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Feuilleton

Am Berg bist du ein Zwerg

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Der Bergsommer hat am Mont Blanc mit neun Lawinentoten begonnen. Der Faszination, die von den Gipfeln ausgeht, tut das keinen Abbruch. - Eine Geschichte von Glück und Schicksal.

Watzmann, Watzmann, Schicksalsberg, du bist so groß und i nur a Zwerg“, heißt eine Textzeile in Wolfgang Ambros’ musikalischer Alpensaga. Dieses Zwergen-Gefühl hat jahrhundertelang die Bewohner der Alpentäler angesichts der Bergriesen um sie herum beängstigt wie bedrückt. Die himmelwärts ragenden Gipfel waren ihre Feinde, und was sie ins Tal schickten, brachte tödliche Gefahr mit sich: Gletscherbrüche, Schnee- und Eislawinen, Muren, Hochwasser, Steinschlag …

Wenige Draufgänger trauen sich in dieser Zeit in die wilden Regionen hinauf: Gemsenjäger, Schatzsucher, Hirten auf der Suche nach ihren verlaufenen Tieren. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts Naturwissenschafter, Philosophen, Literaten in die Bergwelt kommen, die Gipfel mit anderen Augen sehen, mit blumigen Worten beschreiben und einen Imagewandel für die Bergwelt einleiten, der nicht zuletzt in der Namensgebung für den höchsten Berg der Alpen seinen Ausdruck findet. Das Bergmassiv wird nicht mehr "Mont Maudit“ (verfluchter Berg) oder "Alpes cornues“ (gehörnte Alpen) genannt; 1742 taucht die Bezeichnung "Mont Blanc“ auf - es wandelt sich der Berg vom Ungeheuer zum strahlend schönen, die Menschen anziehenden weißen Berg.

Geburtsstunde des Alpinismus

Vor genau 225 Jahren, am 3. August 1787, um 11 Uhr steht der Genfer Physiker und Philosoph Horace Bénédict de Saussure mit rotem Frack, weißen Gamaschen und einem breitrandigen Hut bekleidet auf dem Mont Blanc: "Ich glaubte meinen Augen nicht, hielt es für einen Traum, als ich zu meinen Füßen die majestätischen Gipfel sah, die fürchterlichen Hörner, den Midi, die Argentière, den Géant, zu denen mir der Zugang so mühsam und gefährlich gewesen war“, beschreibt er diesen Moment. Im ganzen Tal läuten die Glocken, alle Fernrohre sind auf den Gipfel gerichtet, das Datum wird als die Geburtsstunde des Alpinismus in die Geschichte eingehen.

Auf den Berg geführt wurde Saussure von Jacques Balmat, einem Kristallsucher und Gemsenjäger aus Chamonix. Im Jahr zuvor hatte dieser, motiviert von der beträchtlichen Belohnung, die Saussure versprochen hatte, einen Weg durch die Gletscherströme bis zum Gipfel gefunden. Damit war die Aufgabenteilung für die weiteren Besteigungen der höchsten und schwierigsten Berge vorgegeben: Adelige und bürgerliche Abenteurer, in der Anfangszeit vor allem aus dem viktorianischen England, bezahlen in den Tälern heimische Führer dafür, sie auf die noch unerstiegenen Bergspitzen zu bringen, aus den Alpen den "Spielplatz Europas“ zu machen.

"Unmöglich“ gibt’s nicht

Einer der tonangebenden Spieler im Wettkampf um die Alpen ist der Engländer Edward Whymper. Sein Erfolgsrezept: Er definiert den Bergsteiger als einen Menschen, der den Begriff "unmöglich“ nicht akzeptiert. Sieben gescheiterte Besteigungsversuche, Abstürze inklusive und das Urteil anderer Alpinisten seines Kalibers, dieser Berg sei unersteigbar, können Whymper nicht von seiner Obsession abbringen. Er muss da rauf, und das als erster. Und am 14. Juli 1865 ist er oben. Als letzten der bedeutenden Viertausender der Alpen besteigt Whymper mit drei Führern sowie einem jungen britischen Lord, einem Reverend und dessen Freund das Matterhorn von der Schweizer Seite.

Der Jubel ist riesig, wird noch befeuert dadurch, dass der Gipfelsieg im Wettstreit mit einer von der italienischen Seite aufsteigenden Seilschaft errungen werden konnte. Doch der Begeisterung folgt kurze Zeit später das blanke Entsetzen, nachdem Whymper und zwei seiner Führer beim Abstieg mitansehen müssen, wie ihre vier Begleiter nach einem Stolperer und anschließendem Seilriss Hunderte Meter über die Nordwand des Matterhorns in die Tiefe stürzen.

Als Geschlagene kommen die Überlebenden ins Tal; Anschuldigungen, Verdächtigungen, ein Gerichtsprozess folgen. Sieg und Niederlage, Triumph und Katastrophe bleiben seither mit dem Namen Whymper verbunden. Und die höchsten Berge der Alpen zeigen, nachdem sie alle scheinbar bezwungen waren, dass sie sich nicht bezwingen lassen. Der weiße, schöne, strahlende Berg bleibt immer auch der verfluchte, der gefährliche, der tödliche Berg. Mysterium tremendum et fascinosum - diese Ambivalenz, die Religionswissenschafter dem Göttlichen zuschreiben, gilt auch hier.

In der Bergkulisse von Chamonix ist das Faszinierende und das Gefürchtete spektakulär in Szene gesetzt. Hoch oben rechts der Mont Blanc, links eine schwarze Felsspitze, der Mont Maudit. Als Bezeichnung für diesen Nebengipfel hat der alte Name überdauert, der früher das ganze Massiv als verfluchten Ort bezeichnet hat. Auf dem Weg zum Mont Blanc sind vor zwei Wochen neun Bergsteiger in einer Schneeflanke des Mont Maudit von einer Lawine getötet worden. Die Ursachenforschung vermutet eine zerberstende Eisplatte als Auslöser des Unglücks. Die Bergsteiger wurden von jeder Mitschuld freigesprochen, sie waren früh unterwegs, der Weg gilt gemeinhin als sicher, wurde und wird weiterhin Tausende Male begangen werden. Am trefflichsten passt dieses Unglück in jene Kategorie Berg-unfälle, die der Alpinjournalist Horst Höfler in seinem Buch "Katastrophen am Berg“ unter der Kapitelunterschrift zusammenfasst: "Manchmal ist’s eben Schicksal …“

Stärker als die Angst

Schwarzes Schicksal, tödliches Schicksal, aber kein anderes Schicksal, als es einem auch im Tal und überall widerfahren kann. Und der Bergtod ist genauso sinnlos wie alle anderen Arten von Unfalltoden - auch wenn immer wieder versucht wurde, den Tod am Berg zu verklären und zu heroisieren. Bergsteiger sterben in Ausübung ihrer Leidenschaft für kein höheres Ziel (abgesehen von der Meereshöhe) als Motorradfahrer, Surfer oder Drachenflieger.

Für alle mehr oder weniger gefährlichen Sportarten gilt somit auch die Antwort des Wiener Neurologen und Psychiaters Viktor Frankl auf die Frage, was ihn zum Bergsteigen und Klettern gebracht hat: "Offen gesagt die Angst davor; aber wie oft frage ich meine Patienten, wenn sie sich mit ihren Angstneurosen an mich wenden: Muss man sich denn auch alles von sich gefallen lassen? Kann man nicht stärker sein als die Angst?“

Der Mensch kann stärker sein als die Angst. Und die Alpen bieten sich nach wie vor an, als "Spielplatz Europas“ genutzt zu werden, sich zu erproben, sich zu überwinden. Dabei sollte man aber nie den Ratschlag Edward Whympers aus seinem Buch "Berg- und Gletscherfahrten“ vergessen, denn dieser Mann weiß, wovon er spricht, wenn er sagt: "Ich habe Freuden genossen, die zu groß sind, um in Worten beschrieben werden zu können, und habe Kummer gehabt, an den ich nicht gern denke, und mit diesen Erfahrungen vor Augen sage ich: Ersteige die Hochalpen, wenn du willst, aber vergiss nie, dass Mut und Kraft ohne Klugheit nichts sind, dass eine augenblickliche Nachlässigkeit das Glück eines ganzen Lebens zerstören kann.“

Der Bergsommer hat am Mont Blanc mit neun Lawinentoten begonnen. Der Faszination, die von den Gipfeln ausgeht, tut das keinen Abbruch. - Eine Geschichte von Glück und Schicksal.

Watzmann, Watzmann, Schicksalsberg, du bist so groß und i nur a Zwerg“, heißt eine Textzeile in Wolfgang Ambros’ musikalischer Alpensaga. Dieses Zwergen-Gefühl hat jahrhundertelang die Bewohner der Alpentäler angesichts der Bergriesen um sie herum beängstigt wie bedrückt. Die himmelwärts ragenden Gipfel waren ihre Feinde, und was sie ins Tal schickten, brachte tödliche Gefahr mit sich: Gletscherbrüche, Schnee- und Eislawinen, Muren, Hochwasser, Steinschlag …

Wenige Draufgänger trauen sich in dieser Zeit in die wilden Regionen hinauf: Gemsenjäger, Schatzsucher, Hirten auf der Suche nach ihren verlaufenen Tieren. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts Naturwissenschafter, Philosophen, Literaten in die Bergwelt kommen, die Gipfel mit anderen Augen sehen, mit blumigen Worten beschreiben und einen Imagewandel für die Bergwelt einleiten, der nicht zuletzt in der Namensgebung für den höchsten Berg der Alpen seinen Ausdruck findet. Das Bergmassiv wird nicht mehr "Mont Maudit“ (verfluchter Berg) oder "Alpes cornues“ (gehörnte Alpen) genannt; 1742 taucht die Bezeichnung "Mont Blanc“ auf - es wandelt sich der Berg vom Ungeheuer zum strahlend schönen, die Menschen anziehenden weißen Berg.

Geburtsstunde des Alpinismus

Vor genau 225 Jahren, am 3. August 1787, um 11 Uhr steht der Genfer Physiker und Philosoph Horace Bénédict de Saussure mit rotem Frack, weißen Gamaschen und einem breitrandigen Hut bekleidet auf dem Mont Blanc: "Ich glaubte meinen Augen nicht, hielt es für einen Traum, als ich zu meinen Füßen die majestätischen Gipfel sah, die fürchterlichen Hörner, den Midi, die Argentière, den Géant, zu denen mir der Zugang so mühsam und gefährlich gewesen war“, beschreibt er diesen Moment. Im ganzen Tal läuten die Glocken, alle Fernrohre sind auf den Gipfel gerichtet, das Datum wird als die Geburtsstunde des Alpinismus in die Geschichte eingehen.

Auf den Berg geführt wurde Saussure von Jacques Balmat, einem Kristallsucher und Gemsenjäger aus Chamonix. Im Jahr zuvor hatte dieser, motiviert von der beträchtlichen Belohnung, die Saussure versprochen hatte, einen Weg durch die Gletscherströme bis zum Gipfel gefunden. Damit war die Aufgabenteilung für die weiteren Besteigungen der höchsten und schwierigsten Berge vorgegeben: Adelige und bürgerliche Abenteurer, in der Anfangszeit vor allem aus dem viktorianischen England, bezahlen in den Tälern heimische Führer dafür, sie auf die noch unerstiegenen Bergspitzen zu bringen, aus den Alpen den "Spielplatz Europas“ zu machen.

"Unmöglich“ gibt’s nicht

Einer der tonangebenden Spieler im Wettkampf um die Alpen ist der Engländer Edward Whymper. Sein Erfolgsrezept: Er definiert den Bergsteiger als einen Menschen, der den Begriff "unmöglich“ nicht akzeptiert. Sieben gescheiterte Besteigungsversuche, Abstürze inklusive und das Urteil anderer Alpinisten seines Kalibers, dieser Berg sei unersteigbar, können Whymper nicht von seiner Obsession abbringen. Er muss da rauf, und das als erster. Und am 14. Juli 1865 ist er oben. Als letzten der bedeutenden Viertausender der Alpen besteigt Whymper mit drei Führern sowie einem jungen britischen Lord, einem Reverend und dessen Freund das Matterhorn von der Schweizer Seite.

Der Jubel ist riesig, wird noch befeuert dadurch, dass der Gipfelsieg im Wettstreit mit einer von der italienischen Seite aufsteigenden Seilschaft errungen werden konnte. Doch der Begeisterung folgt kurze Zeit später das blanke Entsetzen, nachdem Whymper und zwei seiner Führer beim Abstieg mitansehen müssen, wie ihre vier Begleiter nach einem Stolperer und anschließendem Seilriss Hunderte Meter über die Nordwand des Matterhorns in die Tiefe stürzen.

Als Geschlagene kommen die Überlebenden ins Tal; Anschuldigungen, Verdächtigungen, ein Gerichtsprozess folgen. Sieg und Niederlage, Triumph und Katastrophe bleiben seither mit dem Namen Whymper verbunden. Und die höchsten Berge der Alpen zeigen, nachdem sie alle scheinbar bezwungen waren, dass sie sich nicht bezwingen lassen. Der weiße, schöne, strahlende Berg bleibt immer auch der verfluchte, der gefährliche, der tödliche Berg. Mysterium tremendum et fascinosum - diese Ambivalenz, die Religionswissenschafter dem Göttlichen zuschreiben, gilt auch hier.

In der Bergkulisse von Chamonix ist das Faszinierende und das Gefürchtete spektakulär in Szene gesetzt. Hoch oben rechts der Mont Blanc, links eine schwarze Felsspitze, der Mont Maudit. Als Bezeichnung für diesen Nebengipfel hat der alte Name überdauert, der früher das ganze Massiv als verfluchten Ort bezeichnet hat. Auf dem Weg zum Mont Blanc sind vor zwei Wochen neun Bergsteiger in einer Schneeflanke des Mont Maudit von einer Lawine getötet worden. Die Ursachenforschung vermutet eine zerberstende Eisplatte als Auslöser des Unglücks. Die Bergsteiger wurden von jeder Mitschuld freigesprochen, sie waren früh unterwegs, der Weg gilt gemeinhin als sicher, wurde und wird weiterhin Tausende Male begangen werden. Am trefflichsten passt dieses Unglück in jene Kategorie Berg-unfälle, die der Alpinjournalist Horst Höfler in seinem Buch "Katastrophen am Berg“ unter der Kapitelunterschrift zusammenfasst: "Manchmal ist’s eben Schicksal …“

Stärker als die Angst

Schwarzes Schicksal, tödliches Schicksal, aber kein anderes Schicksal, als es einem auch im Tal und überall widerfahren kann. Und der Bergtod ist genauso sinnlos wie alle anderen Arten von Unfalltoden - auch wenn immer wieder versucht wurde, den Tod am Berg zu verklären und zu heroisieren. Bergsteiger sterben in Ausübung ihrer Leidenschaft für kein höheres Ziel (abgesehen von der Meereshöhe) als Motorradfahrer, Surfer oder Drachenflieger.

Für alle mehr oder weniger gefährlichen Sportarten gilt somit auch die Antwort des Wiener Neurologen und Psychiaters Viktor Frankl auf die Frage, was ihn zum Bergsteigen und Klettern gebracht hat: "Offen gesagt die Angst davor; aber wie oft frage ich meine Patienten, wenn sie sich mit ihren Angstneurosen an mich wenden: Muss man sich denn auch alles von sich gefallen lassen? Kann man nicht stärker sein als die Angst?“

Der Mensch kann stärker sein als die Angst. Und die Alpen bieten sich nach wie vor an, als "Spielplatz Europas“ genutzt zu werden, sich zu erproben, sich zu überwinden. Dabei sollte man aber nie den Ratschlag Edward Whympers aus seinem Buch "Berg- und Gletscherfahrten“ vergessen, denn dieser Mann weiß, wovon er spricht, wenn er sagt: "Ich habe Freuden genossen, die zu groß sind, um in Worten beschrieben werden zu können, und habe Kummer gehabt, an den ich nicht gern denke, und mit diesen Erfahrungen vor Augen sage ich: Ersteige die Hochalpen, wenn du willst, aber vergiss nie, dass Mut und Kraft ohne Klugheit nichts sind, dass eine augenblickliche Nachlässigkeit das Glück eines ganzen Lebens zerstören kann.“