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Immer noch: St. Severins-Grab?

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Im 162. Band der „Bonner Jahrbücher des Rheinischen Landesmuseums in Bonn und des Vereines von Altertums freunden im Rheinlande” wurden 1962 die Ergebnisse der Ausgrabungen in der St.-Jakobs-Kircshe in Heiligenstadt, Wien, vom Kustos der Abteilung für Ur- und Frühgeschichte des Historischen Museums der Stadt Wien, Dr. Alfred Neumann, publiziert. Es mag zunächst erfreulich stimmen, daß hiemit die Auswertung der archäologischen Funde vom Sommer 1952 und 1953 in der genannten Kirche endlich einem Kreis von Fachleuten zugänglich gemacht wurde. Bedenklich stimmt jedoch bereits der Umstand, daß es der Verfasser für gut befunden hat, eine für die Geschichte Wiens und Österreichs so bedeutende Entdeckung ohne Notwendigkeit in einer ausländischen Fachzeitschrift zu veröffentlichen und somit seine Analyse des Grabungsbefundes dem Wissen und der Kenntnis aller hiesigen Kreise, mit Ausnahme einer kleinen Gruppe von Eingeweihten, zu entziehen.

In einer Kommission, bestehend aus den Vertretern des Bundesdenkmalamtes und des Historischen Museums der Stadt Wien, zu Beginn der Grabung am 28. Juli 1952, in Gegenwart der Grundherren (des Stiftes Klosterneuburg und der Pfarre Heiligenstadt), wurde vereinbart, daß die für die Grabung erforderlichen Mittel gemeinsam aufgebracht werden; die beiden erstgenannten Stellen übernahmen auch die Verantwortung für die Anfertigung der Unterlagen, das heißt der Grabungspläne, der Photos und deren Publikation. Der Restaurator des Historischen Museums der Stadt Wien wurde mit der technischen Leitung der Ausgrabung betraut; von ihm dürften wohl die Unterlagen (Grabungsbericht, Pläne und ein großer Teil der Photos) stanj- ‘rnėtį alif welche der Verfasser seinen Artikel aufbauep konnte.

Es scheint nunmehr, daß das-Burt- desdenkmalamt und das Historische Museum der Stadt Wien nicht allen übernommenen Verpflichtungen nachgekommen sind, und man müßte daher annehmen, daß es dem Verfasser verwehrt gewesen ist, die vor allem für die österreichische Geschichtsforschung wichtigen und interessanten Ausführungen in einer österreichischen Fachzeitschrift unterzubringen.

Ein endgültiges Ergebnis?

Der vorliegende Bericht über die Ergebnisse der Ausgrabungen in der St.-Jakobs-Kirche in den „Bonner Jahrbüchern” soll nunmehr die als endgültig anzusehende Interpretation darstellen, obwohl dieses Thema gründlichere Forschungen und umfassendere Arbeiten verlangt.

Kurz zusammengefaßt, lautet das Ergebnis der in den „Bonner Jahrbüchern” in 27 Seiten über die Ausgrabung gegebenen Beschreibung: Ein 10,5 X 5 Meter messender, durch elf tatsächlich vorhandene und vier angenommene Stützpfeiler an der Außenwand verstärkter römischer Bau unter dem Kirchenschiff sei in einer zweiten Bauphase durch eine Ost-West gezogene Mauer in zwei Räume geteilt worden. Die Mauern des in zweiter Verwendung stehenden Gebäudes seien zum Teil auf, zum Teil neben die des ersten gesetzt worden und von schlechterer Bauart. Es seien die Reste von zwei Fußböden und einer Türschwelle ermittelt worden. Der vermutliche Eingang des ältesten Gebäudes habe sich im Westen, der des jüngeren im Osten, also der Donau zugewandt, befunden. Im südlichen Raum des als spätrömisch datierten zweiten Baues sei aus drei Steinplatten und einer Ziegelplatte — alle hochgestellt — und einem in 53 Zentimeter Tiefe flach über loser Steinsetzung aufgelegten, ovalen Stein (knapp über dem Fußboden, 85 X 45 X 7/8 Zentimeter) ein 90 X 60 Zentimeter messendes Bek- ken an die verputzte Ostmauer des Gebäudes angebaut worden. Südlich davon sei in der Südostecke, 40 Zentimeter unter dem Fußboden ein 1,80 beziehungsweise 1,72 X 0,7S Meter (in Wirklichkeit nui 0,55 Meter breites!) großes Grab ausgehoben und mit einer aus römischen Ziegeln und Steinen hergestellten, 15,5 Zentimeter breiten Mauer aufgebaut worden. Der Boden des Grabes sei ebenfalls mit römischen Ziegeln, die mit Kalkmörtel gebunden seien, ausgelegt. Stempel der Leg(io) X G(emina) P(ia) F(idelis) und der Of(ficina) Ar(elape)nfsis) Bono Mag(istro) kämen unter anderem vor.

Darüber hinaus publiziert der Berichterstatter die technischen Details (Lage, Art des Baumaterials und der Bauart) von vorromanischen, in ihren Fundamenten noch nachweisbaren Bauteilen. Zu diesen werden die Nord-Süd-Mauer O auf der Höhe der barocken Pilaster P 2 und P 7, die Triumphbogenmauer E und die Fundamente des quadratischen Chores T, U und V sowie die „Steinlagen” I, X und W (dazugehörige Altarunterbauten) neben den drei Außenmauerabschnitten C, D, F und G gerechnet. Mit der Beschreibung der Fundverhältnisse bei den großen Pfeilersockeln J und K, den Resten von fünf Skelettbestattungen aus dem Mittelalter und der Neuzeit scheinen dem Verfasser die Ergebnisse der Grabung innerhalb der Kirche genügend herausgearbeitet zu sein.

Die romanischen, gotischen, barocken und jüngeren Niveaus der Fußböden und die verschiedenen Umbauten und Zubauten werden ebenfalls besprochen. Es erübrigt sich, näher auf diese einzugehen, da sie für das Hauptproblem gegenstandslos sind.

Außerhalb der Kirche, wo die nördlichen Fundamente des römischen Baues unter dem Pfarrhof liegen, habe man innerhalb des Hofes und des Pfarrgartens acht Suchgräben gezogen. In den Such- gräben 1 und 3 hätte man Mauerreste, in Nr. 2 einen Brunnen, in 2, 3 und 4 ein Kiespflaster (unmittelbar über der römischen Kulturschicht!), in Graben 8 außerdem noch ein Kindergrab festgestellt.

Die Ausbeute an Kleinfunden sei sehr gering gewesen; man habe lediglich z.wfei Fragmente römischer Reibschalen und verschiedene Gefäßreste mittelalterlicher und neuzeitlicher Provenienz neben spärlichen Grabbeigaben derselben Datierung gefunden.

Also doch nicht das Grab des heiligen Severin…

Aus diesen hier nur sehr knapp wiedergegebenen archäologischen Ergebnissen der Ausgrabungen in der St.-Jakobs-Kirche in Heiligenstadt zieht der Autor nachfolgende Schlußfolgerungen: Bei dem römischen Bau habe er sich, nachdem er den Gedanken an ein Wasserreservoir (piscina limaria) erwogen und wieder fallengelassen habe (das zum Vergleich herangezogene Beispiel stammte aus der Inselgruppe Kornat im Inselmeer von Zadar, Jugoslawien), schließlich für die Deutung als Getreidemagazin (horreum) entschieden, wobei er auf Parallelen in der Schweiz und in den Rheinlanden hinweisen könne. Bei keinem der zitierten Beispiele jedoch konnte der Verfasser ein dem Heiligenstädter Bau auch nur ähnliches Ausmaß erbringen. Er aber kam zu dieser Deutung wegen des Vorhandenseins der 15 Stützpfeiler an der Außenmauer, die, „um einem Druck von innen standzuhalten”, erbaut wurden.

Seines Erachtens waren beide „spät- oder nachrömische Einbauten” im Raum Gräber. Die Ausmaße des „kleineren Einbaues” sprächen für eine Deutung als Kindergrab, die des zweiten für das eines Erwachsenen. Auf Grund der Stempel auf den verwendeten römischen Ziegeln sei das Erwachsenengrab als nachvalentinisch, das Kindergrab „wegen des ähnlichen Aufbaues” als gleichzeitig datiert.

Ein um 1890 gemachter Grabfund aus dem Hofe der Pfennigberger- schen Wachstuchfabrik (der Jakobskirche benachbart), von dem nur zwei Töpfe 1956 in die Hände des Autors gelangten und die dieser als awarisch bezeichnete, genügt ihm, um, im Verein mit den zwei (leeren!) Gräbern im Raum 2 des römischen Baues, von einem römischen Friedhof, der auch in früh- geschichtlicher Zeit belegt wurde, zu sprechen.

Der Autor unterläßt eine genauere zeitliche Einordnung der vorromanischen Kirchenbauten, er benennt diese lediglich als den älteren und den jüngeren vorromanischen Bau, vor dem 12. Jahrhundert errichtet. Die im ganzen Bericht unbetont gebliebene Tatsache, daß nur der südliche Raum des römischen Gebäudes mit dem leeren Grab und dem ebenso leeren Becken bei allen Kirchenbauten der zentrale Mittelpunkt blieb (vor der Triumphbogenmauer!), erklärt der Berichterstatter einmal damit, daß man irrtümlich diese beiden Gräber für frühchristlich ansah und deshalb darüber eine Kirche erbaute. Anderseits, meint er, könnten diese Gräber auch exhumiert worden sein, da man sie als heidnische (weil Nord- Süd orientiert) nicht unter einer christlichen Kirche dulden durfte.

Charakteristisch für diesen Grabungsbericht sind die stellenweise bis ins kleinste Detail gehenden Schilderungen des archäologischen Befundes und dessen unklare, verschwommene, sich in den wesentlichen Punkten widersprechende Interpretation. Entgegen der von dem Autor in „Pro Austria Romana”, 1952, Nr. 11/12, im „Amtsblatt der Stadt Wien”, 1952, Nr. 89, 1954, Nr. 24, und in der Zeitschrift „Der Mittelschullehrer und die Mittelschule”, 1953, Nr. 3, ursprünglich vertretenen Meinung, es könne sich hier um das Grab des heiligen Severin und um ein Taufbecken, also um eine frühchristliche Kultstätte, handeln, rückt er in allen— folgenden -’”•Pablrkationen schrittweise vori dieser Deutung ab, um sie schließlich’ in diesem endgültigen Grabun sbefi frt;1 Wfit J£ihem einzigen Satz abzulehnen und zu erledigen.

Die Verfasserin war, um zu einem von diesem Bericht unabhängigen Urteil zu gelangen, auf das Studium der noch zugänglichen restaurierten Grabstelle und der im Archiv der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft der St.-Severin- Bruderschaft aufbewahrten Tagebücher und Photos sowie auf die dem Artikel beigefügten Grabungspläne angewiesen. Gegen die im Grabungsbericht aufgestellten Behauptungen sind folgende Einwände zu machen:

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