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Feuilleton

Angriff auf die Kontinuität

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Jetzt ist es klar: Die Schulbuchverleger haben gesiegt. Die Rechtschreibreform wird mit nur wenigen Abstrichen durchgeführt. Die Kaufleute, Manager, Umsatzstrategen waren weitaus geschickter und sehr erfolgreich gegen ihre viel zu spät erwachten Widersacher. Vor allem die Autoren, Professoren, ebenso die Massenmedien und damit die Öffentlichkeit hatten den Ernst der Angelegenheit, als alles noch zu verhindern gewesen wäre, nicht erkannt. Tatsächlich klang die Idee vor Jahren reichlich absurd: wozu eine Reform, wozu der Aufwand - das konnte doch nur der skurrile Einfall irgendwelcher Sonderlinge sein, der sich bald von selbst wieder ins Nichts auflösen würde. Da schon viele Generationen die gewohnte Rechtschreibung zu lernen imstande waren, sollte dies für kommende Kinder doch auch zu schaffen sein.

Was dabei von den normal Denkenden übersehen wurde, war die enorme Rendite, die sich aus einer solchen Umstellung ergeben mußte. Mit einem Schlag konnten Millionen Schulbücher entwertet werden, sie waren für Gegenwart und Zukunft total unbrauchbar und mußten durch neue Exemplare ersetzt werden. Natürlich druckte man diese Millionen Auflagen, und als der Protest einsetzte, standen gigantische Geldbeträge auf dem Spiel, die bereits investiert worden waren.

Wer sollte bei einer Annullierung dieses Vorhabens dafür aufkommen? Daran scheiterte der Widerruf des auf breite Empörung stoßenden Unternehmens. Die Folgen werden jedoch weit tiefer wirken, als bisher trotz aller heftiger Gegnerschaft erkannt wurde: Die gewaltigen Bestände bisher gedruckter Literatur in den öffentlichen und privaten Bibliotheken, etwa der elterlichen Wohnung, werden durch die neue Rechtschreibung den heranwachsenden Kindern entfremdet.

Man halte dies nicht für übertrieben, denn die Kluft, die sich nun zwischen den altgedruckten und neugedruckten Büchern öffnet, wird mit ablaufender Zeit immer größer. Die Distanz zwischen älterer und neuer Generation erhält von dieser neuen Rechtschreibung her einen besonderen Akzent. War das notwendig? Der kulturellen Kontinuität, die ohnedies schwer gefährdet ist, wurde ein schwerer Schlag versetzt. Jede Verharmlosung, wie sie nun oft genug zu hören ist, steht im krassen Gegensatz zur Wirklichkeit, die auf uns zukommt.