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Archaische Macht des Sprengens

1945 1960 1980 2000 2020

Mit "Detonation Deutschland" begrüßt das Architekturzentrum Wien das Museumsquartier.

1945 1960 1980 2000 2020

Mit "Detonation Deutschland" begrüßt das Architekturzentrum Wien das Museumsquartier.

Detonation Deutschland", die letzte Ausstellung des Architekturzentrum Wien in den alten Räumen, kommentiert die Eröffnungseuphorie im Museumsquartier. Aus rund tausend deutschen Sprengungen von 1945 bis heute haben die Künstler Julian Rosefeldt und Piero Steinle einen repräsentativen Querschnitt filmischer Dokumente ausgesucht: "Die Detonationen zeigen sich als Teil eines historischen Prozesses. Sie stehen als Metaphern für Vergänglichkeit von Systemen, Ideologien, Machtstrukturen und ihren Statussymbolen."

Auf sieben Projektionsflächen kommt die destruktiv archaische Macht des Sprengens dem Zuseher sehr nahe. Ein Spiegel und der unter den tiefen Originaltönen vibrierende Boden verstärken den mächtigen Eindruck. Im beruhigenden Wissen, dass man unter den tonnenschweren Türme, Brücken, Industrieanlagen nicht begraben werden kann, darf man sich dem übermächtigen Gefühl kalkulierter Zerstörung hingeben. Gesprengt wird nicht nur desolate Bausubstanz, auch unliebsame Erinnerung wird mit der Vernichtung steinerner Zeugen ausgelöscht. Die eindrucksvolle Zerstörung des überdimensionalen Hakenkreuzes auf dem Nürnberger Reichstag eröffnet den destruktiv-aufschlussreichen Weg durch die deutsche Geschichte. "Die Kuppe des Reichstags muss sich endlich erweichen", ist aus dem Off zu hören.

Waren es nach dem Krieg die Bauten des Nationalsozialismus, wurden in den siebziger Jahre alte, damals als unnütz und hässlich bewertete, Industrieanlagen Opfer der Zerstörungswut. Riesige Gasometer brechen in der Mitte, Rauch entweicht, in kaum einer Minute bleiben von den eindrucksvollen Gebäuden nur noch Schutthaufen übrig. Fabriken, Brücken, Wohnanlagen: nach einem leichten Vibrieren brechen sie ein wie Kartenhäuser, sacken in sich zusammen oder gleiten elegant in einem Stück zu Boden. Nicht nur ideologische Zerstörungswut, auch Sprengstile werden hier dokumentiert. Voyeur im sicheren Zentrum von so viel destruktiver Macht zu sein hat jedenfalls Suchtcharakter.

Bis 3. September

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