Architekten mit Pioniergeist

Das Architekturzentrum Wien widmet eine aktuelle Ausstellung den „x projekten der arbeitsgruppe 4“, die sich 1950 gründete. Schon die erste Realisierung der arbeitsgruppe 4, die Kirche in Salzburg-Parsch, war ein Schlüsselwerk modernen Sakralbaus.

Die Rezeption der österreichischen Nachkriegsarchitektur kennt zwei Pole: die moderate Moderne eines Erich Boltenstern, die mit dem Wiederaufbau der Staatsoper ihre höheren Weihen erhielt, und das Austrian Phenomenon. Diese rebellische, vom Rock ’n’ Roll dynamisierte Bewegung manifestierte sich in den frühen 60ern in den utopischen Projekten des jüngst verunglückten Raimund Abraham, von Domenig/Huth, Coop Himmelblau, Hans Hollein, Missing Link, Zünd up und anderen.

Es gab aber auch die arbeitsgruppe 4, in deren Haltung sich Geschichtsbewusstsein mit Pioniergeist paarte. Das Architekturzentrum Wien widmet ihr nun eine längst fällige Schau, die von Sonja Pisarik und Ute Waditschatka sorgfältig kuratiert wurde. Wilhelm Holzbauer, Friedrich Kurrent und Otto Leitner waren Absolventen der berüchtigt strengen Salzburger Gewerbeschule, wo schon der ältere Johannes Spalt maturiert hatte. In der Meisterklasse von Clemens Holzmeister an der Wiener Akademie der bildenden Künste trafen sie einander wieder. 1950 bildeten sie die arbeitsgruppe 4, um so leichter an Wettbewerben teilnehmen zu können.

Atelier als Szene-Treffpunkt

Nach dem Studium wurde 1952 das Atelier in der Fuhrmanngasse 4 bezogen, wo viele Feste und die legendären Lesungen der „Wiener Gruppe“ stattfanden. Die arbeitsgruppe 4 konzipierte wegweisende Projekte und Ausstellungen – u. a. zur klassischen Moderne, zu den Pionierleistungen von Konrad Wachsmann und eigenen Arbeiten – und publizierte viel. Ein früher programmatischer Text zur Weiterentwicklung von Schulen erschien in der FURCHE. 1953 verließ Otto Leitner die Gruppe, was zum Spitznamen „Dreiviertler“ führte.

Das Atelier als Ort diskursiver Teamarbeit und Szene-Treffpunkt spielt auch in der Gestaltung der Schau durch Margot Fürtsch und Siegfried Loos vom Architekturbüro polar÷ eine tragende Rolle. Ein Foto von Franz Hubmann an der Stirnseite zeigt die kreative Boygroup der Avantgarde der 50er. Am anderen Ende der Halle hängen Plakate, dazwischen spannen sich auf einem 25 Meter langen, vier Meter breiten Ateliertisch, der drei Viertel der Fläche einnimmt, Pläne, Fotos, Skizzen und Modelle aus zwanzig Jahren auf. Sie lassen sich in chronologischer Reihenfolge abschreiten und machen so die Entwicklung der Gruppe nachvollziehbar. Die Wachsmann-Seminare in Salzburg brachten einen Schub zum Modularen, das Spektrum der Projekte reicht von der Flakturm-Überbauung, über Kirchen, die Erfindung der Wohnraumschulen, Theater, Einfamilienhäuser bis zur Gestaltung des Café Espresso. Wie es dazu kam, erzählen die drei Professoren auf den Videos am Ende des Tisches.

Als die Pfarre Parsch in einem Bauernhof eine Kapelle einrichten wollte, gab Clemens Holzmeister 1953 den kleinen Auftrag an seine Schüler weiter. Die entwarfen gleich eine ganze Kirche, die das Zweite Vatikanum vorwegnahm und zu einem Schlüsselwerk modernen Sakralbaus wurde. Der helle, hohe, offene Dachstuhl, durch den von oben Licht auf den freistehenden Altar fällt und die niederen, alten Gewölbe bilden ein kontrastreiches Ganzes, das einer sinnstiftenden Lichtregie folgt. „Hier wurde ein architektonischer Weg beschritten, der das Neue im Dialog mit dem Alten formuliert und beides gewissermaßen im Gegensatz vereint“, so Friedrich Achleitner.

Mit Johann Georg Gsteu realisierten sie später die Kirche in Steyr-Ennsleiten mit den charakteristischen X-Stützen, die sich durch die Ablesbarkeit ihrer Konstruktion auszeichnet. Diese Thematik wird bei der 1960 gebauten Ausstellungs- und Lagerhalle für Otto Anders in Innsbruck mit Profilitglas, X-Stützen und Stahlbetondach noch zugespitzt. Als das Kolleg St. Josef in Aigen, ein ausgereiftes Meisterwerk, 1964 fertig wurde, ging auch Wilhelm Holzbauer eigene Wege, nach dem Um- und Neubau der Z-Filiale in Floridsdorf (1970–74) löste sich die Gruppe auf.

Umfassender Kulturbegriff

„Die a4 formulierten einen umfassenden Kulturbegriff, der von der Erforschung ruraler Traditionen des Bauens bis zu deren Einbindung in sowohl klassisch- wie neo-moderne und avantgardistische Konzeptionen reichte. Mit ihren baulichen, konzeptionellen und propagandistischen Aktivitäten wurden sie zum Leitstern dieser Zeit“, so Dietmar Steiner im exzellenten Katalog.

x projekte der arbeitsgruppe 4

Holzbauer, Kurrent, Spalt (1950–1970) AzW, Museumsplatz 1, 1070 Wien

bis 31. Mai 2010, täglich 10–19 Uhr

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