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Feuilleton

Almodóvar zitiert sich selbst

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Rot und blau sind die bestimmenden Farben in Pedro Almodóvars neuem Film "Julieta", mit dem er 16 Jahre nach seinem Melodram "Alles über meine Mutter" zu seinem bestimmenden Thema - Mütter - zurückkehrt. Rot für das emotionale Leid, das die Hauptfigur Julieta, eine Frau von 50 Jahren (gespielt von Emma Suárez) wie eine Aura umgibt, die sie nicht abschütteln kann; blau für die Rationalität, die wieder in ihre Realität drängt, nachdem sie zufällig eine Jugendfreundin ihrer Tochter Antía trifft, die sich nach dem frühen Tod ihres Vater von der Mutter völlig abwendete, auswanderte und sich einer Sekte anschloss.

Kleidung, Bilder, Gegenstände spiegeln das Farbschema und führen durch den Film, den Almodóvar lose basierend auf Kurzgeschichten von Alice Munro strukturiert. Um Julietas Vergangenheit zu erläutern, die sie selbst nach jener Begegnung nun aufzuschreiben beginnt, springt er immer wieder 25 Jahre zurück (die jüngere Julieta wird gespielt von Adriana Ugarte) und arrangiert seine Erzählfragmente entlang dieses spaltenden Strangs wie einander spiegelnde Subplots.

Positives wie negatives Klischee

Zeit ist in "Julieta" eine diffizile Angelegenheit; sie bildet ein Vakuum, aus dem einzelne Momente entspringen und die Figuren viel stärker bestimmen als ein chronologischer Prozess. So zerreißt Almodóvar (symbolisch oft stark überladene) Bilder und fügt sie wieder zusammen, und wie in all seinen Filmen ist es auch hier ein dunkles Geheimnis aus der Vergangenheit, das letztendlich Fragen über die Themen Schuld und Sühne, Schicksal und Selbstbestimmung, die ewige Verbindung von Leben und Tod aufwirft. Die Gründe für Antías Entfremdung bleiben allerdings erzählerische Behauptung. Im Grunde eine großartig ausstaffierte Seifenoper über eine Frau, die sich zum einen nach ihrem toten Mann verzehrt, zum anderen nach ihrer Tochter sehnt und außerdem eine traumatische Vergangenheit mit ihrem eigenen Vater aufzuarbeiten hätte, schließt "Julieta" formal wie ästhetisch an Almodóvars frühe Filme an. Das heißt in diesem Fall aber auch, hiermit rekurriert Almodóvar in erster Linie auf sein eigenes Schaffen, ohne Variationen und dieses Mal vollkommen ohne Humor.

In der Hermetik von Almodóvars Werk funktioniert "Julieta" letztendlich auch aufgrund seiner regressiven Darstellung einer stereotypen Frauenfigur bestenfalls als (positives wie negatives) Klischee.

Julieta

E 2016. Regie: Pedro Almodóvar. Mit Emma Suárez, Adriana Ugarte, Rossy de Palma. Tobis. 99 Min.

Rot und blau sind die bestimmenden Farben in Pedro Almodóvars neuem Film "Julieta", mit dem er 16 Jahre nach seinem Melodram "Alles über meine Mutter" zu seinem bestimmenden Thema - Mütter - zurückkehrt. Rot für das emotionale Leid, das die Hauptfigur Julieta, eine Frau von 50 Jahren (gespielt von Emma Suárez) wie eine Aura umgibt, die sie nicht abschütteln kann; blau für die Rationalität, die wieder in ihre Realität drängt, nachdem sie zufällig eine Jugendfreundin ihrer Tochter Antía trifft, die sich nach dem frühen Tod ihres Vater von der Mutter völlig abwendete, auswanderte und sich einer Sekte anschloss.

Kleidung, Bilder, Gegenstände spiegeln das Farbschema und führen durch den Film, den Almodóvar lose basierend auf Kurzgeschichten von Alice Munro strukturiert. Um Julietas Vergangenheit zu erläutern, die sie selbst nach jener Begegnung nun aufzuschreiben beginnt, springt er immer wieder 25 Jahre zurück (die jüngere Julieta wird gespielt von Adriana Ugarte) und arrangiert seine Erzählfragmente entlang dieses spaltenden Strangs wie einander spiegelnde Subplots.

Positives wie negatives Klischee

Zeit ist in "Julieta" eine diffizile Angelegenheit; sie bildet ein Vakuum, aus dem einzelne Momente entspringen und die Figuren viel stärker bestimmen als ein chronologischer Prozess. So zerreißt Almodóvar (symbolisch oft stark überladene) Bilder und fügt sie wieder zusammen, und wie in all seinen Filmen ist es auch hier ein dunkles Geheimnis aus der Vergangenheit, das letztendlich Fragen über die Themen Schuld und Sühne, Schicksal und Selbstbestimmung, die ewige Verbindung von Leben und Tod aufwirft. Die Gründe für Antías Entfremdung bleiben allerdings erzählerische Behauptung. Im Grunde eine großartig ausstaffierte Seifenoper über eine Frau, die sich zum einen nach ihrem toten Mann verzehrt, zum anderen nach ihrer Tochter sehnt und außerdem eine traumatische Vergangenheit mit ihrem eigenen Vater aufzuarbeiten hätte, schließt "Julieta" formal wie ästhetisch an Almodóvars frühe Filme an. Das heißt in diesem Fall aber auch, hiermit rekurriert Almodóvar in erster Linie auf sein eigenes Schaffen, ohne Variationen und dieses Mal vollkommen ohne Humor.

In der Hermetik von Almodóvars Werk funktioniert "Julieta" letztendlich auch aufgrund seiner regressiven Darstellung einer stereotypen Frauenfigur bestenfalls als (positives wie negatives) Klischee.

Julieta

E 2016. Regie: Pedro Almodóvar. Mit Emma Suárez, Adriana Ugarte, Rossy de Palma. Tobis. 99 Min.