Digital In Arbeit

Alles, was wirkt, hat auch Nebenwirkungen

Der Vorstand der Abteilung für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie an der Donau-Universität Krems, Anton Leitner, untersuchte nach eigenen Angaben zum ersten Mal Nebenwirkungen, die eine Psychotherapie haben kann. Er erstellte auf Basis der Studie eine Gebrauchsinformation für mögliche Patienten und Patientinnen.

Die Qualität der Psychotherapie hierzulande ist sehr gut, so das Ergebnis einer Studie zu möglichen unerwünschten Wirkungen.

Die Furche: Professor Leitner, warum hat bisher noch nie jemand die Nebenwirkungen von Psychotherapie erforscht?

Anton Leitner: Die Psychotherapie ist ein junger Beruf. Daher hat man zunächst geschaut, diesen zu festigen und Wirkungsstudien vorzulegen.

Die Furche: Glauben Sie, Berufskollegen fürchten, die Erforschung von Nebenwirkungen könnte dem Berufsstand schaden?

Leitner: Das kann sein. Wir sind an die Studienfrage aus der Perspektive der Forschung und des Verbraucherschutzes herangegangen. Die Psychotherapie befindet sich so lange in einer vorprofessionellen Phase, solange sie keine Angaben zu Risiken und Nebenwirkungen macht. Das war unser Grundgedanke.

Die Furche: Was sind nun die häufigsten Nebenwirkungen einer Psychotherapie?

Leitner: Die häufigsten unerwünschten Nebenwirkungen sind Äußerungen des/der Psychotherapeuten/-therapeutin, die von Patienten als übergriffig empfunden werden. Es geht nicht darum, was der Therapeut wirklich gesagt hat, sondern wie es subjektiv empfunden wurde. Wir kamen in unserer Studie zum Ergebnis, dass 71 Prozent der befragten Patienten angeben, sehr wenige unerwünschte Nebenwirkungen empfunden zu haben, 25 Prozent eher wenige, 3,3 Prozent eher viel und 0,6 Prozent sehr viele.

Die Furche: Was genau wird unter Nebenwirkungen verstanden?

Leitner: Wir haben zunächst die Hauptwirkung definiert: Das ist die erwünschte Wirkung der Psychotherapie, also die Linderung der Ausgangsbeschwerden. Alle Therapien, die wirken, können aber auch unerwünschte Wirkungen haben. Wir haben diese als „Neben-Wirkung“ bezeichnet, weil ein und dieselbe Wirkung für den einen erwünscht und für den anderen unerwünscht sein kann. Es hängt auch von der Perspektive der Beurteilung ab: vom Blick des Patienten, des sozialen Umfelds, des Therapeuten und deren Wertesysteme.

Die Furche: Nebenwirkungen in der Psychotherapie sind also subjektiv?

Leitner: Wie auch die Wirkungen. Dann gibt es Wechselwirkungen: Psychotherapie kann mit anderen therapeutischen Interventionen in Wechselwirkung treten, zum Beispiel mit medizinischen oder psychosozialen Interventionen. Psychotherapie kann auch Schäden hervorrufen, etwa Wirkungslosigkeit.

Die Furche: Es gibt also Nebenwirkungen, die das Verhältnis zwischen Therapeuten und Patienten betrifft und solche, die das soziale Umfeld des Patienten betrifft. Können Sie Beispiele nennen?

Leitner: Das können etwa verbale Übergriffe des Therapeuten, fragwürdige Therapiemethoden oder geschäftliche Beziehungen zum Patienten sein. Auf der Seite des Patienten selbst kann es zu Phasen der Systemverschlechterung kommen. Es können auch Phasen der Selbstüberschätzung und Selbstzweifel auftreten. Partnerschaftliche, familiäre und freundschaftliche Beziehungen können sich verändern, verbessern oder verschlechtern.

Die Furche: Was sind nun die Schlussfolgerungen aus der Studie?

Leitner: Es wäre zu früh, solche zu ziehen. Wir haben diese Fragen nun gestellt – das war ein wichtiger erster Schritt zur Systematisierung der Phänomene. Nun wird auf diesem Gebiet weitergeforscht, aktuell mit einer Onlinebefragung.

Die Furche: Aber kann man sagen, was Patienten beachten sollten, die eine Psychotherapie machen wollen oder aktuell machen?

Leitner: Wir haben eine Gebrauchsinformation entwickelt, die sich Großteils auf Ergebnisse der Studie stützt. Grob gesprochen: Es ist wichtig, dass der Patient sich wohl fühlt bei dem Psychotherapeuten/der Psychotherapeutin, die er aufsucht. Er muss sich angenommen fühlen. Wenn das nicht gegeben ist, dann wäre es ratsam, einen anderen Therapeuten aufzusuchen.

Die Furche: Wie gut ist aus Ihrer bisherigen Erfahrung die Qualität österreichischer Psychotherapeuten?

Leitner: Die Qualität ist, siehe Studie, offenbar sehr hoch.

Die Furche: Worauf führen Sie das zurück?

Leitner: Auf das Psychotherapiegesetz. Wenn Beschwerden auftreten, werden diese ernsthaft im Beschwerdeausschuss des Psychotherapiebeirates im Bundesministerium für Gesundheit behandelt.

Die Furche: Was müsste aber noch verbessert werden?

Leitner: Jeder angehende Psychotherapeut müsste sich in der Ausbildung damit auseinandersetzen, was ein Schaden ist und was Nebenwirkungen, erwünschte und unerwünschte, sind. Es sollte auch mehr Bewusstsein geschaffen werden, dass, wenn etwas nicht stimmt in der Beziehung Therapeut–Patient, der Betroffene weiterverwiesen wird, damit nicht jemand über längere Zeit in einer unpassenden Arbeitsbeziehung bleibt.

* Das Gespräch führte Regine Bogensberger

Beipack

Die Gebrauchsinformation zur Psychotherapie kann auf der Homepage der Donau Uni Krems heruntergeladen werden.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau