"Als Orchestermitglied tief betroffen"

"Das Verhalten des Orchesters während der NS-Zeit war auf keinen Fall vorbildhaft, das habe ich klar ausgesprochen": Philharmoniker-Vorstand Clemens Hellsberg über Vergangenheitsbewältigung, philharmonische Versäumnisse, Klangkultur, neue Marketingstrategien und ganzheitliches musikalisches Denken.

Die Furche: Herr Hellsberg, wie halten es die Wiener Philharmoniker mit der Vergangenheitsbewältigung? 1992 haben Sie zum 150-Jahr-Jubiläum ein sehr kritisches Buch über das Orchester geschrieben, jetzt heißt es, die Philharmoniker wollen ihr Archiv für die historische Forschung nicht öffnen (s. Text l. u.; Anm.) …

Clemens Hellsberg: Einerseits habe ich damals schonungslos bisher unbekannte Fakten aus unserem Historischen Archiv publiziert, wobei ich eng mit dem Historiker Oliver Rathkolb zusammenarbeitete und als weitere Hauptquelle über die nationalsozialistische Ära die bahnbrechende Arbeit von Kurt Prieberg heranzog, womit ich mich wissenschaftlich auf der Höhe der Zeit befand. Andererseits haben wir mittlerweile die Theaterwissenschaftlerin Silvia Kargl engagiert, um die Forschungsarbeit in unserem Archiv zu fördern, was bereits einem Studenten von Rathkolb zugute kam.

Die Furche: Wieso hat man weder das Staatsopernorchester noch Sie eingeladen, an der Ausstellung der Wiener Staatsoper über die NS-Zeit mitzuarbeiten?

Hellsberg: In sachlicher Hinsicht bedauere ich dies, und persönlich ist es für mich auf Grund des Vertrauens, das mich mit Rathkolb verband, eine Enttäuschung.

Die Furche: Sie sind Archivar, Vorstand des Orchesters und Musiker, haben daher einen sehr umfassenden Blick auf das Orchester: Wie sehr ist die Vergangenheit, vor allem die NS-Zeit, ein Thema für die Mitglieder des Orchesters?

Hellsberg: Sie ist ein Thema geworden, seit ich mir von unserer Hauptversammlung den Auftrag für dieses Buch holte: Damals habe ich gesagt, dass ich über 150 Jahre schreiben wolle und nicht über 143. Das Verhalten des Orchesters während der NS-Zeit war auf keinen Fall vorbildhaft, das habe ich im Buch klar ausgesprochen. Es gab Dinge bis hin zu versuchter Denunziation, was mich als Orchestermitglied zutiefst betroffen machte. Aber für mich ist Geschichte eine Hilfe zur Bewältigung der Zukunft. Als Konsequenz aus der Beschäftigung mit der damaligen Geschichte der Wiener Philharmoniker, vor allem aber in Hinblick auf manche Versäumnisse nach dem Krieg versuchen wir daher, heutigem Unrecht, Leid und Not entgegenzutreten, indem wir medizinische Programme und humanitär tätige Institutionen unterstützen. Unsere Bemühungen wurden mit der Ernennung zum Goodwill Ambassador der WHO gewürdigt. Es geht aber nicht um Imagepflege, sondern um eine Verpflichtung: Kunst hat das Leben lebenswerter zu machen.

Die Furche: Politik und Kunst ist immer schon ein Spannungsfeld gewesen. Aber es ist doch erstaunlich, dass Leonard Bernstein nichts dabei fand, mit dem Philharmoniker-Geschäftsführer Helmut Wobisch zu kooperieren, der NSDAP-Mitglied war. Im Gegenteil, beide waren so eng befreundet, dass Bernstein auch gerne Gast bei seinem Festival in Kärnten (Carinthischer Sommer; Anm.) war …

Hellsberg: Helmut Wobischs NS-Vergangenheit war natürlich bekannt, wurde aber in den Augen mancher durch die Freundschaft mit Bernstein "getilgt". Durch die Arbeiten von Rathkolb wurde klargestellt, dass Wobisch SS-Unterscharführer und Angehöriger des Sicherheitsdienstes des Reichssicherheitshauptamtes war. Seine 1953 erfolgte Wahl zum Geschäftsführer des Orchesters habe ich daher 1992 als instinktlos qualifiziert - heute würde ich sie unakzeptabel nennen.

Die Furche: Gegenwärtig gibt es eine Tendenz, bei der künstlerischen Beurteilung immer auch die Weltanschauung mitzuberücksichtigen. Wie sehen Sie das?

Hellsberg: Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass zu allen Zeiten versucht wurde, Kunst zu missbrauchen, halte ich es für notwendig, Künstler immer auch an humanitären Idealen zu messen. Das ist ein moralischer Imperativ.

Die Furche: Die Philharmoniker stehen wieder vor einem Generationenwechsel - wird es gelingen, die spezifische Klangkultur des Orchesters zu erhalten?

Hellsberg: Seit der Gründung durch Otto Nicolai gab es viele Generationenwechsel, und wir sind sicher sehr weit vom ursprünglichen Klang entfernt. Entscheidend ist aber, dass wir unser musikalisches Erscheinungsbild stets zeitgemäß adaptieren, um zeitlose Charakteristika, etwa den obertonreichen Klang oder die am Gesang orientierte Phrasierung, zu wahren. Ich bin diesbezüglich sehr zuversichtlich, weil unsere jungen Mitglieder ein phantastisches künstlerisches Niveau haben.

Die Furche: Wieso ist es zu einer neuen Regelung bei der Vermarktung des Neujahrskonzerts gekommen, und warum gehen die Philharmoniker demnächst auf ein Schiff? Ist das Teil eines neuen Marketingkonzeptes?

Hellsberg: Wir benützen das Schiff als Transportmittel, wir werden an Bord proben und Kammermusik spielen, aber ansonsten in normalen Konzerthallen in Florenz und Barcelona auftreten. Dem ORF verdanken wir die Übertragung von 50 Neujahrskonzerten. Wir haben diese enge Partnerschaft nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt, sondern im gemeinsamen Interesse nach noch besseren Möglichkeiten der internationalen Vermarktung gesucht. Nun wird der ORF das Konzert produzieren und die Österreich-Rechte bekommen, während über die Firma TEAM die Weltrechte vermarktet werden, wobei wir uns auch der Hilfe eines weiteren Partners, der Firma Rolex, bedienen. Durch Rolex ist auch in Hinkunft der freie Eintritt beim "Sommernachtskonzert Schönbrunn" gewährleistet.

Die Furche: Ein ewiges Thema ist die Doppelrolle des Orchesters in der Oper und im Konzert. Was erwarten Sie sich hier von der neuen Direktion?

Hellsberg: Für mich ist die Tätigkeit als Opernorchester eine künstlerische Notwendigkeit. Ein Konzertorchester kennt von Verdi nur das Requiem, von Wagner nur das Siegfried-Idyll, keinen Puccini, keine Opern von Mozart, von Richard Strauss. Das Opernspiel ist eine gigantische Horizonterweiterung und eine Bereicherung für die Konzerttätigkeit, weil man in der Oper stets den Sängern folgen muss und dadurch ununterbrochen die Reflexe schult. Für mich bilden Oper und Konzert eine Einheit, weil die unterschiedlichen Ansprüche ein ganzheitliches Denken erfordern. Der neue Operndirektor, dem wir seit Jahren freundschaftlich verbunden sind, kennt uns als Konzertorchester, und damit ist gewährleistet, dass er ebenso ganzheitlich denkt wie wir.

Das Gespräch führte Walter Dobner.

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