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Alles eine Frage der Haltung

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Erziehung ist ein Abenteuer. Um es zu meistern, hat der israelische Psychologe Haim Omer die "Neue Autorität" entwickelt. Was sie ausmacht - und wie sie heute gelingt.

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Erziehung ist ein Abenteuer. Um es zu meistern, hat der israelische Psychologe Haim Omer die "Neue Autorität" entwickelt. Was sie ausmacht - und wie sie heute gelingt.

Mal ist es ganz einfach: Ihr Dreijähriger spielt mit seinen Spielsachen und Sie bitten ihn, das Spielzeug wieder einzuräumen. Und siehe da, er macht es einfach. Oder Sie bitten Ihre fünfzehnjährige Tochter, den Müll hinunterzubringen, und sie macht es ohne Widerrede und räumt danach auch noch ihr Zimmer auf. Sie freuen sich, braves Kind - so könnte es immer gehen.

Manchmal ist es aber wie verhext. Ihrem Kleinen ist ein Spielzeug hinuntergefallen, und er brüllt wie am Spieß. Nach erfolglosen Beruhigungsversuchen trommelt er mit seinen Fäusten wie von Sinnen auf Sie ein. Ihre Siebenjährige ist soeben von der Schule nach Hause gekommen. Als Sie sie bitten, die Aufgaben zu machen, kommt es zum Fiasko. Das alltägliche, stundenlange Ringen mit Schreien, Toben und Drängeln beginnt, und Ihre Tochter macht die Hausübungen erst recht nicht. Der "Worst Case" ist eingetreten - Sie sind frustriert, und fragen sich, was falsch gelaufen ist.

Was aber ist der wesentliche Unterschied zwischen diesen beschriebenen Situationen? Nach all unseren Erfahrungen am Grazer Institut für Kind, Jugend und Familie mit Hunderten Eltern und Kindern, die wir unterstützen dürfen, besteht er vor allem im Kopf der Eltern -in Ihrer Haltung.

Ordnung und Deeskalation

Einmal fühlen Sie sich stark, souverän, selbstwirksam und handlungsfähig. Sie sind davon überzeugt, dass das, was Sie wollen und gut für ihr Kind ist, in der einen oder anderen Form auch passieren wird. Dabei sind Sie wunderbar gelassen, Sie brauchen niemanden zu zwingen, Sie sind präsent mit Ihrer Botschaft und Ihrer Position und zugleich mit Ihrer Liebe. Beim zweiten Mal herrscht Chaos im Kopf. Sie fühlen sich unsicher, haben Angst vor der Reaktion Ihres Kindes, sind unruhig und getrieben. Sie brüllen und schreien, diskutieren, verhandeln, bitten und hoffen dann, dass alles gut wird.

Kindererziehung ist heute ein faszinierendes Abenteuer, bei dem starke Steuermänner und -frauen gefragt sind. Noch nie hat es so viele Angebote, geschickt dargeboten durch eine nimmermüde Industrie, für Kinder und Jugendliche gegeben. Noch nie waren die Möglichkeiten und zugleich auch Gefahren virtueller Kommunikation via Smartphones, Internetplattformen und Computer so groß wie heute und noch nie hatten wir so wenig Zeit für unsere Kinder, weil wir enorm viel arbeiten müssen, um Haus, Wohnung und Urlaub finanzieren zu können. Zudem leben wir in einer Zeit, in der alles immer schneller und kurzlebiger wird. Ein möglicher Weg, diese Hindernisse und Anforderung erzieherisch erfolgreich zu bewältigen, stellt das Konzept der "Neuen Autorität" dar - ein vom israelischen Psychologen Haim Omer entwickeltes Denk- und Handlungsmodell, das vor allem dazu beiträgt, aus vorhandenen Eskalationsmustern auszusteigen.

Die Basis für das Konzept der "Neuen Autorität" bilden die Anker-und Hafenfunktion. Demnach beginnt gelingende Erziehung dort, wo das Modell der sicheren Bindung herrscht. Kinder brauchen Eltern, die ihnen das Gefühl vermitteln, immer für sie da zu sein -und die so ihr Urvertrauen fördern. Damit Kinder sich gut entwickeln können, brauchen sie einen elterlichen Hafen, der ihnen ausreichend Schutz und Sicherheit gibt, sie aber auch hinausfahren und neue Erfahrungen machen lässt. Neben der Funktion des sicheren Hafens zeichnet sich gelingende und selbstbewusste Erziehung auch durch eine sogenannte Ankerfunktion aus, die Regeln und Strukturen vorgibt und eine sichernde, wachsame Funktion elterlicher Erziehung darstellt. Dabei beruht eine starke Ankerfunktion auf folgenden vier wesentlichen Elementen: Struktur, Präsenz und wachsame Sorge, Selbstkontrolle und Deeskalation sowie Unterstützung.

Die vier Arten der Ankerfunktion

Kinder brauchen erstens Struktur und Ordnung, denn sie wissen noch nicht, was richtig und was falsch ist. Gelingende Erziehung durch eine stabile Ankerfunktion setzt auf verlässliche Strukturen, innerhalb derer sich das Kind wohl und sicher fühlt.

Die zweite Form der Verankerung stellt die Präsenz dar. Eine sich entwickelnde Fähigkeit und Fertigkeit von Eltern, ihre Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder wahrzunehmen, Auseinandersetzungen konstruktiv zu führen und stets Anker zu sein, auch wenn es manchmal schwierig ist. Eltern sollen ihrem Kind klar und unmissverständlich zeigen, "ich bin hier und ich bleibe da". Wachsame Sorge stellt die praktische Seite der Präsenz dar und die Haltung "alles was mit meinem Kind passiert, ist mir wichtig". Ich möchte im Bilde bleiben und Anteil am Leben meines Kindes nehmen.

Die dritte Form der Verankerung ist das Instrument der Deeskalation, das die elterliche Selbstkontrolle stärkt und dadurch neue Möglichkeiten im Prozess der Erziehung eröffnet. Dabei geht es vor allem darum, die eigene Reaktion zu verzögern, abzuwarten und zu schweigen, anstatt vorschnell zu handeln. Und schließlich braucht es auch die vierte Form der Verankerung, die Unterstützung, denn die Kraft, Kindern ein guten Anker zu sein, speist sich nicht nur aus dem Herzen des Einzelnen, sondern vervielfältigt sich durch den Zusammenschluss einer Gruppe. Eltern können ihr Kind besser verankern, wenn sie mit anderen verbunden sind, etwa mit Großeltern, Freunden, Geschwistern, aber auch mit der Gemeinde, der Nachbarschaft oder der Schule.

Es gibt freilich noch einen weiteren Weg, ein stabiler elterlicher Anker zu sein, und zwar durch das Konzept des (gewaltfreien) Widerstandes im Gegensatz zum Konzept der Bestrafung. Kinder zu bestrafen führt nämlich dazu, dass sie zwar versuchen, diese Konsequenz zu vermeiden, aber nicht das unerwünschte Verhalten unterbinden bzw. das erwünschte Verhalten zeigen.

Unkontrollierbare Kinder

Das Konzept des Widerstands geht zuerst davon aus, dass Kinder und Jugendliche in ihrem Verhalten unkontrollierbar sind und dass Versuche, dieses Verhalten zu kontrollieren, fast unweigerlich in Eskalation oder vermehrt unerwünschtem Verhalten münden. Wenn Eltern Widerstand leisten, widersetzen sie sich freilich nur dem unerwünschten Verhalten, nicht der Person. Dies geschieht bei aufrechter Beziehung. Die Widerstandsformel in der Beziehung lautet: "Wir sind deine Eltern. Wir werden immer für dich da sein und schätzen dich sehr. Dein Verhalten macht uns große Sorgen. So kann es nicht weitergehen. Wir werden dagegen Widerstand leisten. Wir können und wollen dich nicht zwingen, dieses Verhalten nicht zu zeigen, aber wir werden dagegenhalten und uns Hilfe holen." Alternativ zu Strafe und Härte ist neben dem Widerstand der Ausgleich durch Wiedergutmachung. Dieser Gedanke geht davon aus, dass ein Kind, das durch sein Verhalten einen Schaden hervorgerufen hat, diesen ausgleichen muss. Durch die Wiedergutmachung, die stets eine aktive, prosoziale Handlung an der Gemeinschaft darstellt, soll zudem auch der Wiedereinstieg in eine Gruppe, Klasse oder Familie ermöglicht und von den Erwachsenen unterstützt werden.

All diese Punkte schlagen sich in einer veränderten Haltung nieder, und diese neue Haltung führt dazu, dass Eltern wieder an Kontur gewinnen - und Kinder begreifen, dass sie um ihre Eltern nicht mehr herumkommen und sie nicht mehr länger ignorieren oder beiseiteschieben können. Wenn Eltern sich dann - gerade in stürmischen Zeiten - ihrer Funktion als sicherer Hafen bewusst werden und Kinder die Schutz-und Ankermöglichkeiten ihrer Eltern schätzen, ist die Idee der "Neuen Autorität" im Familienalltag angekommen.

| Der Autor ist Psychotherapeut und Leiter des Grazer Instituts für Kind, Jugend und Familie |

BUCHTIPP: Neue Autorität Das Geheimnis starker Eltern Von Haim Omer und Philip Streit. Vandenhoeck &Ruprecht 2016 145 Seiten, kartoniert, € 15,50

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