Alfred Kolleritsch - © Foto: APA / Erwin Scheriau

Alfred Kolleritsch: Ein immer wieder Staunender

1945 1960 1980 2000 2020

In Österreich begann die restaurative Kulturpolitik der Nachkriegszeit erst in den 1960er Jahren allmählich zu korrodieren, und mit diesem Prozess sind Graz und der Name Alfred Kolleritsch eng verbunden.

1945 1960 1980 2000 2020

In Österreich begann die restaurative Kulturpolitik der Nachkriegszeit erst in den 1960er Jahren allmählich zu korrodieren, und mit diesem Prozess sind Graz und der Name Alfred Kolleritsch eng verbunden.

Bei der Eröffnung des "Forum Stadtpark" im November 1960 wurde eine eher unscheinbare "Hauszeitung" verteilt: 15 hektographierte, lose geheftete Blätter in einer Auflage von hundert Stück, konzipiert von Alois Hergouth und herausgegeben gemeinsam mit Alfred Kollertisch. Der führte das Projekt ab der Nummer zwei praktisch als Ein-Mann-Unternehmen fort und hält mittlerweile bei Heft 170. Über viele Jahre haben die manuskripte für die österreichische Literatur eine besondere Rolle gespielt. Schon mit dem zweiten Heft 1961 öffnete Kolleritsch die Zeitschrift für die weitgehend von Publikationsmöglichkeiten abgeschnittenen Autoren der "Wiener Gruppe", ab Nummer sieben (1963) erschienen hier regelmäßig Texte der internationalen und der historischen Avantgarde.

Groteske Skandale

Das sorgte immer wieder für Skandale, Erregungen und sogar gerichtliche Beschlagnahmungen. Ein Teilabdruck von Oswald Wieners "die verbesserung von mitteleuropa, roman" etwa brachte Alfred Kolleritsch 1967 eine Anzeige wegen Verbreitung von Pornographie ein. Im Rückblick sind das Grotesken über den bedauernswerten Zustand des geistigen Klimas in gar nicht ferner Vergangenheit.

Alfred Kolleritsch jedenfalls verfolgte seinen Weg mit großer Konsequenz weiter und positionierte die manuskripte mit der Konzentration auf Erstabdrucke als heimische Talenteschmiede. Für eine ganze Autorengeneration begannen die Karrieren mit einem Abdruck in den manuskripten. Wolfgang Bauer, Barbara Frischmuth, Peter Handke, Gerhard Roth, Michael Scharang, Helmut Eisendle, Reinhard P. Gruber, Gert Jonke, Erwin Einzinger, Walter Kappacher - für sie und viele andere führten die Publikationswege von dort direkt zu Suhrkamp und Residenz.

Auch heftige Debatten wurden in den manuskripten und um sie geführt, wie jene von 1969 um die gesellschaftliche Relevanz von Literatur zwischen Handke, Kolleritsch und Hoffer auf der einen, Scharang, Zobl und Jelinek auf der anderen Seite. Auch wenn das forcierte Bekenntnis zum Experimentellen zurücktrat, die manuskripte bildeten die Basis und das Reservoir, von dem aus die Autoren der "Grazer Gruppe" Wien und den in konservativem Gleichmut verbliebenen österreichischen PEN-Club eroberten. Für seine langjährigen publizistischen Verdienste erhielt Kolleritsch 1993 den Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik.

Geboren wurde Alfred Kolleritsch am 16. Februar 1931 im südsteirischen Brunnsee. Er studierte Geschichte, Germanistik und Philosophie in Graz und promovierte 1964 über Heidegger. Seit 1958 unterrichtete er Deutsch und Philosophie zunächst in Leibnitz, dann in Graz. Neben seinen Ämtern und Würden in der Grazer Literaturlandschaft - von 1969 bis 1995 war er Präsident des "Forum Stadtpark" - legte Kollertisch 1972 seinen ersten Prosaband "Die Pfirsichtöter. Ein seismographischer Roman" vor, dem 1974 der zweite Roman "Die grüne Seite" folgte. Eine Verarbeitung seiner Internatszeit im (post)faschistischen Österreich publizierte er 1989 unter dem Titel "Allemann".

Elf mal Lyrik

Dazwischen war 1978 die erste große Gedichtsammlung "Einübung in das Vermeidbare" erschienen, für die er den Petrarca-Preis erhielt. Es folgten viele weitere Auszeichnungen und Lyrikbände - der elfte erscheint soeben mit dem Titel "Tröstliche Parallelen". Wie die Zeitschrift manuskripte gehören sie zum fixen Bestandteil der heimischen Literaturszene, und mit jedem Gedicht, so Anton Thuswaldner, fängt Alfred Kolleritsch immer noch "ganz von vorne an, sich seines Staunens zu vergewissern".

Bei der Eröffnung des "Forum Stadtpark" im November 1960 wurde eine eher unscheinbare "Hauszeitung" verteilt: 15 hektographierte, lose geheftete Blätter in einer Auflage von hundert Stück, konzipiert von Alois Hergouth und herausgegeben gemeinsam mit Alfred Kollertisch. Der führte das Projekt ab der Nummer zwei praktisch als Ein-Mann-Unternehmen fort und hält mittlerweile bei Heft 170. Über viele Jahre haben die manuskripte für die österreichische Literatur eine besondere Rolle gespielt. Schon mit dem zweiten Heft 1961 öffnete Kolleritsch die Zeitschrift für die weitgehend von Publikationsmöglichkeiten abgeschnittenen Autoren der "Wiener Gruppe", ab Nummer sieben (1963) erschienen hier regelmäßig Texte der internationalen und der historischen Avantgarde.

Groteske Skandale

Das sorgte immer wieder für Skandale, Erregungen und sogar gerichtliche Beschlagnahmungen. Ein Teilabdruck von Oswald Wieners "die verbesserung von mitteleuropa, roman" etwa brachte Alfred Kolleritsch 1967 eine Anzeige wegen Verbreitung von Pornographie ein. Im Rückblick sind das Grotesken über den bedauernswerten Zustand des geistigen Klimas in gar nicht ferner Vergangenheit.

Alfred Kolleritsch jedenfalls verfolgte seinen Weg mit großer Konsequenz weiter und positionierte die manuskripte mit der Konzentration auf Erstabdrucke als heimische Talenteschmiede. Für eine ganze Autorengeneration begannen die Karrieren mit einem Abdruck in den manuskripten. Wolfgang Bauer, Barbara Frischmuth, Peter Handke, Gerhard Roth, Michael Scharang, Helmut Eisendle, Reinhard P. Gruber, Gert Jonke, Erwin Einzinger, Walter Kappacher - für sie und viele andere führten die Publikationswege von dort direkt zu Suhrkamp und Residenz.

Auch heftige Debatten wurden in den manuskripten und um sie geführt, wie jene von 1969 um die gesellschaftliche Relevanz von Literatur zwischen Handke, Kolleritsch und Hoffer auf der einen, Scharang, Zobl und Jelinek auf der anderen Seite. Auch wenn das forcierte Bekenntnis zum Experimentellen zurücktrat, die manuskripte bildeten die Basis und das Reservoir, von dem aus die Autoren der "Grazer Gruppe" Wien und den in konservativem Gleichmut verbliebenen österreichischen PEN-Club eroberten. Für seine langjährigen publizistischen Verdienste erhielt Kolleritsch 1993 den Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik.

Geboren wurde Alfred Kolleritsch am 16. Februar 1931 im südsteirischen Brunnsee. Er studierte Geschichte, Germanistik und Philosophie in Graz und promovierte 1964 über Heidegger. Seit 1958 unterrichtete er Deutsch und Philosophie zunächst in Leibnitz, dann in Graz. Neben seinen Ämtern und Würden in der Grazer Literaturlandschaft - von 1969 bis 1995 war er Präsident des "Forum Stadtpark" - legte Kollertisch 1972 seinen ersten Prosaband "Die Pfirsichtöter. Ein seismographischer Roman" vor, dem 1974 der zweite Roman "Die grüne Seite" folgte. Eine Verarbeitung seiner Internatszeit im (post)faschistischen Österreich publizierte er 1989 unter dem Titel "Allemann".

Elf mal Lyrik

Dazwischen war 1978 die erste große Gedichtsammlung "Einübung in das Vermeidbare" erschienen, für die er den Petrarca-Preis erhielt. Es folgten viele weitere Auszeichnungen und Lyrikbände - der elfte erscheint soeben mit dem Titel "Tröstliche Parallelen". Wie die Zeitschrift manuskripte gehören sie zum fixen Bestandteil der heimischen Literaturszene, und mit jedem Gedicht, so Anton Thuswaldner, fängt Alfred Kolleritsch immer noch "ganz von vorne an, sich seines Staunens zu vergewissern".

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