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Amor im Chemie-Labor

Wenn es zwischen zwei Menschen funkt, haben nicht nur Zufall oder Schicksal ihre Hände mit im Spiel, sondern auch unbewusste Entscheidungen und biochemische Prozesse.

Es muss das Herz bei jedem

Lebensrufe / bereit zum Abschied sein und Neubeginne,/ um sich in Tapferkeit und ohne Trauern /

in andre, neue Bindungen zu

geben./ Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben [...]

Der Zauber des (Beziehungs-)Anfangs, von dem Hermann Hesse in seinem Gedicht "Stufen" schreibt, wird Tag für Tag millionenfach erlebt: vielversprechende Blicke werden ausgetauscht und Gesten einander angeglichen; Flugzeuge tummeln sich im Bauch und Schmetterlinge im Kopf; rosa Brillen werden aufgesetzt und Bedenken über Bord geworfen. Doch was den Entflammten selbst wie Magie erscheint, ist für Wissenschafter vor allem das Resultat unbewusster Entscheidungsprozesse - und eine Frage der (zwischenmenschlichen) Chemie.

Allein für die Frage, wer für wen attraktiv ist, gibt es zahllose Erklärungsmuster. Die wohl umfangreichste Studie zur Partnerwahl wurde von 1984 bis 1989 mit 10.047 Personen in 37 unterschiedlichen Kulturen auf allen Kontinenten durchgeführt. Der Evolutionspsychologe David Buss von der University of Texas konnte darin nachweisen, was längst Legende ist: Männer achten in erster Linie auf Äußerlichkeiten - und Frauen begehren Männer mit Macht und Geld.

Signal: Paarungsfähig

Überraschend waren freilich Buss' Erkenntnisse, was genau das männliche Geschlecht - egal ob Männer aus dem Stamm der Bakweri in Kamerun oder aus New York - beim ersten Blick unter die Lupe nimmt: Nicht die Brust oder die Hüfte stehen demnach im Brennpunkt des Interesses, sondern das Verhältnis von Hüfte und Taille: Beträgt es eins zu 0,7, wird laut Buss das untrügliche Signal ausgesendet, paarungsfähig, aber noch nicht schwanger zu sein.

Auch das Phänomen, dass Männer junge Frauen bevorzugen, konnte Buss belegen: Im weltweiten Durchschnitt sind die Partnerinnen rund dreieinhalb Jahre jünger - wobei der Altersunterschied mit zunehmendem Erfolg des Mannes steigt. Dass Frauen wiederum ältere Männer attraktiv finden, geht laut Buss auf urzeitliche Verhältnisse zurück: Einst hätten Männer erst mit Mitte dreißig ihre größten Jagderfolge erzielt, während "der Fortpflanzungswert der Frau" ab dem zwanzigsten Lebensjahr beständig gesunken sei.

Geld und Erfolg oder Jugend und heiße Kurven: Das erfolgreiche Aussenden spezifischer Signale bestimmt, ob der andere als potenzieller Partner betrachtet wird. Ob der Funke endgültig überspringt, wird aber auch olfaktorisch entschieden. Ausschlaggebend dafür, ob das Odeur des anderen anziehend oder abstoßend wirkt, ist eine genetische Sequenz im Human Leukocyte Antigen (HLA). Forscher an der Universität Bern gelangten nach einem "Schnüffeltest" von weiblichen Testpersonen an - von Männern getragenen - T-Shirts zu folgender Erkenntnis: Je ähnlicher das HLA-Profil des Mannes mit dem der weiblichen Testerin war, desto unangenehmer wurde der Duft empfunden. Die Ursache für diese Anziehungskraft der Gegensätze liegt für die Forscher auf der Hand: Nachdem das HLA-Molekül auch im Immunsystem eine wichtige Rolle spielt, hätten Kinder von Eltern mit unterschiedlichem HLA-Profil eine stärkere körpereigene Abwehr.

Zu einem anderen Schnüffel-Ergebnis kommen Forscher von der Universität von Chicago: Ihnen zufolge fühlen sich Frauen vor allem von Männern angezogen, deren Geruch - also deren HLA-Profil - sie an ihren eigenen Vater erinnert. Glaubt man dieser Interpretation, dann würde Sigmund Freud bestätigt: Der Erfinder des "Ödipuskomplex" hatte behauptet, dass Söhne unbewusst ihre Mutter begehrten, während Töchter insgeheim für ihren Vater schwärmten.

Welche Interpretation der Wahrheit auch am nächsten kommt: Dass die Chemie bei der Partnerwahl mitentscheidet, ist unbestritten. Nicht nur zu Beginn, sondern während der gesamten Beziehung besteht zwischen den Geschlechtern eine unbewusste chemische Kommunikation. Eine wesentliche Rolle für die permanente Verbindung zwischen Liebenden spielt dabei das Hormon Oxytocin. "Es wird beim Sex ebenso ausgeschüttet wie beim Stillen und führt zu emotionalen Bindungen", erklärt der Neurowissenschafter Andreas Bartels vom Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen. Im Rahmen seiner Forschungen am University College in London hatte er die neuronalen Folgen partnerschaftlicher und mütterlicher Liebe verglichen.

Macht Liebe blind?

Zu diesem Zweck wurden den Probanden - 17 Liebenden und 19 Müttern - Fotos ihrer Herzallerliebsten oder ihrer Kinder bzw. Fotos fremder Personen gezeigt und die Veränderungen im Gehirn mit Hilfe des funktionellen Magnetresonanz-Imaging (fMRI) beobachtet. "Biologisch geht es in beiden Fällen um dasselbe: um die Fortpflanzung und die Sicherstellung der eigenen Gene", erklärt Bartels im Furche-Gespräch. Tatsächlich wurden in beiden Fällen Teile des Belohnungszentrums im Gehirn aktiviert - und die kritische Beurteilungsfähigkeit stillgelegt. Macht also Liebe blind? "Zumindest ist es auffällig, dass genau zwei Gruppen von Gehirnzentren deaktiviert werden", so Bartels: "jene, die negative Gefühle vermitteln, und jene , die es möglich machen, Emotionen kritisch abzuschätzen."

Darüber hinaus waren die aktivierten Regionen eben besonders reich an Rezeptoren für die Neurohormone Oxytocin und Vasopressin. Die verblüffende paarbindende Wirkung dieser Hormone wurde - zumindest im Tierversuch - bestätigt: So zeigten "jungfräuliche" Ratten nach einer Injektion von Oxytocin plötzlich mütterliches Verhalten. Und die normalerweise wahllos kopulierenden Bergmäuse suchten nach einer Vasopressin-Injektion intensiven Kontakt zu ihren Partnerinnen.

Ein Hormon für Treue

"Man könnte auch Menschen-Paare voneinander trennen oder zueinander führen, indem man diese Hormone injiziert oder blockiert. Derzeit ist das aber noch reine Spekulation", weiß Andreas Bartels. Falls es aber möglich sei, entsprechende Medikamente zu entwickeln, wäre ein Einsatz - etwa bei pathologischen Liebeszuständen - durchaus vorstellbar.

Wenig Chance auf Realisierung hat hingegen der Plan, mit Hilfe des Magnetresonanz-Imaging einen "Liebestest" für vermeintlich treulose Partner einzurichten. "Hier könnte man viel zu leicht manipulieren", winkt Bartels ab: "Man muss ja nicht wirklich an die Person auf dem Foto denken."

BUCHTIPP:

LUST UND LIEBE - Alles nur Chemie?

Von Rolf und Gabriele Froböse.

Verlag Wiley-VCH, Weinheim2004.

200 Seiten, geb., e 25,60.

Erscheint im Juni.

Die ersten drei Minuten

Wer für wen attraktiv ist, entscheidet vor allem die eigene Lebensgeschichte." Für Michael Lukas Moeller, dem 2002 verstorbenen Frankfurter Psychoanalytiker und "Papst der Paare", ist unbestritten: "Wir tragen alle eine präzise Liebeslandkarte, eine love map, in uns, die sich (...) zwischen dem vierten und achten Lebensjahr ausgestaltet hat," schreibt er in seinem letzten, soeben erschienenen Buch "Wie die Liebe anfängt. Die ersten drei Minuten" (Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2004). Verlieben sich zwei ineinander, dann werden laut Moeller bei beiden blitzschnell ganz bestimmte lebensgeschichtlich erworbene Beziehungsvalenzen mobilisiert und verknüpft. In zahllosen Paargruppenanalysen forderte Moeller deshalb die Paare auf, sich die ersten gemeinsamen Minuten wachzurufen, und diese kostbare Zeit in einer Folge themenzentrierter Paargespräche, den so genannten "Dyalogen", zu erkunden. In Fragebögen suchte Moeller nach den seelischen Eigenschaften, auf Grund derer sich Menschen verliebten: Am häufigsten wurde Offenheit genannt (34,1 Prozent), weiters Freundlichkeit (25,6 Prozent), Selbstbewusstsein (20,2 Prozent) und Humor (16,8 Prozent). Etwa ein Viertel der angegebenen Eigenschaften entsprach denen der eigenen Mutter, ebenfalls ein Viertel denen des Vaters und mehr als die Hälfte dem Selbstideal. "Der oder die Begehrte wird vor allem begehrt, weil er oder sie die begehrten Eigenschaften hat, die ich mir wünsche", schlussfolgert Moeller. DH

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