Digital In Arbeit

Apples jüngster Coup oder: Dabei sein ist alles

Apples iPad ist dieser Tage in Österreich angekommen und kann seine angesagte Revolution (zumindest aber das gute Geschäft) nun auch hierzulande weitertreiben. (Zeitungs-)Verlage erhoffen sich vom Kleincomputer einiges, Skeptiker hingegen orten einen Hype, der vor allem die Interessen von Apple bedient.

Wieder einmal Apple. Die Firma von Steve Jobs „revolutioniert“ die moderne Welt, und das zum wiederholten Male. Im Fokus: unser Konsumverhalten. Nur Apple scheint zu wissen, wie man es anstellt, Menschen dazu zu bringen, für etwas Geld auszugeben, was es zuvor schon gratis gab. Mit dem iPod brachte man Millionen Musikfans dazu, für Songs aus dem Internet Bares zu bezahlen, nachdem dieses Geschäft nach anfänglicher Musikpiraterie von Napster & Co längst verloren schien.

Dann brachte das iPhone neuen Schwung in einen bereits gesättigten Mobilfunk-Markt – und begann, Telefonie und Internet miteinander zu verschmelzen – mit jeder Menge (auch kostenpflichtiger) Anwendungen, so genannten Apps. Und jetzt soll das iPad gleich das gesamte Zeitungswesen retten, das seit Jahren unter rückläufigen Auflagen leidet. Apple, der Heilsbringer für die Medienzukunft?

Der Retter des Zeitungswesens?

Die Firma Apple hat kaum ein Produkt selbst erfunden, sondern meist vorhandene Ideen mit einer großen haptischen Ästhetik versehen und perfektioniert. iPhone- und iPod-Applikationen gab es schon vor gut zehn Jahren, als die Firma Palm mit ihren Handhelds Mini-Computer im Westentaschenformat herausbrachte und dafür bald Zehntausende Software-Programme aus dem Internet downloadbar waren – die meisten umsonst.

Palm produziert schon lange keine Handhelds mehr und stand mehrmals vor der Pleite. Dort hatte man eben nicht die Idee, einen eigenen Online-Store wie iTunes zu eröffnen, über den die Software exklusiv vertrieben wird. Apples rigorose Kontrollpolitik im Bereich der Software beschert dem Konzern fortlaufende Einnahmen. Das Motto: Ohne iTunes keine Apps. Apple macht sein Geschäft mit dem Zwang eines Monopols – und solange den Geräten dieser Firma ein „Must-Have“-Touch anhaftet, wird sich auch niemand darüber beklagen.

Das iPad führt nun fort, wofür iPhone und iPod Wegbereiter waren: Auf dem Tablet-PC (im Übrigen auch keine Apple-Erfindung) lassen sich Zeitschriften, Zeitungen und Bücher im Handtaschenformat digital konsumieren, und die Verlagsbranche wittert ob dieser Praxistauglichkeit nicht nur ihre eigene Rettung, sondern zugleich auch das Geschäft ihres Lebens. Denn wenn zukünftig Millionen Nutzer die Apps von Tageszeitungen und Magazinen im App-Store käuflich erwerben, dann erwirtschaften die Konzerne (und natürlich Apple) riesige Gewinnspannen, weil der kostenintensive Druck und Vertrieb der Printtitel wegfällt. Wer braucht da noch Papier, an dem man sich die Hände schmutzig macht?

Große Zeitungen wie die New York Times, die britische Sun oder der Sydney Morning Herald bieten bereits ihre Zeitungen als iPad-Version an und verlangen dafür zwischen 10 und 20 Dollar pro Monat. Auch hierzulande gibt es bereits iPad-Applikationen von den großen Medienhäusern (siehe Kasten).

Jedem seine individuelle Zeitung

Das iPad ruft aber auch Konzerne auf den Plan, die bisher nichts mit Verlagswesen zu tun hatten: Google stellte mit My Newspaper einen Dienst vor, der alle via Google abonnierten Nachrichtendienste im Layout einer Tageszeitung auf das iPad bringt. Das zeigt, welches Potenzial das iPad hat: Inhalte können auf die jeweiligen Interessen personalisiert werden, jeder iPad-Kunde erhält somit genau jene Infos, die ihn interessieren. Davon hat die Werbebranche schon lange geträumt.

Ebenfalls revolutionär will die App Flipboard sein: Dort werden die Inhalte sozialer Netzwerke wie Facebook oder Twitter im Zeitungslayout auf dem iPad aufbereitet, was für maximale Übersicht sorgen soll. Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger kritisiert die App wegen der Frage nach dem Urheberrecht für das ursprüngliche Material.

Wie bedrohlich ist der digitale Zeitungsboom aber nun wirklich für die gedruckte Zeitung? Oder: Welche Chance liegt darin für Medien? Juan Antonio Giner von der Londoner „Innovation International Media Consulting Group“ sieht in Geräten wie dem iPad „eine großartige Möglichkeit, mehr Leser zu gewinnen. Es entstehen neue Dramaturgien in der Mediengestaltung mit kreativen Multimediaanwendungen.“ Giner glaubt, dass die bestehenden Printtitel davon profitieren werden: „Die Leute werden durch die digitalen Versionen der Zeitungen auch zu den gedruckten Exemplaren greifen. Die Zukunft wird einen Mix der Technologien und ein Nebeneinander von Print und Digital bringen.“ Vor allem, weil die Tablet-Onlinezeitungen neue Leserschichten ansprächen, die bisher keine Zeitung lasen. „Personalisierung der Inhalte ist das große Zauberwort“, glaubt Giner. Das iPad werde diese Entwicklung zwar in Gang bringen, aber nicht das ultimative Endgerät sein. „Es gibt genügend Raum für andere Hersteller“, meint Giner. Der Tablet-PC sei dabei nur ein Schritt in die Transformation zu neuen Geräten, „bis hin zur papierähnlichen, biegsamen digitalen Zeitung“.

Ein neuer Journalismus?

Auch der Journalismus muss mit der Ankunft solcher Geräte neu gedacht werden. Tablet-PCs erlauben neue Darstellungsweisen: von der Einbindung von Fotos und Videos bis zu Verlinkungen. Das iPad erfordert eine neue journalistische Grammatik und innovative Weisen des Geschichtenerzählens. Schon werden von findigen Agenturen Weiterbildungsseminare für Journalisten in Sachen iPad angeboten.

Vorerst sind Investitionen der Verlage in iPad-Applikationen allerdings ein teurer Spaß. Denn damit sich das digitale Angebot rechnet, müssen zunächst einmal Tausende Geräte verkauft werden. Aber: Dabei sein ist alles. Und so erfordert das iPad zunächst Geduld, bevor die große Revolution ausbricht. Roland Schwärzler, Leiter von kurier.at, wo man ab August ebenfalls eine App anbieten will, bringt den Hype auf den Punkt: „Jemand, der nicht dabei ist, hat garantiert ein Imageproblem.“ Der erste Sieger heißt damit definitiv Apple. Wieder einmal.

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