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Albertina und Albrechtsrampe

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Im Bereiche des Wiener Stadtkerns gehört neben der Neuregelung des Stephansplatzes und neben der seit Jahrzehnten studierten räumlichen Fassung des Karlsplatzes kaum einem anderen Gestaltungsproblem ein so allgemeines Interesse, als dem Wiederaufbau der kriegszerstörten Albrechtsrampe und des sie überragenden Palastkomplexes, dem die berühmte Sammlung der graphischen Künste ihren Namen Albertina verliehen hat.

Zu welchen grundlegenden Entschlüssen während nahezu einjährigen Überlegungen und auf Grund zahlreicher Vorentwürfe die kollegial arbeitenden Behörden, und zwar das bauleitende Bundesministerium für Handel und Wiederaufbau, das Bundesdenkmalamt und andere Dienststellen des Bundesministeriums für Unterricht, das Wiener Stadtbauamt, die Burghauptmannschaft und führende Vertreter der freischaffenden Architekten, hinsichtlich der Neugestaltung der sogenannten Albrechtsrampe gelangt sind, darüber ist bereits einmal ausführlich Mitteilung gemacht wotden. Es galt dabei, den berechtigten Wünschen der Wiener Stadtverwaltung nach Flachstredcung der Verkehrslinie in die Einfahrt zur AugustinerStraße durch Entfernung der dortigen Rampenauffahrt Rechnung zu tragen, und andererseits diesen Eingriff doch so zu gestalten, daß der Gesamteindruck des altgewohnten Erinnerungsbildes nicht allzusehr beeinträchtigt werde. Es wird anstatt der Rampe eine wesentlich verkürzte Freitreppe erbaut werden. Die hier beigegebenen zwei schematischen Darstellungen des früheren und des neu zu schaffenden Bildes geben einen ungefähren Aufschluß über die Neugestaltung auf der Seite der Augustinerstraße. Vom Mozartplatz und vom Burggarten aus gesehen, wird dagegen weder der Wiederaufbau der vorgelagerten Bastion mit dem Reiterdenkmal noch jener der Albertina selbst irgendwelche wesentliche Abänderungen des alten Gesamteindrucks zur Folge haben. Es soll auch das dreiteilige figurale Mittelstück des Donaubrunnens, dessen künstlerische Wertung zwar durchaus verschiedenen Meinungen begegnet, dem alten Erinnerungsbild zuliebe erhalten bleiben. Doch werden einige der flankierenden Flußgottheiten beiderseits dieser Mittelgruppe nach Abtragung der im Steinverbande stark ramponierten Mauernischen ihre alten Stammplätze räumen, um vielleicht anderwärts in Wien ihre Wiederauferstehung zu feiern. Die Architekten Prof. Dr. Engelhart und O. Nobis haben ausgezeichnete Entwürfe verfaßt, (Jie eine ansprechende architektonische Gliederung der Bastionswandungen und der anschließenden neuen Freitreppe Vorschlägen.

Das Gebot einer vorausdenkenden Verkehrsvorsorge hat eine bauliche Neugestaltung zur Folge, die ebenso vom künstlerischen wie vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt aus beachtliche Vorteile gegenüber dem früheren Bestand in sich schließt. Die neue Freitreppe ist weit abgerückt vom Engpaß zur Augustinerstraße, deren Einfahrt durch Streckung der früher stark s-förmigen Verkehrslinie weithin freie Sicht erhält und deren Ausfahrt dann den Blick auf die Staatsoper freigibt, der bisher durch die unschöne Rampenauffahrt verstellt war. Die Freitreppe selbst wird als Baukörper einen wesentlich monumentaleren und architektonisch charaktervolleren Eindruck hinterlassen, als dies die lange Schräge der früheren Rampe zu tun vermochte. Es entfallen die anderwärts unterzubringenden Verkaufsläden, deren wenig reizvolle Portalbauten die baukünstlerische Harmonie des Bildes doch sehr störten. Die ruhige, pilastergegliederte Front der Bastion, wird lediglich durch ein bescheidenes Eintrittsgewölbe zum Agustinerkeiler durchbrochen werden. Denn auch dieser Keller soll als ein von manchen Volkskreisen geschätztes Stückchen Alt-Wien in anderer Form und natürlich abseits jeder inneren Verbindung mit der eigentlichen Albertina den Mühseligen als Labspender und dem Fiskus als Pächter erhalten bleiben. Eine wertvolle Neuerung bedeutet aber vor allem die durch die Rampenentfernung geschaffene Möglichkeit, der Sammlung Albertina, die trotz ihrer kulturellen Bedeutung wegen ihres bisher versteckt gelegenen Einganges auf der Anhöhe der Allgemeinheit zuwenig nahegebracht war, endlich ein klar ersichtliches Hauptportal im Straßenniveau zu eröffnen. Die Abbildung zeigt, wie diese Lösung auch in formaler Hinsicht zu einer belebenden Gliederung der langgestreckten Seitenfront des Bauwerkes führt. Wenn auch das alte, auf der Bastionshöhe gelegene Eingangstor an der schmalen Stirnfront des Gebäudes aus Gründen der Personalersparnis künftighin vielleicht gesperrt wäre, so verbleibt immerhin noch das zweite, hochgelegene Portal um das Eck herum gegen den Burggarten zu erhalten. Dieser zweite Eingang ist für Fahrzeuge über die doppelspurige Rampe in der Hanuschgasse und für Fußgänger auch über die neue Freitreppe erreichbar, die dadurch ihre funktionelle Existenzberechtigung erweitert. Wer aber zuwenig Zeit dazu hat, über Rampen und Serpentinen abseits liegende Einlässe auf stimmungsvollen Umwegen aufzusuchen, der benützt in Zukunft das einladende Hauptportal im Straßenniveau, um über eine neue Hauptstiege oder, noch schneller, mit den dortigen Lifts das Ausstellunggeschoß’ zu erreichen. Ein weiterer Vorteil der Neugestaltung liegt in der Freilegung zusätzlicher Fensteröffnungen des Gebäudes, die bisher durch die Augustinerrampe verbaut wären. Ein allzu betontes Emporwächsen aber der nunmehr freigelegten Seitenfront wird in bewußter Weise gebändigt durch eine lagerhafte und in die vorgeschobene Bastion überleitende Architektur der beiden Sockelgeschosse des Monumentalbaues. — So haben ernste und gewissenhafte Studien, wie man hoffen darf, dazu geführt, Kriegszerstörungen und zeitgemäße Verkehrsnotwendigkeiten zum Anlaß baulicher Neugestaltungen zu nehmen, die nicht nur in ökonomischer, sondern auch in formaler Hinsicht das zweckmäßigste und beste aus der Situation herausgeholt haben, ohne ein historisches Stadtbild allzu weitgehend zu opfern. Im Gegenteil, die Bau- künstler von heute haben mit ihren architektonischen Entwürfen gleichzeitig der Pietät vor der Tradition wie auch den Erfordernissen des Fortschritts Rechnung getragen, ohne deshalb Anspruch auf eine göttliche Unfehlbarkeit zu erheben, die keinem Sterblichen und deshalb auch nicht den Baukünstlern von Anno dazumal verliehen ward.

Inwieweit die schwere Zerstörung des Albertinagebäudes selbst den Anlaß zu zweckgebotenen Umbauten im Innern der Sammlung führen wird, läßt sich heute abschließend noch nicht berichten. Es liegt nahe, den aus drei verschiedenen Einzelobjekten mit drei getrennten Einzelstiegenhäusern schrittweise entstandenen Gesamtkomplex der heutigen Albertina beim gegebenen Anlaß zu einer großen Einheit zusammenzufassen und dem Monumentalbau endlich eine dominierende zentrale Stiegenanlage im Anschluß an das neue Hauptportal zu geben. Die Übersichtlichkeit der grundrißlichen Anlage und ihrer inneren Verkehrswege ließe sich dadurch, wie plan- liche Studien ergeben haben, mit einigen Umlegungen sehr wohl steigern, ja eigentlich erst schaffen. Allerdings müßten solcher Großzügigkeit drei kleinere histo- ri sehe Räume weichen, deren Opferung verständlichen Bedenken denkmalpflegerischer Kreise begegnet. Die Baumeister der Gegenwart dagegen erachten dieses Opfer für bescheiden angesichts der Vorzüge einer jedem Ausstellungsbesucher klaren Raumdisposition. Hier wird in aller Ruhe noch manches zu überlegen sein, um mehr gefühlsmäßige Ressentiments mit Erwägungen des Verstandes auf einen Nenner zu einigen. Vielleicht kann demnächst einmal, so wie heute, die bildliche Gegenüberstellung des alten, sehr verwinkelten und eines neu geplanten, freier atmenden Grundrisses zum Verständnis der Öffentlichkeit für das interessante Bauproblembeitragen. Die Baustofflage und die finan- 2ielle Beengtheit sorgen inzwischen dafür, daß keinerlei übereilte Entschlüsse zur Durchführung gelangen. — Die verantwortlichen staatlichen Baubehörden in Österreich werden wirkliches Kulturgut ihres Heimatlandes mit eifersüchtiger Liebe hüten, ohne deshalb in ihrem Bereiche jede Zukunft nur als Spiegelbild der Vergangenheit gestalten zu wollen. Was da im Einzelfalle der Albertina und ihnes inneren Aufbaues zu geschehen hat, das muß natürlich im Interesse der großen Allgemeinheit geschehen, der wir zu dienen haben — es muß vorausschauend geplant sein und neues Leben aus den Ruinen erblühen lassen.

Im Zusammenhänge mit der Verbesserung v’on Verkehrsengen in der Augustinerstraße geht bereits der neue Laubengang durch die Stallburg seiner baulichen Vollendung entgegen. Er wird in allernächster Zeit schon eine breite Fußgängerpassage mit Ausstellungsvitrinen unserer Staatsoper aufnehmen und den Schwibbogen zwischen Josefs- und Michaelerplatz völlig freigeben für einen flüssigen Verkehr mit Fahrzeugen. Und wenn schließlich noch das bedrohliche Eck dort, wo die Nationalbibliothek vor der Augustinerkirche die Straße abwürgt, gleichfalls durch Verlegung des Gehsteiges in eine kurze Innenpassage etwas Luft bekommen wird, dann ist mit den bescheidenen Mitteln einer wirtschaftlich beengten Zeit und mit behutsamen architektonischen Lösungen, die nicht ohne Reiz sind, zum Kapitel Aufbau wieder etwas geschehen, was auch als Fortschritt gelten kann.

1 Die „Furche” vom 13. Dezember 1947.

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