lama hat vergangenes Jahr auch seinen Rücktritt in den Raum gestellt – wie stehen Sie dazu?

Tsundue: Das ist ein Missverständnis. Der Dalai Lama ist nicht gewählt, er ist als Dalai Lama geboren, er kann nicht zurücktreten. Was er gemeint hat: Er will, dass die Exilregierung und die Abgeordneten im Exilparlament mehr politische Verantwortung übernehmen. Der Dalai Lama hat immer für eine demokratische Gesellschaft gearbeitet. Und jetzt möchte er, dass diese gewählten Repräsentanten mehr Verantwortung übernehmen. Aber seine Heiligkeit ist seine Heiligkeit und wird immer seine Heiligkeit bleiben.

DIE FURCHE: Was bei seiner Heiligkeit auffällt: Er lässt sich seinen Humor nicht nehmen, lacht immerzu, für manche Kritiker sogar zu viel und zu oft …

Tsundue: Er lacht vielleicht, aber er macht sich nicht lustig über etwas oder jemanden. Das weiß ich ganz genau. Wir haben unsere Unabhängigkeit verloren, unsere Leute sitzen in chinesischen Gefängnissen, leiden, sterben … Trotzdem haben wir nicht den Frieden in uns verloren. Wir vertrauen weiterhin auf die Kraft der Wahrheit – dadurch sind wir innerlich frei und können immer noch lachen. Und das heutige China fürchtet nichts mehr als Freiheit in jeder Form.

DIE FURCHE: Und kann sich innen- wie außenpolitisch mit dieser Haltung behaupten.

Tsundue: Einspruch! Sie sehen in China eine große, starke, monolithische Macht. Aber glauben Sie das nicht. Ich sehe, dass China im Wandel begriffen ist. Unzählige Menschen in China – Lehrer, Aktivisten, junge Leute – arbeiten daran, Freiheit im Land selbst zu erlangen. Diese große, monolithische Macht, regiert von Hu Jintao, ist nicht für ewig. Es wird die Zeit kommen, in der alle besetzten Länder, so wie Tibet, Innere Mongolei oder Ost-Turkestan, frei sein werden. Wer das China in seiner jetzigen Form unterstützt, schafft nur noch mehr Spannungen. Denn was will man: eine langsame Veränderung zum Besseren oder eine gewaltsame Revolution? Was ist besser für die Welt? Ich weiß es: Am besten ist die Freiheit.

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