"An der Albertina wird wirklich alles neu"

1945 1960 1980 2000 2020

Die Albertina in Wien, 1769 von Albert von Sachsen-Teschen gegründet und derzeit im Umbau, gilt als bedeutendste graphische Sammlung der Welt. Ihr neuer Chef, Klaus Albrecht Schröder, der als Leiter des Wiener Kunstforums faszinierende Ausstellungen organisiert hat, will möglichst viel von den Schätzen dieses Hauses der Öffentlichkeit zugänglich machen.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Albertina in Wien, 1769 von Albert von Sachsen-Teschen gegründet und derzeit im Umbau, gilt als bedeutendste graphische Sammlung der Welt. Ihr neuer Chef, Klaus Albrecht Schröder, der als Leiter des Wiener Kunstforums faszinierende Ausstellungen organisiert hat, will möglichst viel von den Schätzen dieses Hauses der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Die Furche: Herr Direktor Schröder, Sie residieren derzeit auf einer Baustelle. Wann sollte der Albertina-Umbau zu Ende sein, und was wird er kosten?

Klaus Albrecht Schröder: Die Kosten sagen wenig aus, wenn man nicht berücksichtigt, dass aus der Graphischen Sammlung Albertina, die sich als Kupferstichkabinett verstanden hat, ein Museum wird. Ursprünglich war geplant, die Albertina mit einem Studiengebäude und einem modernen Tiefspeicher auszustatten. Als ich die Direktion angetreten habe, habe ich gesagt, wir müssen diese bedeutendste und umfangreichste graphische Sammlung der Welt als Museum positionieren und bedenken, was wir alles der Öffentlichkeit zugänglich machen können. Daher war mein erster Schritt, zwei große Wechselausstellungshallen zu planen, die jeweils fast 1.000 Quadratmeter groß sind. Das Zweite war, dass ich die Sammlungen neu strukturiert habe, die graphische Sammlung gleichberechtigt neben der Architektur-Sammlung und der neu gegründeten photographischen Sammlung.

Durch diese neuen Strukturen sind eben auch Kosten entstanden, weil Baumaßnahmen dem antworten müssen. Die Gesamtkosten bis zu meiner Direktion waren etwa bei 300 Millionen Schilling gelegen und sind eigentlich zur Gänze dem Back-Office-Bereich - der Konservierung, der Forschung, der Deponierung - zugute gekommen. Die nächsten 300 Millionen Schilling, die jetzt zusätzlich dazu seitens des Bundes im Budget geplant wurden, kommen fast zur Gänze der Öffentlichkeit zugute: die Erschließung der Bastei, Infrastrukturen, Garderoben, Kassenshops, Infostände, zwei gastronomische Einrichtungen und natürlich diese beiden großen Kunsthallen. Dazu kommen aus meiner Sicht weitere 50 bis 100 Millionen Schilling für die Sanierung der historischen Prunkräume. Die müssen unbedingt - der Titel des Projektes heißt ja "Erweiterung und Generalsanierung" - in Angriff genommen werden, sonst wird eines der bedeutendsten klassizistischen Palais Mitteleuropas weiter dem Verfall preisgegeben sein.

Die Furche: Wann kann die Öffentlichkeit die neue Albertina in Besitz nehmen?

Schröder: Planerisch und bautechnisch, auch finanziell wäre es möglich im Herbst 2002, darum halte ich an diesem Eröffnungstermin fest. Das soll mit der größten Dürer-Ausstellung, die je stattgefunden hat, passieren. Die bürokratischen Hindernisse, mangelnde und sehr komplizierte Entscheidungsfindungsprozesse - als Nutzer sind wir nicht Bauherr, sind wir gerade Mieter, und ich würde sagen, nicht einmal sehr willkommener Mieter - lassen befürchten, dass es zu einer Verschiebung von einem halben Jahr kommt.

Die Furche: Was ist dann wirklich neu?

Schröder: Alles. Die Albertina hat in ihrer über 200-jährigen Geschichte sicher jetzt den größten Veränderungsschub erlebt nach 1919, nach dem Abziehen und Aussiedeln der Habsburger und damit der Umwidmung eines Wohnpalais in ein Verwaltungsgebäude mit verschiedenen Nutzern. Bis vor wenigen Jahren waren hier die Flugschriftensammlung, die Papyrussammlung, das Goethemuseum, die Musiksammlung, das Filmmuseum und auch die Albertina. Das Ganze hat Albertina geheißen, in Tat und Wahrheit hatte die Albertina aber weniger als ein Fünftel des gesamten Areals.

Nach 1919 ist daher jetzt die Räumung des Palais allein zugunsten der Albertina und Neupositionierung als öffentliches Museum der wesentlichste Schritt in der Fortschreibung einer dynamischen Geschichte. Es ist etwas völlig Neues, weil wir wieder den Eingang auf die Bastei legen, etwas völlig Neues, weil die historischen Prunkräume nicht mehr wie die letzten 100 Jahre Depoträume sind, sondern für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Neu ist, dass sämtliche Räume, die früher Depoträume waren und nicht mehr die historische Ausstattung tragen, zu Wechselausstellungshallen umgebaut werden. Neu ist, dass der Albertinahof überdacht wird und die innere Stadtlandschaft dieses fast 20.000 Quadratmeter großen Palais für den Besucher erlebbar gemacht wird. Neu ist alles.

Die Furche: Wenn so viel in Bau und Infrastruktur investiert wird, kann da auch in die Sammlung selbst noch investiert werden? Auch das ist ja nötig.

Schröder: Das geschieht auch, wir investieren heuer allein in den Sammlungsausbau knapp zehn Millionen Schilling. Das ist die größte Sammlungserweiterung in einem Jahr in den letzten 50 Jahren. Allein gestern - Sie sind der Erste, der das jetzt hört - haben wir um dreieinhalb Millionen Schilling eines der bedeutendsten Kunstwerke der neueren deutschen Kunstgeschichte erworben: eine vier mal drei Meter große Arbeit von Anselm Kiefer, bei Christie's in London versteigert. Ein Holzschnitt, ein Unikat: Der Rhein. Ein überaus bedeutsames Werk, weil es eine Summe des Schaffens von Kiefer darstellt, eine der teuersten Erwerbungen der Albertina, wenn nicht die teuerste, die jemals aus der eigenen Tasche heraus gemacht wurde.

Die Furche: Gehen Sie bei Zukäufen nur in Richtung Moderne oder gibt es auch frühere Epochen, wo Sie sagen: Da hat auch die Albertina als größte Sammlung der Welt gewisse Lücken ...

Schröder: Also, das eine ist, dass wir bei den Alten Meistern natürlich sehr stark sind. Wo wir verstärken könnten, fehlen uns zweifelsohne die finanziellen Möglichkeiten. Wir können bei einer Michelangelo-Zeichnung so wenig mithalten wie bei einem wichtigen Pastell von Edgar Degas. Das liegt alles jenseits der 150 Millionen Schilling. Zweitens muss eine gewisse Gegenwartsbezogenheit Platz greifen, weil das die einzige Chance ist, dass wir wieder so kaufen wie Albert von Sachsen-Teschen. Wenn man ansieht, was der zwischen 1770 und 1822 erworben hat, ist es erstaunlich, wie wenig Fehlgriffe er getan hat. Er hat wirklich das Beste vom Besten genommen. Das möchte ich auch tun, und letzte Woche waren wir auf der "Art Basel", haben hier sehr viele Photographien gekauft für die photographische Sammlung. Wir kaufen in den nächsten Wochen ein großes Konvolut an wichtigen Arbeiten von Kühn, dem bedeutendsten Photographen der Jahrhundertwende.

Die Furche: Wird im Herbst 2002 schon alles abgeschlossen sein?

Schröder: Das ganze Projekt Albertina muss in einem fertig sein. Man kann den einen oder anderen historischen Prunkraum nachträglich sanieren, aber sicher nicht die Fassaden, die Erschließung der Bastei, sicher nicht die gesamte Infrastruktur für die Öffentlichkeit. Es hat keinen Sinn, das Palais fertig zu haben, aber die Erschließung der Bastei zu vernachlässigen. Denn ich halte das Faktum, dass die Albertina auf einem über neun Meter hohen Erdhügel liegt, nicht nur für einen Nachteil. Es ist nicht nur eine Schwelle, die Schwellenangst erzeugt, sondern auch eine Chance. Man muss eben diese neun Meter, den Weg, den es hier zu beschreiten gilt, zum Thema selbst machen. Und im Einklang damit muss es eine Überlegung geben: Was geschieht mit dem gesamten Albertina-Platz davor?

Im Augenblick schließt sich um die Albertina eine Wagenburg von bis zu 15 Bussen, dann haben wir davor die Piss-Stände für die Pferde, also wirklich eine Ernstfallgegend im besten und schlimmsten Sinn des Wortes. Mit der Erschließung der Bastei muss auch eine völlige Neugestaltung jenes Einfallstors in den ersten Bezirk zustande kommen, das einmal das wichtigste Einfallstor war. Nicht zufällig waren hinter der Staatsoper das Mozartdenkmal, der Prunkbau von König, der Philipphof, die größte Brunnenanlage, der Danubiusbrunnen, der heute trocken gelegt ist, die Albertina mit dem Reiterdenkmal von Erzherzog Albrecht. Sicher müssen wir nachdenken, dass aus einem Bombenschaden, der nie saniert wurde, wieder ein Juwel der Innenstadt wird.

Die Furche: Wie weit erheben Nachkommen von NS-Opfern Ansprüche auf Albertina-Bestände?

Schröder: Knapp 2.500 Zeichnungen, sogar etwas darüber, sind von uns von der Provenienz her untersucht worden, weil sie im Zeitraum 1938 bis 1945 erworben worden sind, und wir haben auch eine ganze Menge zurückgegeben, mehr als andere Museen. Das ist ein Aderlass, den ich dort, wo er auf richtigen Entscheidungen beruht, weil entwendetes, geraubtes oder unrechtmäßig erworbenes Gut in die Albertina gekommen ist, überhaupt nicht bedaure, ein Aderlass, der mir aber weh tut, wenn ich mir denke, dass man ihn ja noch heute oder noch vor einigen Jahren rechtmäßig hätte erwerben können, indem man etwa entsprechende Zahlungen offenen Auges an die eigentlichen rechtmäßigen Eigentümer abführt. Diese Sache ist noch nicht erledigt, das ist eine Never-Ending-Story, von der ich hoffe, dass sie in einem Jahr langsamer tröpfelt.

Das Gespräch führte Heiner Boberski am 28. Juni 2000.

ZUR PERSON Kreativer Kunstmanager Klaus Albrecht Schröder, am 15. September 1955 in Linz geboren, studierte an der Universität Wien Kunstgeschichte und Geschichte und erwarb 1983 das Doktorat mit einer Dissertation über den bis dahin wenig beachteten österreichischen Maler Richard Gerstl. Seine ersten beruflichen Stationen waren der ORF und das Kulturamt der Stadt Wien. Großes Ansehen erwarb sich Schröder, der von 1988 bis 1992 auch die Zeitschrift "Kunstpresse" herausgab, als Direktor des Kunstforums Wien (1988-2000), das heuer mit "Cezanne -Vollendet/Unvollendet" eine Rekordzahl von fast 300.000 Besuchern anlockte. Vorige Woche wurde Schröder als Leiter des Kunstforums abgelöst, doch schon seit 1. August 1999 ist er designierter und seit 1. Jänner 2000 definitiv Direktor und Geschäftsführer der Albertina in Wien, die derzeit etwa 900.000 Druckgraphiken, 40.000 Zeichnungen und 25.000 Architekturzeichnungen sowie an die 60.000 photographische Objekte besitzt.

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