Andrea Winkler beschreibt in ihrem Roman den Rückzug einer Frau und Eine Hinwendung zum Leben.

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Ungewöhnlich ist dieses Leben hier am Land. Einfach, geradezu bedürfnislos, vor allem aber glänzend still. Beneidenswert. "Vor der Barke unter der Linde aber blieb ich stehen -ein Stoß nur, und die Reise hinüber fängt an", heißt es im Motto, es sind zwei Zeilen, aus dem Roman selbst. Dann ein Traum von Josip quasi als Einstieg in eine neue Welt. Wer die Literatur der gebürtigen Oberösterreicherin Andrea Winkler kennt, weiß, dass man in ihren Texten fremden, innovativen Erfahrungen begegnet, die sich gegen herkömmliche Erwartungshaltungen sperren, sich ihnen vielleicht manchmal sogar gänzlich widersetzen. Winkler sieht in der Literatur eher ein unkonventionelles Möglichkeitsterrain für Erprobungen, die im Hinblick auf die Wahrnehmung der Realität gewissermaßen Experimentalcharakter haben: "Es geht mir darum, dass die Wirklichkeit in den Texten eher nicht geglättet werden soll." In ihrem neuen Roman "Die Frau auf meiner Schulter" beschreitet Winkler einen ähnlichen Weg. Im Mittelpunkt dieser neuen Prosa -der Plot ist grundsätzlich sekundär -steht eine Frau, ihr Name ist Martha, die sich nach Enttäuschungen und nicht näher beschriebenen persönlichen Konflikten bereits vor sieben Monaten in die völlige Einsamkeit aufs Land zurückgezogen hat. Für eine unbestimmte Zeit, vielleicht solange ihr Geld reicht, mietet sie Friedrichs Haus, der verfügt hat, es all jenen zu überlassen, "die aus der Zeit gefallen sind und dennoch in ihr bleiben".

Das Haus und der Garten mutieren gleich von Anfang an zu einer Art Genesungsraum, denn zunächst schläft Martha. Sie schläft und schläft, legt sich "in die Hängematte unter dem Kirschbaum", betrachtet "den Himmel, der schweigsam durch die Äste" bricht, macht ausgedehnte Spaziergänge, "fest entschlossen, sich unter allen Umständen an ein paar Regeln des Alltags zu halten", aber "auf jegliche Absicht zu verzichten". Dann wieder stöbert sie in Friedrichs "Schatztruhe" und taucht in eine völlig andere Welt ein, schreibt Postkarten ab und schmökert in seinen Büchern. Zunächst gibt es kein Andocken an die Welt, keine Zeitungen, nichts. Bloß ein sinnliches Aufgehen im Atem der Natur: "Ich verlasse den gespurten Waldweg, wate knietief durch den Schnee ... Alles ist doppelt in mir und will ein einziges Lied daraus singen."

Irgendwann lernt sie Menschen näher kennen, mit denen sie Freundschaft schließt, weil ihre Situation sie miteinander verbindet: Olenka, die russische Sängerin, braucht Arbeit oder muss heiraten, um im Land bleiben zu können. Als ihr Kuraufenthalt zu Ende ist, zieht sie kurzerhand bei Martha ein. Die Schauspielerin Katharina ist verzweifelt auf der Suche nach einem Engagement. Sie alle haben "nichts Besseres zu tun, als die Tage vergehen zu lassen, ohne sich durch besondere Werke in ihren Lauf zu mischen". An anderer Stelle heißt es: "Ich bin einfach nur da, das genügt."

Schweigen und Staunen

Winkler lässt die drei Frauen an diesem Punkt des Lebens ihre persönlichen Kontexte verlassen, um sich ihrer selbst wieder bewusst zu werden. In den Gesprächen miteinander positionieren sie sich neu, aber auch im selbst auferlegten Schweigen oder im Staunen über die Natur. Winkler hat dafür einen Ort gewählt, der karg ist, gleichsam "unbesetzt", wie sie betont, mit dürftiger Infrastruktur. Leerstehende Geschäftslokale, eine Kirche mit Pfarrhof, Wirtshaus und Friedhof. Hier versuchen sich die Figuren in der Reflexion ihres Lebens aus den sie lähmenden Verstrickungen der Vergangenheit zu befreien. Das gemeinsame Essen wird zu einem Ritual. Martha erbittet von einem ehemaligen Ladenbesitzer, der später selbst zur Gruppe stößt, einen Papiersessel als Leihgabe. Dieses "Kunstwerk" wird zu einem markanten Gefäß für das Extrakt ihrer Erkenntnisse. Freundschaft offenbart sich dabei auch als therapeutische Erfahrungszone.

Irgendwann wagt sich Martha langsam weiter aus dem Ort hinaus. Ihre Ausflüge sind oft mit Kommunikation verquickt, mit kuriosen Begegnungen, die ihr zufallen und "ihre Entwicklung fördern". Eine fremde Frau lädt sie ins Theater ein, ein alter Mann sagt, während er auf und ab schreitet, täglich "Namen von Menschen" auf, an die er "einmal pro Tag" denkt. Martha ist fasziniert und ergänzt seine Liste um ein paar weitere.

Winkler strukturiert den Text lose durch die Bezugnahme auf einzelne Tage, die von Träumen und Briefen unterbrochen werden. Immer wieder blitzen Werke auf, die leitmotivische Funktion erhalten: Olenka singt eine Arie aus Pergolesis "Stabat Mater", die den Übergang vom Leben zum Sterben, vom Tag zur Nacht wachruft, Sätze aus "Gullivers Reisen" und eine Sammlung von Platons Dialogen ziehen sich wie eine feine, impulsgebende Spur durch den Roman. "Es gibt aber etwas in uns, das ganz außerhalb des ewigen Kreislaufs von Werden und Vergehen steht, und das ist unsere Seele, insofern wir ihre Kraft auf das Wahre und Gute richten. Und darum sollten wir uns kümmern."

Rückzugsort als Transitraum

Die Figuren sinken in ein neues Zeitfluidum und verlieren dabei "ihre Anknüpfung", so Winkler, weshalb sie in ihren sozialen Gegebenheiten auch nicht näher verortet sind. Dieser Rückzugsort bleibt aber ein Transitraum, denn unweigerlich triften die Wege irgendwann wieder einmal auseinander und verlieren sich im Crossover des Lebens -nach einer erfahrungsreichen Zeit, die von der Sinnsuche und einer großen Hinwendung zum Leben getragen ist.

Später dringen sogar kleine Splitter aus dem politischen Alltag in den Kokon ein, der sich sanft um die Figuren gesponnen hat. Souverän zeigt Winkler in einer kontemplativen und tiefgründigen Schau der Dinge und des Kosmos, dass erst das Verrücken des Blickwinkels im Verlassen des Gewohnten offenbart, "wie alles schweben kann".

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