Fischerauer - © Foto: APA / Gerald Mackinger

Das Leiner-Haus: Filetierte Geschichte

1945 1960 1980 2000 2020

Das ehemalige Leiner-Haus auf der Mariahilfer Straße weicht einem künftigen Warenhaus der Superlative mit dem Arbeitstitel KaDeWe Wien. Anlass, die Geschichte des Traditionshauses aufzurollen.

1945 1960 1980 2000 2020

Das ehemalige Leiner-Haus auf der Mariahilfer Straße weicht einem künftigen Warenhaus der Superlative mit dem Arbeitstitel KaDeWe Wien. Anlass, die Geschichte des Traditionshauses aufzurollen.

Vier Laufmeter Jugendstilgeländer, etwa 103 Zentimeter hoch, inklusive Messingeinsätzen: 40 Euro betrug der Rufpreis dafür auf der Auktionsplattform aurena.at. Ab plus/minus zehn Euro pro Laufmeter war man dabei, bei der Ersteigerung eines Stücks Wiener Baukulturgeschichte. Wie viel ist sie uns wert? Der Preis variierte leicht. 5,5 Laufmeter ab 60 Euro, 67 Laufmeter ab 650 Euro. Einen Tag vor Versteigerungsende, am Nachmittag des 4. Mai, lag das Höchstgebot für einen Laufmeter bei 1300 Euro, das filetierte Stück Jugendstil war den Bietenden insgesamt 48.600 Euro wert.

Dieses Geländer ist nicht irgendeines, es ist Bestandteil eines außergewöhnlich schönen Stiegenhauses, Baujahr 1912. Als rares Relikt einer vergangenen Epoche Wiener Einkaufskultur erschloss es im glasüberdachten Innenhof das einstige Möbelhaus Leiner. Es steht am Ende einer großen Geschichte. Anfang April 1895 war nach Plänen von Architekt Friedrich Schachner in der Mariahilfer Straße 18 das Warenhaus „Zur großen Fabrik“ von Stefan Esders eröffnet worden. Inspiriert von Pariser Vorbildern, zählte es um 1900 zur illustren Riege der „großen drei“ Warenhäuser auf der Mariahilfer Straße – Herzmansky, Gerngroß, Stefan Esders. Seine Konstruktion war hochmodern, die Struktur praktisch und flexibel. Um die Geschäftsebenen im Erdgeschoß und ersten Stock attraktiv zu verbinden, wurde eine prächtige Stiege errichtet.

Die Zeitschrift Der Architekt beschrieb sie folgendermaßen: „Diese Treppe ist dreiarmig, bestehend aus einem breiteren Antrittsarm, einem Ruheplatz und zwei hufeisenförmigen, zum ersten Stock führenden Seitenarmen. Construiert ist dieselbe durchwegs in Eisen, und zwar ist der erste Arm und der Ruheplatz mit eisernen Säulen unterstützt, während die hufeisenförmigen nach aufwärts führenden Arme vollkommen freitragend und ununterstützt hergestellt wurden […].“ Bereits 1898 hob man das Glasdach über dem Hof ins vierte Obergeschoß an, das Stiegenhaus wurde 1912 umgebaut. Die damaligen geraden Stiegenläufe zwischen schlanken Fachwerkträgern überdauerten die Zeit. Wie das stille Auge in der Mitte eines Orkans wechselnder Produktsortimente und Kaufhausbetreiber überlebte diese Treppenkonstruktion bis zur zuletzt glücklosen Leiner-Epoche beinahe komplett.

„Das Warenhaus ,Zur großen Fabrik – Stefan Esders‘ war der erste Bau seiner Art in Wien. Die innovative Eisenkonstruktion der Firma Ignaz Gridl erlaubte maximale Nutzungsflexibilität und bot die Vorraussetzungen dafür, dass das Haus im Lauf der letzten 125 Jahre immer wieder an neue Bedürfnisse angepasst werden konnte“, befindet Kunsthistoriker Andreas Nierhaus, Kurator für Architektur im Wien Museum. Diese Flexibilität und ein mangelndes Bewusstsein für seinen Wert wurden ihm zum Verhängnis: Ständig adaptierte man es, baute aus – und um. „Wir haben es nach denkmalpflegerischen Kriterien streng geprüft“, sagt Wolfgang Salcher, stellvertretender Leiter der Abteilung für Wien im Bundesdenkmalamt. „Wir können ja nicht nur einzelne Bauteile eines Objekts wie Rudimente unter Schutz stellen. Wir wüssten nicht, wohin damit.“ Rasch hätte man dann wohl die „größte Lagerhalle Österreichs“ voll.

Von den „großen drei“ Wiener Kaufhäusern wird bald gar keine Spur mehr bleiben, von anderen Warenhäusern der Gründerzeit ist der Autorin keines bekannt. „Die sind ja schon vor Jahrzehnten hingerichtet worden“, so Salcher trocken. „In den 1970ern war das Bewusstsein für den Wert der Gründerzeit noch nicht vorhanden.“ Damals hätte man auch um ein Haar den Otto-Wagner-Pavillon am Karlsplatz abgerissen – das ehemalige Stationsgebäude wurde dann nach Protesten aus der Architektenschaft glücklicherweise fachgerecht zerlegt und nach dem U-Bahn-Bau wieder aufgestellt.

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