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Ankunft von Moderne und Monotheismus

1945 1960 1980 2000 2020

Indonesien, das Schwerpunktland der Frankfurter Buchmesse (vgl. Seite 17), steht vor großen Herausforderungen. Die indonesische Schrifstellerin und Menschrechtlerin Ayu Utamis analysiert im FURCHE-Gespräch nicht zuletzt die religiöse Situation im Inselstaat.

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Indonesien, das Schwerpunktland der Frankfurter Buchmesse (vgl. Seite 17), steht vor großen Herausforderungen. Die indonesische Schrifstellerin und Menschrechtlerin Ayu Utamis analysiert im FURCHE-Gespräch nicht zuletzt die religiöse Situation im Inselstaat.

"Ein kritischer Geist und ein spirituelles Herz gibt dir eine freie Seele", so steht es auf Ayu Utamis Website, über einem Foto der Skyline von Jakarta. Ayu Utami ist eine der führenden Intellektuellen und Schriftstellerinnen Indonesiens. Während der Militärdiktatur schloss sie sich der "Allianz kritischer Journalisten" an, die 1994 verboten wurde. Da sie als Journalistin nicht mehr arbeiten durfte, schrieb sie den Roman "Saman", der 1998 kurz vor General Suhartos Sturz erschien. Die Geschichte vom katholischen Priester, der Arbeiter in den Gummiplantagen unterstützt, dann verhaftet und gefoltert wird, ist aus der Perspektive einer Frau erzählt, die ihn liebt. Damit brach Ayu Utami ein Tabu und öffnete einer neuen Frauenliteratur den Weg, nach der Militärdiktatur. Die Menschenrechtsaktivistin, die ihr langes Haar offen trägt und eine Karriere als Model hätte machen können, war auf Einladung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien.

Die Furche: Welche Rolle haben Frauen heute in Indonesien?

Ayu Utami: Während der Militärdiktatur gab es nur eine Sichtweise, die Frau als Hausfrau. Das nannten sie Emanzipation der Frauen, oder "Pflicht der Frauen". Aber immerhin gaben sie den Frauen eine Rolle. Nach der "reformasi", in der Demokratie, gibt es sehr unterschiedliche, miteinander konkurrierende Werte, auch unter den Muslimen. Manche Gruppen sind sehr progressiv und feministisch, andere sehr konservativ und patriarchal. Leider geben die Massenmedien, vor allem das Fernsehen, den Konservativen mehr Raum.

Die Furche: In Indonesien gilt säkulares Recht, nur in der Provinz Aceh gibt es seit 2003 die Scharia. Was bedeutet das für die Frauen?

Utami: Das ist ein Jammer. Aceh ist ein Fall von konstitutioneller Desintegration. Tatsache ist, dass die Einführung der Scharia gegen die Konstitution ist. Der Status der Frauen gerade in Westsumatra und Aceh war immer sehr hoch. Die Erbfolge war matrilinear, während der Kolonialherrschaft gab es Frauen, die dagegen kämpften. Frauen hatten starke Präsenz und Einfluss in der Gesellschaft in Aceh. Die Menschen in Aceh müssen die Situation selbst ändern - bisher haben sie nichts unternommen.

Die Furche: Indonesien ist - mit 200 Millionen - nach Indien das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung, das heißt rund 100 Millionen Muslimas. Indonesiens Frauen sind sehr modebewusst, aber viele tragen Kopftuch. Warum?

Utami: Das hat ganz unterschiedliche Gründe. Während des Militärregimes war der Hidschab verboten, und dadurch wurde er zu einem Symbol des Widerstands, vor allem in den letzten Jahren der Militärdiktatur. Als sich die Demokratie durchsetzte, wurde der Hidschab Mode. Heute versuchen fundamentalistische Gruppen, durch sozialen Druck über die Schule Einfluss zu nehmen. Aber viele Frauen tragen den Hidschab, weil sie es cool finden, einfach modisch.

Die Furche: Sie selbst kommen aus einer katholischen Familie und engagieren sich für Menschenrechte. Haben Sie Schwierigkeiten?

Utami: In Indonesien herrscht Religionsfreiheit. Im Nachbarland Malaysia z. B. muss man, wenn man Malay ist, auch Muslim sein. In Indonesien wird die ethnische Zugehörigkeit nicht mit Religion verknüpft. Wenn man in Indonesien als Muslim zu einer anderen Religion konvertiert, kommt man nicht ins Gefängnis. Das Gesetz garantiert tatsächlich Religionsfreiheit. Das Problem ist die Durchführung - ich spreche hier von der Polizei. Wenn eine religiöse Minderheit angegriffen wird, schützt die Polizei die Opfer nicht. Die Polizei schützte auch uns als Menschenrechtsvertreter nicht, als wir Irshad Manji eingeladen hatten, eine pakistanische Muslima, die lesbisch ist und in Kanada lebt.

Die Furche: Viele der mehr als 300 ethnischen Gruppen in Indonesien haben ihre eigene, lokale Religion - sind die vom Staat anerkannt?

Utami: Im Personalausweis gibt es eine Spalte für Religion, die muss ausgefüllt werden. Zu Islam, Katholizismus, Protestantismus, Hinduismus, Buddhismus, die seit 1945 durch die "Pancasila" anerkannt sind, ist der Konfuzianismus als sechstes dazugekommen. Früher konnten Leute sagen, sie würden ihrem lokalen Glauben folgen. Aber wenn das Dorf von monotheistischen Fundamentalisten kontrolliert wird, will das Dorf nicht, dass man "lokaler Glaube" schreibt.

Die Furche: Der Islam in Indonesien gilt als vielfältig und tolerant. Welche Bedeutung haben die beiden Groß-Organisationen "Nahdlatul Ulama" und "Muhammadiya"?

Utami: Sie haben das Leben in Indonesien geprägt. Die Nahdlatul Ulama hat rund 40 Millionen Mitglieder, ist traditioneller, wie bei den Katholiken gibt es Heilige, sie haben den Islam inkulturiert und die islamische Lehre in der Sprache der lokalen Kulturen ausgedrückt. Die Muhammadiyah mit rund 30 Millionen Mitgliedern ist den Protestanten ähnlicher, sie sind moderner, puritanischer. Beide haben den Islam in Indonesien geformt. Anfangs haben die Anhänger der Muhammadiyah westliche Kleider getragen, die der Nahdlatul Ulama den traditionellen indonesischen Sarong. Heute sind beide Gruppen sehr gut gebildet und die Säulen des Islams. Sie können der Arabisierung in Indonesien Widerstand leisten.

Die Furche: Wieso Arabisierung?

Utami: Mit der Globalisierung kommen auch Geld und Islam-Lehrer aus den arabischen Erdöl-Staaten. Sie vermitteln das Bild von einem internationalen Islam, der in der Globalisierung mit westlichen Werten konkurriert, vor allem an junge, urbane Leute. Die neuen Medien unterstützen das, die mögen das Oberflächliche - wie in Ägypten, da gibt es berühmte Fernsehprediger, die sprechen kaum Arabisch, lesen keine Bücher und kennen sich mit Religion nicht aus. In Indonesien gibt es arabische Prediger, die veranstalten Massenevents, da kommen schon ein paar Tausend. Auch das ist eine Form der Verwestlichung. Für Indonesien liegen sowohl Europa als auch Arabien im Westen.

Die Furche: Wie beurteilen Sie die Fundamentalisten in Indonesien?

Utami: Ich mag den Ausdruck "Fundamentalist" nicht. Man soll zu den Fundamenten einer Sache gehen - das ist gut, also ist Fundamentalist kein gutes Wort. Ich spreche lieber von "Intoleranten" oder "Gewaltbereiten", manche Gruppen paradieren auch mit IS-Fahnen. Dann gibt es die "gradualists", die eine Politik der kleinen Schritte verfolgen, nicht mit Gewalt, sondern auf demokratischem Weg das System ändern wollen. Ihre Werte sind nicht Diversität, sondern Suprematismus, Vorherrschaft. Weiters gibt es die "Toleranten" - die sind aus Pragmatismus tolerant. Wenn sich die Lage ändert, laufen sie zu den Vertretern der Politik der kleinen Schritte über. Die vierten sind die "Dialogbereiten", diejenigen, die offen sind.

Die Furche: Wie könnte man den Fundamentalismus überwinden?

Utami: Das grundlegende Problem ist ein globaler Dogmatismus, der sowohl in religiöser wie säkularer Form auftritt. Indonesien war als sehr tolerante Gesellschaft bekannt. Das nationale Motto "Einheit in Verschiedenheit" basierte traditionell auf einer Art Synkretismus, und auf einer Sprache des "rasa", der Intuition und des Gefühls. Das kam aus einem Leben in Beziehungen: man bezieht sich auf andere und versucht, gemeinsam Balance und Harmonie zu finden. Aber das ist nicht die Sprache des Verstandes. Das Problem des Synkretismus und "rasa" ist, dass sich vieles widerspricht und logisch nicht konsistent ist. Das war in der Vergangenheit in Ordnung, man hat nicht gefragt, und niemanden wurde gezwungen, logisch konsistent Entscheidungen verantworten. So vermochte Indonesien eine sehr tolerante und friedliche Gesellschaft zu sein. Aber nun sind die Moderne und der Monotheismus in Indonesien angekommen. Beide, Moderne und Monotheismus, benützen die Mechanismen des Verstandes. Man muss nun seine Entscheidungen begründen. Wir müssen daher eine andere Begründung für unsere "Einheit in Verschiedenheit" finden. Auf das Funktionieren des alten, intuitivgefühlsmäßigen Denkens können wir uns nicht mehr verlassen -ich würde eine "kritische Spiritualität" vorschlagen, bei der wir offen sind für Spiritualität, aber unser kritisches Denken nicht verraten.

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