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Anklage gegen Puccini

"Madame Butterfly" an der Volksoper: ein musikalisch großer Abend, beeinträchtigt durch die Regie.

Eine Scheinehe zwischen einem amerikanischen Kurzzeit-Emigranten und einer 15-jährigen Asiatin - das ist glatte Kinderprostitution. Giacomo Puccinis "Madama Butterfly" behandelt auch noch ein zweites höchst zeitgenössisches Thema, die Oper erzählt nämlich von einem "Clash of Civilisations", bei dem westliche Ignoranz mit fatalen Folgen auf eine traditionelle Kultur prallt: auf der einen Seite der amerikanische Marineleutnant F. B. Pinkerton, ein "Mir gehört die Welt"-Typ, der nichts versteht von der Kultur des Landes, in dem er sich für kurze Zeit niederlässt, und auch nicht bereit ist, zu verstehen; auf der anderen Cio-Cio-San, die mit den Traditionen bricht, ihre Identität neu definiert und dafür von ihrer Familie verstoßen wird - doch diese Integrationsleistung wird nicht anerkannt, dem Mädchen bleibt der Eintritt in die westliche Gesellschaft verwehrt.

Von zwei Kulturen verstoßen

In Stefan Herheims Inszenierung von "Madama Butterfly" klingen diese aktuellen Bezüge nur dezent an; in Kostümen der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und ohne plumpen Antiamerikanismus (obwohl das immer wiederkehrende musikalische Motiv der US-Nationalhymne hierzu Anlass genug gäbe).

Denn wichtiger als alles andere ist Herheim eine Reflexion über Konzeption und Rezeption. Der Regisseur macht aus der Tragödie eine Anklage gegen den Komponisten, der auch in "Manon Lescaut", "La Bohème" und "Tosca" die weibliche Hauptfigur sterben lässt, und gegen das Publikum, das diese "rituellen Morde" mitvollzieht. Aus dem Fürsten Yamadori (Ernst-Dieter Suttheimer) hat Herheim die Figur Giacomo Puccini gemacht, der - mitunter verfolgt von den Erynnien Tosca, Mimi und Manon - die Handlung zumeist stumm begleitet. Am Schluss wird der Komponist von zwei Dutzend zeitgenössischen Kunstliebhabern abgelöst, die in entschlossener Erwartung des finalen Suizides harren. Weil Cio-Cio-San diesen verweigert, sind sie es, die dem schönen Schmetterling den Todesstoß versetzen - und damit auch einem der berührendsten Melodramen der Opernliteratur des 20. Jahrhunderts. Es ist zum Weinen - aber leider nicht so, wie Puccini es beabsichtigt hat. Zugegeben, Herheims Regiekonzept ist verständlich und schlüssig, doch für das Einbringen einer literaturkritischen Metaebene eignen sich andere Opern weit besser.

Todesstoß für das Melodram

Was das Musikalische anbelangt, kann man hingegen von einem wirklich großen Abend sprechen. Das liegt vor allem der herausragenden chinesischen Sopranistin Hui He, die mit ihrem dunklem Timbre und intensivem Spiel eine berührende Cio-Cio-San abgibt und bei der Premiere mit großem Jubel bedankt wurde. Die glänzende Yanyu Guo als treue Dienerin Suzuki und - mit einigen Abstrichen - Viktor Afanasenko als verantwortungsloser Pinkerton stehen ihr zur Seite.

Diese "Madama Butterfly" - gegeben wird übrigens die allererste Fassung, die bei der Uraufführung 1905 durchfiel - verfügt musikalisch über jene tiefe Emotionalität, die in der Inszenierung negiert wird. Dirigent Marc Piollet lässt das Volksopernorchester changieren zwischen trockenem Verismo und einem Schmelz, der verstehen lässt, warum Kurt Tucholsky Franz Lehár als "dem keinen Mann sein Puccini" verunglimpfte. Aber an der Volksoper darf Puccini wie Lehár klingen!

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