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Akropolis der Kultur und Kunst

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Die Berliner Museumsinsel soll für rund 14 Milliarden Schilling wiederauferstehen: strahlender und umfassender denn je.

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Die Berliner Museumsinsel soll für rund 14 Milliarden Schilling wiederauferstehen: strahlender und umfassender denn je.

Z ehn Jahre wird es dauern, bis die Berliner Museumsinsel, eines der größten Museums-Ensembles der Welt, zur "Akropolis der Kultur und Kunst" geworden ist. Die fünf großen Museen im Herzen der Stadt - in den Jahrzehnten der DDR heruntergekommen und in ihrer baulichen Substanz bedroht - sollen um mehr als 14 Milliarden Schilling wiederauferstehen: strahlender und umfassender denn je.

Kaum waren die Ergebnisse des Masterplans zur Neugestaltung bekannt geworden, hagelte es auch schon Kritik: "Im Bustakt an der Kunst vorbei", warnte "Die Zeit" und sah eine Disney-World über Berlins neuen Kunst-Fokus erscheinen. Der 40-Minuten-Rundgang solle die Massenbesucher vom Individualbesucher trennen, hieß es in dem Artikel.

Als Kultur, die anschaulich ist für alle, möchten hingegen die Macher ihre Schätze präsentieren. Vor bald zwei Jahren beschloss die Politik, einen Masterplan für jenes sensible Gebiet in der Mitte der deutschen Hauptstadt durchzuführen, das von der Spree umschlungen, von der meistbefahrenen Eisenbahnstrecke der Republik auf vier Gleisen durchschnitten und von städtebaulich noch zu definierenden Flächen umgeben ist. Fünf Museen stehen auf der Insel und bilden den ältesten und wichtigsten Ausstellungsstandort der deutschen Hauptstadt: Das Neue und das Alte Museum, die Nationalgalerie, das Bode- und das Pergamonmuseum. Der Pergamonaltar, das Tor von Milet und die Büste der Nofretete zählen zu den Prunkstücken der riesigen Sammlungen. Gleichzeitig mit dem Großprojekt für die fünf Gebäude soll auch die Bebauung des benachbarten ehemaligen Schlossplatzes entschieden werden.

Ein Weltkulturerbe König Friedrich Wilhelm III. steht am Beginn der Geschichte der Museumsinsel: Auf einem zugeschütteten Graben an der Nordseite des Lustgartens vor seinem Schloss wurde das heutige Alte Museum errichtet. Dort wollte er die in den Schlössern der Krone aufbewahrten Kunstschätze der Öffentlichkeit zugänglich machen. Den großen Schritt machte allerdings Friedrich Wilhelm IV., der mittels Kabinettsorder von 1841 bestimmte, dass das gesamte Gelände hinter dem Museum zu einem der "Kunst und der Altertums-Wissenschaft geweihten Bezirk" zu werden habe. So wurde zuerst das Neue Museum hinter das Alte gesetzt. 1876 folgte die Nationalgalerie und 1904 das Bodemuseum, das damals noch Kaiser-Friedrich-Museum hieß.

Wilhelm von Bode war der langjährige Generaldirektor, unter dem die Sammlungen in den neuen Häusern zu Weltruhm gelangten. 1912 wurde mit dem Bau des Pergamonmuseums begonnen, doch kam der Erste Weltkrieg dazwischen. Es wurde erst 1930 fertig. Im Zweiten Weltkrieg wurden die meisten Bestände ausgelagert und alsbald die fünf Museen zu etwa 70 Prozent zerstört. Noch heute sieht man an den Mauern die Einschüsse.

Nach dem Krieg waren die Ausstellungsstücke über ganz Berlin zerstreut - und in der geteilten Stadt jahrzehntelang auseinandergerissen. Sofort nach der Wende vor zehn Jahren tauchte der Gedanke auf, die Museumsinsel wieder zu dem zu machen, was sie knapp vor dem Krieg war: Eine umfassende Darstellung der Hochkulturen der Welt. Ganz so wird es nun wohl nicht kommen, aber Vor- und Frühgeschichte, Altertum und Mittelalter sollen möglichst umfassend dokumentiert werden.

Einen weiteren Schub erhielt die Museumsinsel, als sie Anfang März des vergangenen Jahres von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Gleichzeitig nahm der Masterplan Gestalt an: Der Brite David Chipperfield wurde mit der Gestaltung des Neuen Museums beauftragt, die Architekten Hilmer/Sattler mit jener des Alten Museums, der Wiener Architekt Heinz Tesar soll das Bodemuseum wiederherstellen. Zudem vereinbarten der Präsident der Stiftung preußischer Kulturbesitz, Klaus-Dieter Lehmann, der von der "qualitativ dichtesten Sammlung zur gesamten Menschheitsgeschichte" spricht und der Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, Peter-Klaus Schuster, eine Neuordnung der 17 einzelnen Museen. Demnach soll die Museumsinsel zum Zentrum der abendländischen Kultur samt archäologischer Sammlungen werden, das Kulturforum im Stadtteil Tiergarten mit der neuen Gemäldegalerie und der Neuen Nationalgalerie zum Zentrum der Moderne und der Stadtteil Dahlem zur Heimstätte für die Kulturen der Welt werden. Die beiden letzten Standorte waren die zwei Museumsstätten des früheren Westberlin. Von dort kommen nun viele Ausstellungsstücke zur Museumsinsel.

Ärmlich und trostlos Vergangenes Jahr kamen im herbstlich erkaltenden Keller des Neuen Museums die Chefs der einzelnen Sammlungen zusammen, um über die Frage zu diskutieren, was künftig mit der Antike auf der Insel zu geschehen habe und wie man sie präsentieren solle. Man hatte sich für die Diskussion das ärmlichste Ambiente der zur Verfügung stehenden Ausstellungsgebäude ausgesucht, denn das Neue Museum ist eine, wenngleich pittoreske, Ruine. Zehn Stockwerke über den Diskutanten geht es bis unters Wellblechdach in die Höhe, ein trostloses Amphitheater mit rohen, eingerüsteten Ziegelwänden, in das für die Zuhörer eine Pressspanarena mit Sitzkissen gestellt wurde. Das halbe Dutzend Direktoren in Mänteln erinnert an Nachkriegszeit oder an Kriminologen am Tatort. Wolf-Dieter Heilmeyer steht der Antikensammlung vor.

Ihre Ursprünge liegen noch weiter südlich als hier, nämlich im Schloss, dessen Kriegsruine die DDR in den fünfziger Jahren sprengen ließ und statt dessen dort den Palast der Republik hochzog, der den feinsinnigen Häusern jenseits der Straße noch immer kontrapunktisch gegenübersteht. Bei den Antiken wird künftig die "Promenade" beginnen, im neoklassischen Bau des Pergamonmuseums. "Promenade", so wollen die Direktoren den verbindenden Gang durch ihre Häuser bezeichnet wissen, vor allem ihr oberster Chef, Peter-Klaus Schuster. Denn es soll etwas Erhabenes, Zeitloses damit verbunden werden, ein Anklang an die "Bilder einer Ausstellung" bewusst erzeugt werden. Damit will man wegkommen von der "Passage", die das Abwertende schon in ihrem Begriffshof trägt. Bei den Großmosaiken wird die Promenade also beginnen und eine Einführung in die klassische Architektur geben. Wilfried Menghin steht dem Museum für Vor- und Frühgeschichte vor und weist darauf hin, dass sein Haus einst das größte Spezialmuseum Europas war, und bis 1945 im Gropiusbau untergebracht war.

Ruhe und Muße Teile der Sammlung wurden nach dem Krieg abtransportiert, andere blieben zerstört zurück: 1.534 Objekte "bester Qualität" befänden sich heute in Moskau, 6.000 Objekte in Sankt Petersburg, erzählt Menghin. Was übrig geblieben ist, drängt sich heute im Langhaus des Schlosses Charlottenburg. So wie seine Kollegen spricht auch Menghin von der Zeit, "wenn die Blütenträume wahr werden" und weist auf eine Reihe von Verbindungen zu anderen Sammlungen hin, die sich dann darstellen lassen werden, "ein europaweites Netzwerk mit Verbindungen zum Mittelalter".

Dietrich Wildung, Direktor des Ägyptischen Museums und der Papyrussammlung, gehört auch zu jenen, die sich eifrig für das Wort "Passage" als einem roten Faden zwischen den fünf Häusern einsetzen und sich damit energisch gegen Worte wie "Schnellrundgang" ("Die Zeit") stemmen. "Ruhe, Kontemplation, keine Eile soll damit assoziiert werden", sagt er und zitiert peinlich berührt die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die schon von einer "Edelversion des Themenparks der Expo" höhne. Vergleiche wie "Maulwurfsgänge" oder "U-Bahnschächte" zeigten terminologische Unschärfe, es handle sich vielmehr um eine Abfolge von Räumen und Höfen: "Kein einziger Raum ist eine Verkehrsfläche, alles ist Museum", so Wildung. 2,5 Millionen Besucher habe man pro Jahr errechnet, sagt der Ägyptologe.

"Wir haben ja alles!"

Bei einer Zuwachsrate von zehn bis zwanzig Prozent im Jahr, wenn man sich mit dem Metropolitan Museum oder dem Louvre vergleiche, müsse die nötige Infrastruktur geschaffen werden. Stiftungspräsident Lehmann spricht gar schon von vier Millionen Besuchern, wenn in zehn Jahren alles fertiggestellt sein wird.

Ausgewählte Kunstwerke und Bildtafeln sollen einen Gesamtblick auf die Kulturen Europas bieten. Alsbald gerät auch der Direktor ins Schwärmen, etwa wenn es um die künftige Nutzung des Niobidensaales als Bibliothek des Altertums geht: Beginnend mit dem Gilgamesch-Epos, Homer und anderen (Wildung: "Wir haben das ja alles") könnten die Schätze in Tischvitrinen aufgelegt werden. An den Sitzgelegenheiten reihum hätten die Besucher die Möglichkeit, Texte im Original und in sechs bis sieben Übersetzungen anzuhören. "Wo sonst gibt es die Welt des Altertums erlebbar und hörbar?" fragt Wildung.

Im Bodemuseum, das derzeit umgebaut wird, sind künftig wieder die Skulpturensammlung und das Museum für Byzantinische Kunst daheim. Schon jetzt aber mahnt deren stellvertretender Direktor, Hartmut Krohm, zusätzliche Räume an, sonst seien die Flügelaltäre oder Skulpturen einfach nicht unterzubringen. Allerdings wird es tatsächlich Ausweitungen geben: Nicht alles kann auf der Insel untergebracht werden. Auf dem Gelände einer alten Kaserne, auf dem jenseitigen Ufer, dem Kupfergraben, werden Gebäude errichtet, die Werkstätten und Depots aufnehmen sollen. Die Insel selbst soll zwar hauptsächlich der Antike und dem Nachleben der Antike in einer so umfassenden Form wie nur möglich gewidmet sein, verspricht, Generaldirektor Peter-Klaus Schuster, aber nicht ausschließlich: "Ein großes Ganzes von Mensch und Kultur von Anfängen an soll künftig auf der Museumsinsel gezeigt werden." Seit jenen heftigen Herbsttagen ist der erste Wirbel um die Museumsinsel vorbei: Im heurigen Herbst eröffnet die Alte Nationalgalerie mit der Kunst des 19. Jahrhunderts als erster Ausstellungsbau, 2005 folgt das Bodemuseum, 2006 das Neue Museum, im Jahr darauf das Alte Museum und 2010 schließlich das Pergamonmuseum.

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