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Als uns das Lachen vergangen ist

Wo sind sie geblieben, unsere Zweifel, unsere Gelassenheit, unser Wissen über eigenes Scheitern. Sind wir es müde geworden, unsere Lust an Kritik und Chaos in Kreativität umzusetzen? Ist von unserem nicht ganz freiwilligen Bekenntnis zum Unvollendeten nur noch devote Gleichgültigkeit übriggeblieben? Haben wir unsere Sehnsucht nach Größe aufgegeben, um uns tatsächlich einzubilden, wir hätten sie erreicht? Es sieht fast so aus, als würden wir uns plötzlich über die Maßen ernst nehmen. Unser berechtigter Zorn über die Zustände in unserem Land ist schon längst außer Kontrolle geraten. Wie wäre es sonst möglich, dass so mancher von uns sein heimliches Lachen über die eigene Wut verlernt hat? Es könnte begraben sein unter dem Wohlstandsmüll, der uns nur zum Schein gesättigt hat.

Wir nörgeln und merken nicht, wie sehr wir unsere Sprache jener der von Politikern, Wirtschaftstreibenden und Berichterstattern anpassen. Harmlose Wortgefechte verwandeln sich in Hassorgien, salopp gesprochene Zurufe werden zu Morddrohungen. Zwischentöne werden der reißerischen Sprachverknappung geopfert und würden auch nicht mehr verstanden werden. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Wir haben aus Bequemlichkeit viel zu lange zugesehen, wie unser Land durch Geld- und Machtgier zerstört wird. Doch immer gilt noch der Vergleich Österreichs mit der Gilda in Verdis "Rigoletto". Die wird bekanntlich in einen Sack gesteckt, erdolcht und singt nachher die schönsten Melodien. Hoffnung ist angesagt, freilich ist es höchste Zeit mit dem Umdenken zu beginnen. Wir brauchen Distanz, Haltung und Achtung vor dem anderen -die Voraussetzung dafür, Probleme zu lösen und unseren Humor zurückzugewinnen. "Denn", so schrieb Peter Altenberg, "zum echten Humor gehört vor allem, merket euch das, innere Freiheit und tiefste Ehrlichkeit! Reinheit!"

Der Autor ist Kulturmoderator beim Privatsender ATV

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