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Als wär's ein Stück von heut'

Große darstellerische Leistungen: Ibsens "John Gabriel Borkman" in Linz.

Kaum ist der Blick auf den Bühnenraum freigegeben, nimmt einen sofort die atmosphärische Stimmung gefangen: die bis auf eine breite Sitzbank skelettierte Wohnlichkeit, die von der Verknöcherung ihrer Inhaber kündet und ihre einzige Wärme aus dem dunkel getönten Bretterboden bezieht. Es ist Winter und durch die transparente Wand im Hintergrund sind Berge, Schnee und ein verkrüppelter Knüppelwald zu sehen. Dies nur eine der klaren Metaphern für die Seelenlandschaft der drei Hauptfiguren. Nikolaus Büchel, Regisseur und Bühnenbildner in Personalunion, zeichnet die Konturen ihrer verkorksten Charaktere messerscharf nach: Beklemmend und doch gelegentlich erheiternd, denn er übte sich mit seinem Ensemble mit Erfolg in der doppelbödigen "Leichtigkeit der Schwere". Auf diese Weise tritt die Ambivalenz der Protagonisten mit einem Schuss Zynismus deutlich zutage; verrät sich todernst Gesagtes als ironisch gebrochene, demaskierende Phrase. Wir im Spiegel Ibsens - und seiner selbst, wie wir wissen.

Ibsen war zur Zeit des Schaffensprozesses 68 Jahre alt. So alt etwa sind auch Ella Rentheim, John Gabriel und Gunhild Borkman sowie ihre Darsteller auf der Linzer Bühne. Gerhard Brössner gestaltet zwar die Rolle des zahlungsunfähigen Bankdirektors, der von neuer Macht und Größe träumt, als rücksichtslosen Egomanen, lässt aber doch seine alte Liebe zu Ella Rentheim durchschimmern. Zwischen dieser (Silvia Glogner) und ihrer hasserfüllten Zwillingsschwester Gunhild (Sigrun Schneggenburger) entbrennt neuerlich ein Kampf um die Macht, diesmal nicht um den Mann, sondern um den Sohn Erhart Borkman (von jugendlich frischer Entschlossenheit: Alexander Swoboda): zwei überragende künstlerische Leistungen. Als einfacher, von Borkman wiederholt gekränkter Freund Vilhelm Foldal hat Thomas Kasten alle Sympathien auf seiner Seite. Verena Koch ist eine elegante Fanny Wilton mit einem Hauch von Femme fatale. Gut gefiel auch Andrea Obritzhauser als Frida Foldal mit ihrem Live-Spiel auf dem Cello, das mit der stimmigen Musik von Patrick Cybinski, einer Zuspielung, gemischt wird.

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