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"Als ob es vorher nix gab"

Alexandre Kum' a Ndumbe III ist ein kamerunischer Historiker und trägt den Titel Prinz. Mit der FURCHE sprach er über das historische und wissenschaftliche Erbe Afrikas.

Die Furche: Vor 50 Jahren haben Sie einen Traum vom vereinigten Afrika entwickelt. Wie nahe sind Sie der Verwirklichung?

Alexandre Kum'a Ndumbe iii: Afrika macht sehr große Fortschritte, oft unbemerkt vom Rest der Welt, weil nur Kriege, Hunger, Katastrophen wahrgenommen werden. Wer aber wie ich in Afrika lebt, glaubt an diesen Traum von einem Afrika unter einer Regierung. Ausländische Mächte haben daran aber kein Interesse. Ein vereinigtes Afrika könnte man nämlich nicht mehr so leicht plündern. Aber im 21. Jahrhundert wird es zu einer Einheit kommen. Ich weiß nur nicht, in welcher Form.

Die Furche: Gambias Präsident Yahya Jammeh hat kürzlich Englisch als Amtssprache abgeschafft. In dem winzigen Land gibt es vier große Sprachgruppen. Hat die Kolonialsprache da nicht eine integrative Funktion?

Ndumbe: Die europäischen Sprachen in Afrika sind eine Riesenhürde. Stellen Sie sich vor, in Österreich wäre Chinesisch die Sprache, die die Nation zusammenhält. Was wäre das für eine Elite, die sie ausbilden? Die Europäer verstehen das nicht und glauben, dass die Kolonialsprachen zusammenhalten. Sie sind es gewöhnt, dass die anderen durch kolonialen Zwang ihre Sprachen benutzen. Aber wie soll ich meine Seele ausdrücken, wenn ich nicht die Sprache meiner Eltern und Großeltern benutzen kann? Jeder braucht seine Muttersprache.

Die Furche: Ist es in Zeiten der Globalisierung schlau, die Kolonialsprachen nicht zu unterrichten?

Ndumbe: Es ist nicht nur schlau, sondern dringend nötig, dass die Menschen zu sich finden. Ich bin Universitätsprofessor, habe die europäische Schule besucht, vom Kindergarten bis zur Uni. Mit den Kolonialsprachen habe ich nichts gelernt über mich selbst, das wissenschaftliche Erbe meiner afrikanischen Väter oder Urväter. Ich habe nur gelernt, was die Europäer erfunden haben. Durch die Sprache benutze ich auch die Welt und das wissenschaftliche Erbe der anderen. Wenn ich ein Märchen in meiner Duala-Sprache veröffentliche und das wird für die Malimba oder Ngumba übersetzt, dann finden sich die in meinem Duala-Märchen wieder. Aber sie werden sich nicht finden, wenn ich Schneewittchen übersetze. Den Schnee haben sie nie gesehen. Man erzeugt eine Elite, die unfähig ist, die Probleme eines Landes zu lösen, weil sie völlig außenorientiert ist.

Die Furche: Wie viel Kolonie steckt noch in den Köpfen?

Ndumbe: Sehr viel, das liegt an den Schulen. Der Student, der Jura studiert, lernt das französische oder englische Recht. Aber wie die eigene Gesellschaft seit Jahrtausenden juristisch funktioniert, das lernt er nicht.

Die Furche: In vielen afrikanischen Ländern darf Gewohnheitsrecht parallel zum kodifizierten Recht praktiziert werden.

Ndumbe: Ja, aber das ist ein Anhängsel. Es ist eine Krankheit, ein Land so zu verwalten, als ob es vorher nichts gegeben hätte. Kamerun hatte drei Kolonialherren: Deutschland, England und Frankreich. Aber hat es vorher nichts gegeben? Ich habe in einem Buch eine Verfassung von Mali von 1236 veröffentlicht. Auch das Zollsystem hat vor der Kolonialzeit funktioniert. Jemand, der Wirtschaft studiert, lernt das nicht. Das ist auch der Grund, warum ich Stiftung Afrika gegründet habe. Unsere Bibliothek sammelt Dokumente über Afrika vor der Kolonialzeit. Das Ziel ist, dass man lernt, wie man mit dem ererbten System klarkommen kann.

Die Furche: Sie schreiben, dass die afrikanischen Bibliotheken Müllhalden Europas sind. Warum findet man keine afrikanischen Autoren in Buchhandlungen und Bibliotheken?

Ndumbe: In den Bibliotheken gibt es Bücherspenden. Wenn die USA, Frankreich oder Deutschland Bücher spenden, bringen sie ihre Autoren, nicht Bücher von Afrikanern, die über Afrika schreiben. Es gibt daher keine Kultur des Lesens, weil alles so fremd ist. Unser Märchenbuch in der Douala Sprache mit Übersetzung in zwei andere Sprachen, war schnell vergriffen, weil die Menschen einen Bezug dazu gefunden haben. Als wir eine Ausstellung über Bücher in den kamerunischen Sprachen machten, kamen die Menschen von weit her, weil sie ein Buch in ihrer Muttersprache berühren wollten.

Die Furche: In den letzten Jahren haben sich durch die Ausbreitung des islamischen Fundamentalismus viele neue Konflikte aufgetan. Ist das nicht auch ein Hindernis für die afrikanische Integration?

Ndumbe: Die Entwicklung Afrikas ist älter als 20 Jahre. Welche Religion hatten die Afrikaner? Weder Islam noch Christentum. Vor 150 Jahren kamen dann die Christen mit dem Kolonialismus und haben die Afrikaner gesehen, als hätten die keinen Glauben. Die meisten sind jetzt Christen, aber die ursprünglichen Religionen sind nicht verschwunden. Sie leben in einem Synkretismus. Jetzt kommt der Islam und wird auch oft aufgezwungen. Die internationale Politik heute schürt sehr viele Konflikte. Die Gefahr geht von Fundamentalisten auf allen Seiten aus. Die Afrikaner hatten große religiöse Toleranz vor Einführung des Christentums. Das ist so wie mit den Sprachen.

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