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Alle Jahre Frankfurt

Die Buchmesse als Kulturereignis.

Im Vorfeld waren dramatische Zahlen zu hören: Im Durchschnitt schließt in Deutschland täglich eine Buchhandlung - nicht nur Ein-Mann-Betriebe, sondern etwa auch die Berliner Traditionsbuchhandlung Kiepert. Verlage meldeten dramatische Umsatzeinbrüche und mieteten kleinere Messestände. Die Ausstellungsfläche wurde verkleinert und statt der 98.547 Neuerscheinungen des Vorjahres wurden nur 81.424 präsentiert. Frankfurt, die weltweit größte Bücherschau, ist immer auch ein Indikator für den Stellenwert des Kulturgutes Buch und der Literatur.

Rückblickend kann man sagen: Es war eine ruhige Messe - literarische Debatten und Skandale wie Walser gegen Reich-Ranicki waren schon im Frühjahr abgefeuert, Politiker machten sich diesmal rar (Koalitionsverhandlungen in Berlin), daher wurde die Buchmesse denn auch im Feuilleton und nicht auf den ersten Seiten der Zeitungen gespielt. Dafür haben mehr Leserinnen und Leser den Weg in die Ausstellungshallen gefunden: am Samstag, dem ersten Publikumstag, waren es gar um 7,8 Prozent mehr als im Vorjahr. So ist bei gleichbleibendem Interesse des Fachpublikums ein Gesamtzuwachs an Besuchern von 1,6 Prozent zu verzeichnen.

Das mag auch an den unzähligen Veranstaltungen liegen (mittlerweile sind es über 2000!), die sich nicht an ein Fachpublikum, sondern an die Leser richten. Besonders attraktiv: "Die lange Nacht der europäischen Literatur" - eine internationale Präsentation von Kleinverlagen und ihren Autoren. Eine wichtige Rolle spielt der Länderschwerpunkt - ein seit Jahren erfolgreiches Konzept, dem die Entdeckung zahlreicher Literaturen und Autoren für den deutschen Sprachraum zu verdanken ist. Der im Juli abgelöste Messedirektor wollte sie unverständlicherweise beenden, aber sein Nachfolger Volker Neumann plant bereits an der Weiterführung.

Gastland Litauen

Dieses Jahr stand Litauen im Mittelpunkt des Interesses - ein kleines Land mit geringen finanziellen Mitteln, das zudem nur ein Jahr Zeit für die Vorbereitung hatte. So gab es natürlich weniger Übersetzungen als von polnischer oder ungarischer Literatur vor einigen Jahren, aber Präsentation und Programm konnten sich sehen lassen. Die zahlreichen Lesungen und Diskussionen waren eine gute Möglichkeit, Litauen und seine Literatur kennen zu lernen, und kamen beim Publikum gut an; noch am Sonntagabend fanden sich an die 80 Zuhörer für einen reinen Lyrikabend im Frankfurter Literaturhaus. Litauen präsentierte sich als modernes multikulturelles Land und von den Querelen im Vorfeld der Messe war nichts mehr zu spüren (Kräfte um Ministerpräsident Brazauskas hatten auf alte Traditionen gepocht und wollten eher Volksmusik statt der Jazzkonzerte, die den Schwerpunkt umrahmten). In seiner auf deutsch gehaltenen Rede zur Messeeröffnung brachte der litauische Staatspräsident Valdas Adamkus eine Ur-Erfahrung der litauischen Geschichte zur Sprache: Schreiben, um zu überleben. Der scheidende deutsche Staatsminister für Kultur, Julian Nida-Rümelin, sprach von der entscheidenden Rolle der Kultur beim Zusammenwachsen Europas.

Friedenspreis

Während der Buchmesse wird immer auch der renommierte Friedenspreis des Deutschen Buchhan-dels verliehen. Diesjähriger Preisträger ist der nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe als Friedensstifter zwischen den Kulturen und als Botschafter des Buches - so Dieter Schormann, der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, am Sonntag bei der Preisverleihung: "Gerade weil Achebes Romane eine uns unvertraute Welt deuten, sind sie geradezu Pflichtlektüre für eine Gesellschaft, die noch auf dem Weg dazu ist, endlich zu begreifen, wie multikulturell sie eigentlich ist."

Laudator Theodor Berchem sah in Achebes Schaffen eine Mahnung besonders an die Europäer: "Denn was Achebe mit seinen Hauptfiguren beispielhaft demonstriert, sind die Mechanismen zunehmender Verhärtung, die nicht selten die Reaktion auf einen Kulturkontakt sind, bei dem die machtpolitischen und die ökonomischen Mittel extrem ungleich verteilt sind."

Achebe ist erst der dritte Afrikaner unter den bislang 53 Friedenspreisträgern. Er gilt als Begründer der authentischen englischsprachigen Tradition Westafrikas. Sein Stil ist geprägt durch die orale Erzählkunst seines Volkes, der er damit ein Denkmal setzt. Sein 1958 erschienener Roman "Things fall apart" ist ein Klassiker der afrikanischen Gegenwartsliteratur, der in mehr als 50 Sprachen übersetzt wurde. Während des Biafra-Krieges (1967-70) war Achebe Sonderbotschafter Biafras in Europa und in den USA, wo er - seit einem schweren Verkehrsunfall 1990 auf einen Rollstuhl angewiesen - heute lebt. In seiner Dankesrede setzte sich Achebe mit den Klischees von den sprachlosen Wilden auseinander, die in vielen literarischen Werken über Afrika zu finden sind.

Österreichische Staatspreise

Wie im Vorjahr präsentierte Kulturstaatssekretär Franz Morak in Frankfurt die diesjährigen österreichischen Staatspreisträger. Der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur geht diesmal an den aus der Ex-DDR stammenden Prosaautor und Dramatiker Christoph Hein, der Staatspreis für Kulturpublizistik an Adolf Holl. Mit dem Würdigungspreis werden Inge Merkel und Reinhard P. Gruber für ihr schriftstellerisches Werk ausgezeichnet.

Die Präsentation der Staatspreise in Frankfurt unterstreicht einen Trend: Im Zeitalter der elektronischen Kommunikation nimmt die rein wirtschaftliche Bedeutung der Buchmesse ab (so werden etwa Lizenzen das ganze Jahr über gehandelt), aber ihre Bedeutung als Kulturereignis rund um das Buch steigt.

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