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Feuilleton

Alte Stars und spröde Filme

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Ein bisschen hatte man schon das Gefühl einer Altherren-Veranstaltung: Beim Filmfestival von Locarno zerrte man in diesem Jahr beinahe täglich einen verdienten Altstar vor die Leinwand der Piazza Grande, um ihm oder ihr diverse Lebenswerkpreise zu überreichen: Den Auftakt machte Sir Christopher Lee, mittlerweile 91 Jahre alt und mit Gehstock. Es folgten Faye Dunaway, 72, Anna Karina, 72, Jacqueline Bisset, 68, Werner Herzog, 70. Sie alle haben sich um Europas Kino verdient gemacht - und wurden in Locarno geehrt. Sie alle sind aber auch die Boten eines Kinos von gestern. Was nicht unbedingt schlecht sein muss.

Es ist der neue Kurs Carlo Chatrians, 41, der mit der 66. Ausgabe des Schweizer Festivals erstmals als künstlerischer Leiter in Erscheinung trat. Chatrian ist ein Kinotheoretiker, ein Kurator, der bereits seit zehn Jahren für das Festival tätig ist und etliche Retrospektiven programmiert hat. Jetzt ist er für die Filmauswahl verantwortlich und hat bereits erklärt, das Konzept dieser Schau unangetastet lassen zu wollen: Locarno soll weiterhin für Entdeckungen gut sein, aber auch für sprödes Arthaus-Kunstkino, das es später nur selten in den regulären Kinobetrieb schafft. Chatrian will die Begeisterung für den Diskurs über Film wach halten, nicht so sehr die Befassung mit dem Glamour-Faktor, der Vorgänger Olivier Père anhing. Père holte in seiner nur dreijährigen Zeit in Locarno (er wechselte zu Arte France Cinema) Stars wie Harrison Ford, Olivia Wilde oder Daniel Craig nach Locarno. Damit ist nun Schluss: Chatrian begreift das Kino als Ort der Auseinandersetzung, nicht der Berieselung.

Zum Konzept passende Preise

Korrespondierend dazu hat die Jury der Filmfestspiele den passenden Preisträger für den Goldenen Leoparden ausgesucht: Der katalanische Regisseur Albert Serra nahm - selbst überrascht - den Hauptpreis für sein 150 Minuten langes, zähes Werk "Historia de la meva mort“ ("Geschichte meines Todes“) entgegen. Hier begibt sich Casanova auf seine letzte große Reise, gezeigt wird ein von Fresssucht gezeichneter alter Mann, der sich zwischen Unvernunft und Senilität aufmacht, um den Grafen Dracula zu treffen. Ein wirres und zugleich unendlich träges Spiel aus monotonen Sequenzen; es ist - unter der Prämisse der ausgegebenen Devise vom Obsiegen des Kunstkinos - ein würdiger Preisträger. Aber nur unter dieser.

Noch mehr Sitzfleisch erforderte der mit dem Preis der Jury ausgezeichnete "E agora? Lembra-me“ des Portugiesen Joaquim Pinto. Der hat mit dem Dokumentarfilm den eigenen Niedergang eingefangen, und das in zum Teil atemberaubenden Bildern: Seit 20 Jahren ist Pinto HIV-positiv und mit Hepatitis C infiziert; der Blick auf sich selbst hat etwas Reinigendes an sich, Pinto ist darauf bedacht, das Leben mit seinem Schicksal auf Film festzuhalten, um es überhaupt begreifen zu können. Als bester Regisseur wurde der Südkoreaner Hong Sang-soo für "U ri Sunhi“ ("Unsere Sunhi“) ausgezeichnet: Ein Film voller starr fotografierter Dialoge zwischen einer jungen Filmstudentin und drei Männern, die ihr, jeder auf seine Weise, auf die Schliche kommen möchten: Wie funktioniert diese Frau wirklich, von der sie glaubten, sie zu kennen? Hong bleibt in seinem Sprechstück auffallend spröde und nüchtern, als wolle er einer gespannten Rezeption seines Films zuwider arbeiten.

Carlo Chatrians Bestreben, dem Kunstfilm mehr Raum zu geben, ist ihm in seiner ersten Festival-Ausgabe gelungen: Locarno kann dadurch weiterhin in einer Nische zwischen Cannes, Berlin und Venedig als A-Festival überleben. Jedoch wird Chatrian früher oder später auch verstehen müssen, dass es in versteckten Nischen naturgemäß weniger Tageslicht gibt.

Ein bisschen hatte man schon das Gefühl einer Altherren-Veranstaltung: Beim Filmfestival von Locarno zerrte man in diesem Jahr beinahe täglich einen verdienten Altstar vor die Leinwand der Piazza Grande, um ihm oder ihr diverse Lebenswerkpreise zu überreichen: Den Auftakt machte Sir Christopher Lee, mittlerweile 91 Jahre alt und mit Gehstock. Es folgten Faye Dunaway, 72, Anna Karina, 72, Jacqueline Bisset, 68, Werner Herzog, 70. Sie alle haben sich um Europas Kino verdient gemacht - und wurden in Locarno geehrt. Sie alle sind aber auch die Boten eines Kinos von gestern. Was nicht unbedingt schlecht sein muss.

Es ist der neue Kurs Carlo Chatrians, 41, der mit der 66. Ausgabe des Schweizer Festivals erstmals als künstlerischer Leiter in Erscheinung trat. Chatrian ist ein Kinotheoretiker, ein Kurator, der bereits seit zehn Jahren für das Festival tätig ist und etliche Retrospektiven programmiert hat. Jetzt ist er für die Filmauswahl verantwortlich und hat bereits erklärt, das Konzept dieser Schau unangetastet lassen zu wollen: Locarno soll weiterhin für Entdeckungen gut sein, aber auch für sprödes Arthaus-Kunstkino, das es später nur selten in den regulären Kinobetrieb schafft. Chatrian will die Begeisterung für den Diskurs über Film wach halten, nicht so sehr die Befassung mit dem Glamour-Faktor, der Vorgänger Olivier Père anhing. Père holte in seiner nur dreijährigen Zeit in Locarno (er wechselte zu Arte France Cinema) Stars wie Harrison Ford, Olivia Wilde oder Daniel Craig nach Locarno. Damit ist nun Schluss: Chatrian begreift das Kino als Ort der Auseinandersetzung, nicht der Berieselung.

Zum Konzept passende Preise

Korrespondierend dazu hat die Jury der Filmfestspiele den passenden Preisträger für den Goldenen Leoparden ausgesucht: Der katalanische Regisseur Albert Serra nahm - selbst überrascht - den Hauptpreis für sein 150 Minuten langes, zähes Werk "Historia de la meva mort“ ("Geschichte meines Todes“) entgegen. Hier begibt sich Casanova auf seine letzte große Reise, gezeigt wird ein von Fresssucht gezeichneter alter Mann, der sich zwischen Unvernunft und Senilität aufmacht, um den Grafen Dracula zu treffen. Ein wirres und zugleich unendlich träges Spiel aus monotonen Sequenzen; es ist - unter der Prämisse der ausgegebenen Devise vom Obsiegen des Kunstkinos - ein würdiger Preisträger. Aber nur unter dieser.

Noch mehr Sitzfleisch erforderte der mit dem Preis der Jury ausgezeichnete "E agora? Lembra-me“ des Portugiesen Joaquim Pinto. Der hat mit dem Dokumentarfilm den eigenen Niedergang eingefangen, und das in zum Teil atemberaubenden Bildern: Seit 20 Jahren ist Pinto HIV-positiv und mit Hepatitis C infiziert; der Blick auf sich selbst hat etwas Reinigendes an sich, Pinto ist darauf bedacht, das Leben mit seinem Schicksal auf Film festzuhalten, um es überhaupt begreifen zu können. Als bester Regisseur wurde der Südkoreaner Hong Sang-soo für "U ri Sunhi“ ("Unsere Sunhi“) ausgezeichnet: Ein Film voller starr fotografierter Dialoge zwischen einer jungen Filmstudentin und drei Männern, die ihr, jeder auf seine Weise, auf die Schliche kommen möchten: Wie funktioniert diese Frau wirklich, von der sie glaubten, sie zu kennen? Hong bleibt in seinem Sprechstück auffallend spröde und nüchtern, als wolle er einer gespannten Rezeption seines Films zuwider arbeiten.

Carlo Chatrians Bestreben, dem Kunstfilm mehr Raum zu geben, ist ihm in seiner ersten Festival-Ausgabe gelungen: Locarno kann dadurch weiterhin in einer Nische zwischen Cannes, Berlin und Venedig als A-Festival überleben. Jedoch wird Chatrian früher oder später auch verstehen müssen, dass es in versteckten Nischen naturgemäß weniger Tageslicht gibt.