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Feuilleton

Alles, was Gold ist, soll auch wieder glänzen

1945 1960 1980 2000 2020

Nicht nur Kontroversen um Streamingdienste wie Netflix: Die 70. Filmfestspiele von Cannes zeigten Spektakel-Filme, von denen am Ende einige zu den Siegern gehörten.

1945 1960 1980 2000 2020

Nicht nur Kontroversen um Streamingdienste wie Netflix: Die 70. Filmfestspiele von Cannes zeigten Spektakel-Filme, von denen am Ende einige zu den Siegern gehörten.

Von Beginn an gab es Kritik. Da wollte Jury-Präsident Pedro Almodóvar die beiden vom Streaming-Dienst Netflix produzierten Wettbewerbsteilnehmer "The Meyerowitz Stories" und "Okja" vom Preisrennen ausschließen, weil Netflix dafür keinen französischen Kinostart geplant hatte. "Für mich wäre es ein großer Widerspruch, wenn man den Gewinner der Goldenen Palme von Cannes nicht im Kino sehen könnte", meinte Almodóvar bei der Eröffnung. Sehr zum Missfallen seines Kollegen Will Smith, der sagte: "Ohne Netflix könnten viele Menschen gewisse Filme gar nicht sehen, weil es am Land keine Kinos gibt".

Beide Herren haben ihre Standpunkte klargemacht, und es sah nach einer Kontroverse aus. Die Netflix-Kino-Debatte loderte die gesamte Festivalzeit über und vor sich hin. Und hat auch ihre Berechtigung.

Aber am Ende stimmte dann doch das Gesamtbild: Zwar bekam keiner der beiden genannten Filme einen Preis - obwohl sie durchaus preiswürdig gewesen wären. Aber die Jury trat am Ende wieder vereint auf und ignorierte Netflix. Aber auch Größen wie Michael Haneke und seinen Beitrag "Happy End", in dem der zweifache österreichische Palmengewinner die Krise einer bourgeoisen Familie in Nordfrankreich schildert.

Hanekes Bilder und Szenen sind stark, aber ihr Zusammenspiel wirkt wie Stückwerk, das nicht ineinander greift. Eigentlich logisch, zumal Haneke selbst gesagt hat, dass viele der Szenen aus anderen, bisher nicht verwirklichten Drehbüchern stammen. Was einige Kritiker freundlich als Bestof-Haneke abtaten, sind in Wahrheit geniale Miniaturen, die sich einfach nicht ungezwungen aneinanderfügen lassen.

Breitenwirksames Kino und freche Satire

Doch zurück zum Festival-Gesamtbild: Die Jury hat in Cannes den Mut gehabt, breitenwirksames Genrekino und freche Satire von neuen, anderen Stimmen im Weltkino auszuzeichnen. Das bekommt dem auf die "üblichen Verdächtigen" abonnierten Festival (im Vorjahr gewann etwa Ken Loach seine zweite Palme) ganz gut, und auch, dass hier nicht die schwere Filmkunst mit ihrem drückenden Gewicht ganz oben steht, ist ein Zeichen dafür, dass das Festival sich (schon in der Programmierung) um- und einstellt auf das, was da kommen mag. Die Produktionen von Amazon und Netflix jedenfalls sind durchaus anspruchsvoll, aber keinesfalls elitär; so weit geht das Bekenntnis der kommerziellen Händler dann doch nicht.

Haneke und seine Stars Der österreichische Regie-Meister (re.) ging für sein neues Opus "Happy End" leer aus, trotz altbekannter Mimen wie Jean-Louis Trintignant (li.) und Isabelle Huppert.

Insofern passt die Goldene Palme für Ruben Östlunds raffinierte Satire "The Square", weil hier der Kunstbetrieb selbst auf die Schaufel genommen wird. Also das, was (auch in Cannes) regelmäßig zelebriert wird. Ein Museums-Kurator verliert sein Handy und gerät von da an in arge persönliche Turbulenzen, während er zugleich eine wichtige zeitgenössische Schau vorbereitet.

Gut getroffen. Ein unheimlicher Spaß

Die feinsinnig beobachteten Skizzen aus dem Museumsalltag sind nicht nur treffend vorgetragen, sondern machen den ungeheuren Spaß aus, den "The Square" verbreitet: Östlund spielt hier meisterlich und ganz leger seine Trümpfe gegen die künstliche Überhöhung der Kunst-Rezeption aus und zeigt, wie banal alles hinter den Kulissen zugeht. "The Square" ist allerdings keine Abrechnung mit der modernen Kunst, wie einige Kritiker fanden, sondern ein Faustschlag aufs Auge derjenigen, die Kunst für elitär erklären und sie in die völlige Unverständlichkeit hinein rezensieren.

Nicht weniger verdient die beiden Preise für Lynne Ramsay (Drehbuch, geteilt mit Yorgos Lanthimos für "The Killing of a Sacred Deer") und Joaquin Phoenix (Bester Darsteller) in Ramsays "You Were Never Really Here", die Rache-Orgie eines Auftragskillers, der ein kleines Mädchen von seinen sexuellen Peinigern befreien soll. Auch der Preis für Diane Kruger als Beste Schauspielerin in Fatih Akins "Aus dem Nichts" geht in Ordnung: Sie kämpft darin gegen den Terrorismus, der ihr den Mann und den Sohn genommen hat. Dass der favorisierte Russe Andrej Swjaginzew für "Loveless" und das späte Aids-Drama "120 BPM" von Robin Campillo hier mit dem Preis der Jury, beziehungsweise dem Großen Preis der Jury entlohnt wurden, liest sich nach einer Vertröstung, und der Regie-Preis für Sofia Coppola und "The Beguiled" müsste eigentlich beeinsprucht werden. Dennoch hat Almodóvars Jury den Mut gezeigt, Cannes zu verändern: Alles, was Gold ist, soll auch wieder glänzen dürfen an der Croisette. Dafür ist das Kino da, das haben Netflix und Amazon schon längst verstanden.

Von Beginn an gab es Kritik. Da wollte Jury-Präsident Pedro Almodóvar die beiden vom Streaming-Dienst Netflix produzierten Wettbewerbsteilnehmer "The Meyerowitz Stories" und "Okja" vom Preisrennen ausschließen, weil Netflix dafür keinen französischen Kinostart geplant hatte. "Für mich wäre es ein großer Widerspruch, wenn man den Gewinner der Goldenen Palme von Cannes nicht im Kino sehen könnte", meinte Almodóvar bei der Eröffnung. Sehr zum Missfallen seines Kollegen Will Smith, der sagte: "Ohne Netflix könnten viele Menschen gewisse Filme gar nicht sehen, weil es am Land keine Kinos gibt".

Beide Herren haben ihre Standpunkte klargemacht, und es sah nach einer Kontroverse aus. Die Netflix-Kino-Debatte loderte die gesamte Festivalzeit über und vor sich hin. Und hat auch ihre Berechtigung.

Aber am Ende stimmte dann doch das Gesamtbild: Zwar bekam keiner der beiden genannten Filme einen Preis - obwohl sie durchaus preiswürdig gewesen wären. Aber die Jury trat am Ende wieder vereint auf und ignorierte Netflix. Aber auch Größen wie Michael Haneke und seinen Beitrag "Happy End", in dem der zweifache österreichische Palmengewinner die Krise einer bourgeoisen Familie in Nordfrankreich schildert.

Hanekes Bilder und Szenen sind stark, aber ihr Zusammenspiel wirkt wie Stückwerk, das nicht ineinander greift. Eigentlich logisch, zumal Haneke selbst gesagt hat, dass viele der Szenen aus anderen, bisher nicht verwirklichten Drehbüchern stammen. Was einige Kritiker freundlich als Bestof-Haneke abtaten, sind in Wahrheit geniale Miniaturen, die sich einfach nicht ungezwungen aneinanderfügen lassen.

Breitenwirksames Kino und freche Satire

Doch zurück zum Festival-Gesamtbild: Die Jury hat in Cannes den Mut gehabt, breitenwirksames Genrekino und freche Satire von neuen, anderen Stimmen im Weltkino auszuzeichnen. Das bekommt dem auf die "üblichen Verdächtigen" abonnierten Festival (im Vorjahr gewann etwa Ken Loach seine zweite Palme) ganz gut, und auch, dass hier nicht die schwere Filmkunst mit ihrem drückenden Gewicht ganz oben steht, ist ein Zeichen dafür, dass das Festival sich (schon in der Programmierung) um- und einstellt auf das, was da kommen mag. Die Produktionen von Amazon und Netflix jedenfalls sind durchaus anspruchsvoll, aber keinesfalls elitär; so weit geht das Bekenntnis der kommerziellen Händler dann doch nicht.

Haneke und seine Stars Der österreichische Regie-Meister (re.) ging für sein neues Opus "Happy End" leer aus, trotz altbekannter Mimen wie Jean-Louis Trintignant (li.) und Isabelle Huppert.

Insofern passt die Goldene Palme für Ruben Östlunds raffinierte Satire "The Square", weil hier der Kunstbetrieb selbst auf die Schaufel genommen wird. Also das, was (auch in Cannes) regelmäßig zelebriert wird. Ein Museums-Kurator verliert sein Handy und gerät von da an in arge persönliche Turbulenzen, während er zugleich eine wichtige zeitgenössische Schau vorbereitet.

Gut getroffen. Ein unheimlicher Spaß

Die feinsinnig beobachteten Skizzen aus dem Museumsalltag sind nicht nur treffend vorgetragen, sondern machen den ungeheuren Spaß aus, den "The Square" verbreitet: Östlund spielt hier meisterlich und ganz leger seine Trümpfe gegen die künstliche Überhöhung der Kunst-Rezeption aus und zeigt, wie banal alles hinter den Kulissen zugeht. "The Square" ist allerdings keine Abrechnung mit der modernen Kunst, wie einige Kritiker fanden, sondern ein Faustschlag aufs Auge derjenigen, die Kunst für elitär erklären und sie in die völlige Unverständlichkeit hinein rezensieren.

Nicht weniger verdient die beiden Preise für Lynne Ramsay (Drehbuch, geteilt mit Yorgos Lanthimos für "The Killing of a Sacred Deer") und Joaquin Phoenix (Bester Darsteller) in Ramsays "You Were Never Really Here", die Rache-Orgie eines Auftragskillers, der ein kleines Mädchen von seinen sexuellen Peinigern befreien soll. Auch der Preis für Diane Kruger als Beste Schauspielerin in Fatih Akins "Aus dem Nichts" geht in Ordnung: Sie kämpft darin gegen den Terrorismus, der ihr den Mann und den Sohn genommen hat. Dass der favorisierte Russe Andrej Swjaginzew für "Loveless" und das späte Aids-Drama "120 BPM" von Robin Campillo hier mit dem Preis der Jury, beziehungsweise dem Großen Preis der Jury entlohnt wurden, liest sich nach einer Vertröstung, und der Regie-Preis für Sofia Coppola und "The Beguiled" müsste eigentlich beeinsprucht werden. Dennoch hat Almodóvars Jury den Mut gezeigt, Cannes zu verändern: Alles, was Gold ist, soll auch wieder glänzen dürfen an der Croisette. Dafür ist das Kino da, das haben Netflix und Amazon schon längst verstanden.