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Feuilleton

Architektur zur Rettung der Welt

1945 1960 1980 2000 2020

Sorgetragender, ressourcenschonender und achtsamer Umgang mit Mensch und Erde: 21 Projekte für das 21. Jahrhundert zeigt die Ausstellung „Critical Care. Architektur für einen Planeten in der Krise“ derzeit in Wien.

1945 1960 1980 2000 2020

Sorgetragender, ressourcenschonender und achtsamer Umgang mit Mensch und Erde: 21 Projekte für das 21. Jahrhundert zeigt die Ausstellung „Critical Care. Architektur für einen Planeten in der Krise“ derzeit in Wien.

Gletscher schmelzen, Hochwasser-, Unwetter- und Dürrekatastrophen mehren sich, viele Arten sterben aus. Kurz: Unser Planet ist in der Krise. Wie wir bauen, hat daran einen wesentlichen Anteil. Elke Krasny und Angelika Fitz, die Kuratorinnen der Ausstellung „Critical Care. Architektur für einen Planeten in der Krise“ suchen bewusst nach Lösungsansätzen in Architektur und Urbanismus, die auf einer Haltung des Sorgetragens beruhen. Dieser Ausgangspunkt führt zu anderen Fragestellungen, Prozessen, Vorgangsweisen und erhöht die Zahl der Akteure und Akteurinnen eklatant. Krasny und Fitz sind überzeugt, dass ein sorgetragender Ansatz in Architektur und Urbanismus, der interdisziplinär und umfassend auch den Ressourcenverbrauch mitbedenkt und soziale Verantwortung wahrnimmt, die Situation für Erde und Mensch nachhaltig verbessern kann.

Sie wählten 21 Projekte für das 21. Jahrhundert aus Asien, Afrika, Europa, dem Nahen Osten, der Karibik, den USA und Lateinamerika aus, die verschiedene Aspekte dieser sorgenden, traditionell weiblichen Grundhaltung aufzeigen. Diese zeichnen sich auch durch neue Themenfelder, Beteiligungen und Allianzen aus. „Architekten können diese Aufgaben nicht allein bewältigen. Es gibt neue Mitspieler auf dem Feld: Stadtverwaltungen, NGOs, die Zivilgesellschaft, internationale Organisationen, diverse Wissenschaften“, so Krasny. „Die große Krise des Planeten ist eine komplexe Herausforderung. Sie erfordert ein Netzwerk von Akteuren. Es geht nicht um Stil oder Typologie, sondern auch um die Lebensführung auf diesem Planeten.“ the next ENTERprise Architects gestalteten die Ausstellung mit Hängetafeln, Displays und Möbeln aus Wellpappe, in die Fotos, Modelle, Videofilme und Texte integriert sind, sehr stimmig. Sie ist übersichtlich, luftig und in verschiedene Kapitel geteilt, die Grafik stammt von Alexander Schuh. Die Kartonhocker, auf denen man sich Videos ansehen kann, sind erstaunlich bequem.

Wasser, Grund und Boden

Den Anfang macht das Sorgetragen für Wasser, Grund und Boden. Hier ist ein Projekt aus San Juan in Puerto Rico besonders bemerkenswert. Dort entwickelten sich entlang des Martin-Peña-Gezeitenkanals über Jahrzehnte informelle Siedlungen, die auf acht Gemeinden mit 25.000 Bewohnern und Bewohnerinnen angewachsen waren. Diese sahen sich im 21. Jahrhundert mit zwei existenzbedrohenden Gefahren konfrontiert: Einerseits stellte der Kanal, in den etwa 3000 Gebäude ihre ungefilterten Abwässer leiteten, ein starkes Gesundheitsrisiko dar, andererseits machte das Wachstum des benachbarten Finanzdistrikts die Gegend für Investoren interessant.

Dass der Kanal zum Mündungstrichter von San Juan und daher in die Zuständigkeit der US-amerikanischen Umweltschutzbehörde fiel, vereinfachte die Sache nicht, war aber eine Chance: Denn sie hatte den Kanal ökologisch zu sanieren. Im Jahr 2002 setzten die Corporación del Proyecto ENLACE del Caño Martin Peña und die G-8 Grupo de las Ocho Comunidades Aledañas al Caño Martin Peña, eine Basisbewegung aus der Bewohnerschaft, einen partizipativen Prozess mit 700 Versammlungen und Workshops in Gang. 2004 gründeten sie eine Treuhandgesellschaft, der das Land schließlich nach langen Bemühungen 2009 übertragen wurde. Es war also dem Zugriff von Investoren entzogen und zugleich legalisiert: Die Mangrovenfeuchtgebiete wurden ökologisch wiederhergestellt, Landrechte für die informelle Siedlung gesichert, im Jahr 2014 begann man, die Flächennutzungsrechte an die Bewohner zu übergeben. „Wir verstehen die Projekte, die wir zeigen, als prototypisch“, so Krasny. Für unzählige Slums und wilde Siedlungen in aller Welt könnte dieses Beispiel sehr wichtig sein.

Reparatur

Das zweite Kapitel widmet sich dem Sorgetragen für die Reparatur: Dazu zählt auch das Erbe der Nachkriegsmoderne, die sich in den 1960er und 1970ern wesentlich durch die schiere Größe ihrer Bauten definierte. Voll Glauben und Begeisterung für Fortschritt und Modernisierung zog man damals Megastrukturen aus Betonfertigteilen hoch, um effizient kostengünstigen Wohnraum zu schaffen. Diese Gebäude sind heute haus- und schalltechnisch Sanierungsfälle, oft aber auch zu ungeliebten, sozialen Brennpunkten geworden. Daher reißt man sie oft ab.

Die französischen Architekten Lacaton & Vassal traten gemeinsam mit Frédéric Druot und Christophe Hutin den Beweis an, wie man sie erfolgreich retten kann. Sie entfernten die existierenden Fenster der Cité du Grand Parc, ein Plattenbau aus den 1960ern in Bordeaux, ersetzten sie durch eine thermisch wirksame, raumhohe Glasfassade und schalteten dieser eine Zone mit einem 2,80 Meter tiefen Wintergarten mit einem zusätzlichen Balkonstreifen von einem Meter Breite vor. Auf einmal hatten 530 Wohneinheiten einen hellen, luxuriös anmutenden Extra-Raum mit wunderbarer Aussicht über Bordeaux, dazu noch einen Balkon. Ein Video zeigt, wie Menschen diese neuen individuellen Räume für sich gestalteten: in einem wachsen sogar Kumquat und Zitronenbäume. „Vorher waren wir eingeschlossen, nun habe ich sehr viele Dinge in meinem Sonnenzimmer“, sagt eine ältere Bewohnerin. „Ich mag meinen Balkon lieber als die Wohnung.“

Gletscher schmelzen, Hochwasser-, Unwetter- und Dürrekatastrophen mehren sich, viele Arten sterben aus. Kurz: Unser Planet ist in der Krise. Wie wir bauen, hat daran einen wesentlichen Anteil. Elke Krasny und Angelika Fitz, die Kuratorinnen der Ausstellung „Critical Care. Architektur für einen Planeten in der Krise“ suchen bewusst nach Lösungsansätzen in Architektur und Urbanismus, die auf einer Haltung des Sorgetragens beruhen. Dieser Ausgangspunkt führt zu anderen Fragestellungen, Prozessen, Vorgangsweisen und erhöht die Zahl der Akteure und Akteurinnen eklatant. Krasny und Fitz sind überzeugt, dass ein sorgetragender Ansatz in Architektur und Urbanismus, der interdisziplinär und umfassend auch den Ressourcenverbrauch mitbedenkt und soziale Verantwortung wahrnimmt, die Situation für Erde und Mensch nachhaltig verbessern kann.

Sie wählten 21 Projekte für das 21. Jahrhundert aus Asien, Afrika, Europa, dem Nahen Osten, der Karibik, den USA und Lateinamerika aus, die verschiedene Aspekte dieser sorgenden, traditionell weiblichen Grundhaltung aufzeigen. Diese zeichnen sich auch durch neue Themenfelder, Beteiligungen und Allianzen aus. „Architekten können diese Aufgaben nicht allein bewältigen. Es gibt neue Mitspieler auf dem Feld: Stadtverwaltungen, NGOs, die Zivilgesellschaft, internationale Organisationen, diverse Wissenschaften“, so Krasny. „Die große Krise des Planeten ist eine komplexe Herausforderung. Sie erfordert ein Netzwerk von Akteuren. Es geht nicht um Stil oder Typologie, sondern auch um die Lebensführung auf diesem Planeten.“ the next ENTERprise Architects gestalteten die Ausstellung mit Hängetafeln, Displays und Möbeln aus Wellpappe, in die Fotos, Modelle, Videofilme und Texte integriert sind, sehr stimmig. Sie ist übersichtlich, luftig und in verschiedene Kapitel geteilt, die Grafik stammt von Alexander Schuh. Die Kartonhocker, auf denen man sich Videos ansehen kann, sind erstaunlich bequem.

Wasser, Grund und Boden

Den Anfang macht das Sorgetragen für Wasser, Grund und Boden. Hier ist ein Projekt aus San Juan in Puerto Rico besonders bemerkenswert. Dort entwickelten sich entlang des Martin-Peña-Gezeitenkanals über Jahrzehnte informelle Siedlungen, die auf acht Gemeinden mit 25.000 Bewohnern und Bewohnerinnen angewachsen waren. Diese sahen sich im 21. Jahrhundert mit zwei existenzbedrohenden Gefahren konfrontiert: Einerseits stellte der Kanal, in den etwa 3000 Gebäude ihre ungefilterten Abwässer leiteten, ein starkes Gesundheitsrisiko dar, andererseits machte das Wachstum des benachbarten Finanzdistrikts die Gegend für Investoren interessant.

Dass der Kanal zum Mündungstrichter von San Juan und daher in die Zuständigkeit der US-amerikanischen Umweltschutzbehörde fiel, vereinfachte die Sache nicht, war aber eine Chance: Denn sie hatte den Kanal ökologisch zu sanieren. Im Jahr 2002 setzten die Corporación del Proyecto ENLACE del Caño Martin Peña und die G-8 Grupo de las Ocho Comunidades Aledañas al Caño Martin Peña, eine Basisbewegung aus der Bewohnerschaft, einen partizipativen Prozess mit 700 Versammlungen und Workshops in Gang. 2004 gründeten sie eine Treuhandgesellschaft, der das Land schließlich nach langen Bemühungen 2009 übertragen wurde. Es war also dem Zugriff von Investoren entzogen und zugleich legalisiert: Die Mangrovenfeuchtgebiete wurden ökologisch wiederhergestellt, Landrechte für die informelle Siedlung gesichert, im Jahr 2014 begann man, die Flächennutzungsrechte an die Bewohner zu übergeben. „Wir verstehen die Projekte, die wir zeigen, als prototypisch“, so Krasny. Für unzählige Slums und wilde Siedlungen in aller Welt könnte dieses Beispiel sehr wichtig sein.

Reparatur

Das zweite Kapitel widmet sich dem Sorgetragen für die Reparatur: Dazu zählt auch das Erbe der Nachkriegsmoderne, die sich in den 1960er und 1970ern wesentlich durch die schiere Größe ihrer Bauten definierte. Voll Glauben und Begeisterung für Fortschritt und Modernisierung zog man damals Megastrukturen aus Betonfertigteilen hoch, um effizient kostengünstigen Wohnraum zu schaffen. Diese Gebäude sind heute haus- und schalltechnisch Sanierungsfälle, oft aber auch zu ungeliebten, sozialen Brennpunkten geworden. Daher reißt man sie oft ab.

Die französischen Architekten Lacaton & Vassal traten gemeinsam mit Frédéric Druot und Christophe Hutin den Beweis an, wie man sie erfolgreich retten kann. Sie entfernten die existierenden Fenster der Cité du Grand Parc, ein Plattenbau aus den 1960ern in Bordeaux, ersetzten sie durch eine thermisch wirksame, raumhohe Glasfassade und schalteten dieser eine Zone mit einem 2,80 Meter tiefen Wintergarten mit einem zusätzlichen Balkonstreifen von einem Meter Breite vor. Auf einmal hatten 530 Wohneinheiten einen hellen, luxuriös anmutenden Extra-Raum mit wunderbarer Aussicht über Bordeaux, dazu noch einen Balkon. Ein Video zeigt, wie Menschen diese neuen individuellen Räume für sich gestalteten: in einem wachsen sogar Kumquat und Zitronenbäume. „Vorher waren wir eingeschlossen, nun habe ich sehr viele Dinge in meinem Sonnenzimmer“, sagt eine ältere Bewohnerin. „Ich mag meinen Balkon lieber als die Wohnung.“

Es geht nicht um Stil oder Typologie, sondern auch um die Lebensführung auf diesem Planeten.

Elke Krasny

Sehr innovativ gingen auch die belgischen Architekten de vylder vinck taillieu mit einem der letzten alten, schon halb abgerissenen, teils dachlosen Klinikgebäude der Psychiatrie im belgischen Melle um. Das bereits ruinöse historische Haupthaus im Park, das heutigen Anfordernissen nicht mehr genügte, wurde bewusst partiell weiter ausgehöhlt, sodass hohe, von mehrgeschoßigen Mauern umhauste, sehr großzügige Lufträume entstanden. Ihre Idee war, das Haus in einen öffentlichen Platz zu verwandeln. Der Boden des Parks wurde weiter gezogen, ein Baum gepflanzt, Laternen und kleine Glashäuser in die alte Haushülle gestellt. Dort kann man witterungsgeschützt sitzen und sich unterhalten. Auch eine neue Terrasse gibt es nun. Dieses Haus mit seinen inneren Gärten, Höfen, Vogelnestern, Bänken und dem Hof, in dem man Boccia spielen kann, gibt Menschen den Freiraum, sich anders zu verhalten als in der modernen, sehr funktionalen Klinik. Er wird überaus geschätzt.

Die Architektin Yasmeen Lari ist eine charismatische Frau: Sie war die erste Architektin in Pakistan und hatte in den 1960er und 1970ern moderne Hotelkomplexe und Unternehmenszentralen im internationalen Stil gebaut. Sie hatte sich aber auch mit Denkmalpflege beschäftigt und kannte daher traditionelle Bautechniken. Um diese zu erhalten, gründete sie die Heritage Foundation of Pakis tan, die die alten Fertigkeiten im Lehm- und Bambusbau wieder lehrt und vermittelt. Lari bildet besonders Frauen zu sogenannten „Barfußunternehmer*innen“ aus, die ihr Wissen im Schneeballsystem weitergeben.

Im Kampf gegen die Verheerung durch Überschwemmungen setzt Lari nun auf intelligente Planung und die Mobilisierung der Menschen. Sie plante Projekte, die von den Menschen selbst in ihrer Tradition errichtet, wieder aufgebaut und repariert werden können. Vor allem aber entwarf sie auch erhöhte Gebäude aus Bambus für die Gemeinschaft, in denen im Fall einer Überschwemmung die wichtigsten Besitztümer, Vorräte, Arzneien, Tiere und die Menschen selbst in Sicherheit gebracht werden können. Seit vielen Jahren arbeitet die Architektin Anna Heringer in Bangladesh, wo sie gemeinsam mit Eike Roswag für die Hilfsorganisation Dipshika in Rudrapur die wunderschöne METI School aus Lehm und Bambus geplant und errichtet hat.

Später folgte das DESI Trainings center. Um Frauen davor zu bewahren, aus dem Dorf in einen Slum in der Stadt ziehen zu müssen, um dort von der Textil industrie ausgebeutet zu werden, dachten sich das Studio Anna Heringer und die Schneidermeisterin Veronika Lang ein besonderes Projekt aus. „This is not a shirt“ ermöglicht es den Frauen, in ihrem Dorf zu bleiben und dort ein traditionelles Kleidungsstück für den westlichen Markt umzuarbeiten. Jedes Jahr bekommt eine Frau in Bangladesh einen Sari, ein Mann erhält einen Lungi. Sind diese abgetragen, werden sie zu mehrlagigen Decken verarbeitet. Auch diese nutzen sich ab, was interessante, vielschichtige Strukturen erzeugt. Diese werden nun zu Shirts vernäht. Bei der Ausstellungseröffnung trug Angelika Fitz so ein Shirt aus Rudrapur, von denen einige auch im AzW-Shop zu begutachten und zu erwerben sind. Die Architektur des Sorgetragens hat viele Gesichter.