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Feuilleton

Am Ende Alles Gut

1945 1960 1980 2000 2020

Petra Piuks roman über moni und toni ist auch eine anleitung zum schreiben eines heimatromans.

1945 1960 1980 2000 2020

Petra Piuks roman über moni und toni ist auch eine anleitung zum schreiben eines heimatromans.

Nachdem in Petra Piuks Debütroman "Lucy fliegt" letztes Jahr eine junge Frau zum Casting geflogen ist, um ein ganz, ganz berühmter Star zu werden, haben die "Dorfbewohner" - möglicherweise aus dem Umkreis von Piuks Geburtsort Güssing -der "Frau Schriftstellerin" angeraten, doch lieber einen "schönen Heimatroman" zu schreiben -und die hat den Vorschlag dankend aufgegriffen.

So lesen wir nun in "Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman" vom komplizierten Entstehungsprozess des Buches, den Schreibschwierigkeiten der Autorin bzw. der "Frau Schriftstellerin" bzw. Petra Piuks, den Einwänden und Anfeuerungen der Lektorin -ein Spielelement, das sich aktuell zu häufen scheint -, den Einsprüchen von Leserbriefschreiberinnen und den recht derb geschilderten dörflichen Lebenspraxen in Schöngraben an der Rauscher. Es scheint ein besonderes Dorf zu sein, immerhin gibt es hier noch eine Fleischerei und eine Bäckerei, was dank der Einkaufs"parks" an den Ortsrändern selbst in mittleren Kleinstädten keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Serviert wird das alles in 37 ordentlich durchnummerierten Kapiteln, deren Überschriften alle mit einem unbestimmten Artikel beginnen und die sich in eine Vielzahl von Subkapiteln weiter untergliedern, versehen mit listiglustigen Verweisen und einem üppigen metatextuellen wie selbstreferenziellen Beiwerk. Neben einem ungeklärten Mord gibt es Rätselfragen, Persönlichkeitstests zum Mitmachen, jede Menge leicht adaptierte Schlagertextzeilen direkt aus dem Regionalsender, Annoncen, Unfallberichte, Kochrezepte und Geburtstagswünsche aus der Regionalzeitung oder eine Ortsbeschreibung, zusammengefügt aus allen Schriftspuren im Dorfraum wie "Kein Eingang","Lokal zu verkaufen","Außer Betrieb".

Toni will Moni

Der männliche Titelheld Toni kommt mitunter selbst zu Wort und berichtet von seinem Heranwachsen. Nun will er seine Kindheitsfreundin Moni heiraten, die sich jedoch ziert. Zunächst gibt es andere junge Männer, dann die Verführung durch die unverheiratete Großcousine aus der Stadt, deren Lebensentwurf Moni verlockender erscheint als der Ehehafen. Aber die Hochzeit am Ende ist vom Genre wie vom Verlag gewissermaßen fix gebucht, da führt kein Schreibweg daran vorbei, was Petra Piuk - oder die "Frau Schriftstellerin" oder doch die Großcousine? - in eine Schreibkrise stürzt.

Das alles wird flott und mit lustvoller Verspieltheit dargeboten. Mitunter stellen sich gewisse Déjà-vu-Erlebnisse ein. Man denke etwa an Reinhard P. Grubers 1973 erschienenen Roman "Aus dem Leben Hödlmosers. Ein steirischer Roman mit Regie" - eine ebenfalls kleinteilig strukturierte sarkastische Beschreibung vom Leben auf dem Land. Vor fast einem halben Jahrhundert, da gab es das beschriebene "Dorf" noch irgendwie, da hatten Bauernhöfe und ihre Bewohner noch etwas Archaisches, der Maschinenpark war überschaubar, gemolken und ausgemistet wurde per Hand, schließlich war noch nicht einmal das Wort ,Computersteuerung' erfunden. 2017 zeigt sich das Landleben doch etwas anders. Im Dorf wohnen die zugereisten Städter, die gemeinsam mit den Regionalpolitikern und Andreas Gabalier die Tradition der Trachtenkleidung hoch halten.

Den Einwand, dass sie keine Ahnung vom heutigen Dorfleben habe, nimmt die Autorin mit einem empörten Leserbrief der Frau Rosalinde F. selbst vorweg. Das Schreiben reagiert auf eine deftige Wirtshausszene unter der Kapitelüberschrift "17.2. Eine kurze Gasthausgeschichte" und versucht die Autorin auf den Boden der Realität des Dorfwirtshaussterbens zurückzuholen. Denn wer heute wie einst Reinhard P. Gruber dumpfe komatrinkende oder brüllende und gewaltbereite Stammtischrunden satirisch porträtieren will, dem ist mittlerweile gleichsam die reale Vorlage abhanden gekommen, genauso wie sich häusliche Gewalt nicht mehr in den Bauernstuben konzentriert, sondern in den frisch verputzten Eigenheimen hinter Thujenhecken.

Der Bezug auf das Genre Heimatroman erinnert an ältere literarische Paraphrasen auf triviale Gattungen von Elfriede Jelinek oder Marlene Streeruwitz. "In einem Heimatroman scheint immer die Sonne", schreibt Petra Piuk, doch das tut sie eigentlich gerade nicht. Zum Heimatroman gehört die entfesselte Elementargewalt der Natur -Gewitter, Blitzschlag, Hagel, Hochwasser, Schneesturm - gegen die sich die Naturburschen und -burschinnen zu bewähren haben. "Ein Weltgeschehen kann hier keiner brauchen", heißt es kurz zuvor - und das stimmt tatsächlich für das Genre, nicht aber für die hier oft deftig beschriebene Dorfrealität von vorgestern, da war das Weltgeschehen sprichwörtlicher Nährstoff des Stammtischpalavers.

Zwischen den Zeilen

Am bekanntesten kommt einem das Jonglieren mit den Meta-Ebenen vor. Im Kapitel "19.16. Zwischen den Zeilen" ersucht die Lektorin den Bürgermeister von Schöngraben an der Rauscher um Unterstützung bei der Fertigstellung des Romans, denn Petra Piuk sei in einer Schreibkrise, die "Frau Schriftstellerin", die zwischen den Zeilen zu finden sei, solle den Roman selbst fertig schreiben, auf dass die Großcousine nicht doch noch die für das Hochzeits-Happy-End vorgesehene Moni in die Großstadt entführe.

Derartige Verflüssigungen aller Grenzen innerhalb eines komplexen Erzählkosmos hat Ilse Kilic seit vielen Jahren überaus intelligent zur Meisterschaft entwickelt. Bereits um die Jahrtausendwende begannen ihre Figuren sich zu organisieren, seither erheben sie Einsprüche und Ansprüche, was die Handlungsführung betrifft, übermitteln ihrer Autorin mitunter Kündigungsschreiben oder handeln komplizierte Verträge aus, um sich gegen Unbill wie Mord, Totschlag oder Depression abzusichern, schließlich sind derartige Schicksalsschläge in den Romanen heute überaus häufig. 2013 musste Kilic in ein Vertragswerk zwischen der Romanfigur (RF) und der Autorin (AU) im Band "Wie der Kummer in die Welt kam" sogar die "Teilhabe am Ruhm und an allen Auszeichnungen von AU" garantieren. Wer an diesem Aspekt von Petra Piuks Roman Gefallen findet, sollte unbedingt Ilse Kilic lesen.

Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman Von Petra Piuk Kremayr &Scheriau 2017 208 S., geb., € 19,90

Nachdem in Petra Piuks Debütroman "Lucy fliegt" letztes Jahr eine junge Frau zum Casting geflogen ist, um ein ganz, ganz berühmter Star zu werden, haben die "Dorfbewohner" - möglicherweise aus dem Umkreis von Piuks Geburtsort Güssing -der "Frau Schriftstellerin" angeraten, doch lieber einen "schönen Heimatroman" zu schreiben -und die hat den Vorschlag dankend aufgegriffen.

So lesen wir nun in "Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman" vom komplizierten Entstehungsprozess des Buches, den Schreibschwierigkeiten der Autorin bzw. der "Frau Schriftstellerin" bzw. Petra Piuks, den Einwänden und Anfeuerungen der Lektorin -ein Spielelement, das sich aktuell zu häufen scheint -, den Einsprüchen von Leserbriefschreiberinnen und den recht derb geschilderten dörflichen Lebenspraxen in Schöngraben an der Rauscher. Es scheint ein besonderes Dorf zu sein, immerhin gibt es hier noch eine Fleischerei und eine Bäckerei, was dank der Einkaufs"parks" an den Ortsrändern selbst in mittleren Kleinstädten keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Serviert wird das alles in 37 ordentlich durchnummerierten Kapiteln, deren Überschriften alle mit einem unbestimmten Artikel beginnen und die sich in eine Vielzahl von Subkapiteln weiter untergliedern, versehen mit listiglustigen Verweisen und einem üppigen metatextuellen wie selbstreferenziellen Beiwerk. Neben einem ungeklärten Mord gibt es Rätselfragen, Persönlichkeitstests zum Mitmachen, jede Menge leicht adaptierte Schlagertextzeilen direkt aus dem Regionalsender, Annoncen, Unfallberichte, Kochrezepte und Geburtstagswünsche aus der Regionalzeitung oder eine Ortsbeschreibung, zusammengefügt aus allen Schriftspuren im Dorfraum wie "Kein Eingang","Lokal zu verkaufen","Außer Betrieb".

Toni will Moni

Der männliche Titelheld Toni kommt mitunter selbst zu Wort und berichtet von seinem Heranwachsen. Nun will er seine Kindheitsfreundin Moni heiraten, die sich jedoch ziert. Zunächst gibt es andere junge Männer, dann die Verführung durch die unverheiratete Großcousine aus der Stadt, deren Lebensentwurf Moni verlockender erscheint als der Ehehafen. Aber die Hochzeit am Ende ist vom Genre wie vom Verlag gewissermaßen fix gebucht, da führt kein Schreibweg daran vorbei, was Petra Piuk - oder die "Frau Schriftstellerin" oder doch die Großcousine? - in eine Schreibkrise stürzt.

Das alles wird flott und mit lustvoller Verspieltheit dargeboten. Mitunter stellen sich gewisse Déjà-vu-Erlebnisse ein. Man denke etwa an Reinhard P. Grubers 1973 erschienenen Roman "Aus dem Leben Hödlmosers. Ein steirischer Roman mit Regie" - eine ebenfalls kleinteilig strukturierte sarkastische Beschreibung vom Leben auf dem Land. Vor fast einem halben Jahrhundert, da gab es das beschriebene "Dorf" noch irgendwie, da hatten Bauernhöfe und ihre Bewohner noch etwas Archaisches, der Maschinenpark war überschaubar, gemolken und ausgemistet wurde per Hand, schließlich war noch nicht einmal das Wort ,Computersteuerung' erfunden. 2017 zeigt sich das Landleben doch etwas anders. Im Dorf wohnen die zugereisten Städter, die gemeinsam mit den Regionalpolitikern und Andreas Gabalier die Tradition der Trachtenkleidung hoch halten.

Den Einwand, dass sie keine Ahnung vom heutigen Dorfleben habe, nimmt die Autorin mit einem empörten Leserbrief der Frau Rosalinde F. selbst vorweg. Das Schreiben reagiert auf eine deftige Wirtshausszene unter der Kapitelüberschrift "17.2. Eine kurze Gasthausgeschichte" und versucht die Autorin auf den Boden der Realität des Dorfwirtshaussterbens zurückzuholen. Denn wer heute wie einst Reinhard P. Gruber dumpfe komatrinkende oder brüllende und gewaltbereite Stammtischrunden satirisch porträtieren will, dem ist mittlerweile gleichsam die reale Vorlage abhanden gekommen, genauso wie sich häusliche Gewalt nicht mehr in den Bauernstuben konzentriert, sondern in den frisch verputzten Eigenheimen hinter Thujenhecken.

Der Bezug auf das Genre Heimatroman erinnert an ältere literarische Paraphrasen auf triviale Gattungen von Elfriede Jelinek oder Marlene Streeruwitz. "In einem Heimatroman scheint immer die Sonne", schreibt Petra Piuk, doch das tut sie eigentlich gerade nicht. Zum Heimatroman gehört die entfesselte Elementargewalt der Natur -Gewitter, Blitzschlag, Hagel, Hochwasser, Schneesturm - gegen die sich die Naturburschen und -burschinnen zu bewähren haben. "Ein Weltgeschehen kann hier keiner brauchen", heißt es kurz zuvor - und das stimmt tatsächlich für das Genre, nicht aber für die hier oft deftig beschriebene Dorfrealität von vorgestern, da war das Weltgeschehen sprichwörtlicher Nährstoff des Stammtischpalavers.

Zwischen den Zeilen

Am bekanntesten kommt einem das Jonglieren mit den Meta-Ebenen vor. Im Kapitel "19.16. Zwischen den Zeilen" ersucht die Lektorin den Bürgermeister von Schöngraben an der Rauscher um Unterstützung bei der Fertigstellung des Romans, denn Petra Piuk sei in einer Schreibkrise, die "Frau Schriftstellerin", die zwischen den Zeilen zu finden sei, solle den Roman selbst fertig schreiben, auf dass die Großcousine nicht doch noch die für das Hochzeits-Happy-End vorgesehene Moni in die Großstadt entführe.

Derartige Verflüssigungen aller Grenzen innerhalb eines komplexen Erzählkosmos hat Ilse Kilic seit vielen Jahren überaus intelligent zur Meisterschaft entwickelt. Bereits um die Jahrtausendwende begannen ihre Figuren sich zu organisieren, seither erheben sie Einsprüche und Ansprüche, was die Handlungsführung betrifft, übermitteln ihrer Autorin mitunter Kündigungsschreiben oder handeln komplizierte Verträge aus, um sich gegen Unbill wie Mord, Totschlag oder Depression abzusichern, schließlich sind derartige Schicksalsschläge in den Romanen heute überaus häufig. 2013 musste Kilic in ein Vertragswerk zwischen der Romanfigur (RF) und der Autorin (AU) im Band "Wie der Kummer in die Welt kam" sogar die "Teilhabe am Ruhm und an allen Auszeichnungen von AU" garantieren. Wer an diesem Aspekt von Petra Piuks Roman Gefallen findet, sollte unbedingt Ilse Kilic lesen.

Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman Von Petra Piuk Kremayr &Scheriau 2017 208 S., geb., € 19,90