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Vom hochfürstlidien Marstall zum Salzburger Festspielhaus

Zwei Einrichtungen, jede in ihrer Art von Weltruf, haben ungefähr zu gleicher Zeit im Baukomplex des ehemaligen erzbischöflichen Marstalls in Salzburg, der späteren Hofslallkaserne, ihre Heimstätte gefunden: 1924 das heutige Haus der Natur, von Sven Hedin ein „Brennpunkt des Studiums der Natur“ genannt, und 1925 das Salzburger Festspielhaus. So widersinnig auf den ersten Blick die gemeinsame, wenn auch getrennte Unterbringung zweier Kulturschöpfungen so verschiedenen Charakters in einem Gebäude erscheinen mag, so kann man doch post festum eine allerdings extrem auseinanderentwickelte Verwandtschaft zwischen der ursprünglichen und nunmehrigen Verwendung des Baues finden. Die eigentlichen Stallungen der Pferde und der darüberliegende Futter- und Getreideboden im rechten Flügel des langgestreckten Baues wurden naturhistorisches Museum, die weiten Hallen und Räume des linken Teiles, in denen einst edle Reitkunst gepflegt wurde und festliche Schauspiele und Tierhatzen stattfanden, wurden umgestaltet zum Festspielhaus. Das 25iährige Jubiläum dieses Hauses gibt Anlaß, seine Geschichte und Bedeutung in den wesentlichsten Zügen darzulegen.

Die Gesamtanlage des Festspielhauses besteht aus vier Haupträumen beziehungsweise -bauten mit den dazugehörigen Nebenräumen: dem Festspielsaal mit dem Bühnenhaus, dem Stadtsaal und der Felsenreitschule. Sie stammen in ihrer heutigen Form aus acht verschiedenen Bauphasen, die diese Bau-konfigüration im Laufe der letzten vier Jahrhunderte zusammenwachsen ließen.

Wolf Dietrichs Marstallbau im ehemalig St.-Petrischen Frauengarten, 1593 als Pferdetummelplatz in Holz aufgeführt, 16Ö7 in Stein zu festen Stallungen ausgebaut, steht am Beginn. Es war ein typischer Salzburger Bau, kubisch geschlossen, doch seinem Zweck entsprechend langgestreckt, mit glatter horizontalbetonter, 15achsiger Fassadenflucht, helmverzierten Treppentürmen und Grabendach. Ein Portal, dessen Inschrift den Bauherrn rühmte, führte in den Hof. Die Stallungen selbst, eine riesige, stich-kappengewölbte Arkadenhalle mit 44 genuteten Steinpfeilern, waren wahrhaft fürstlich eingerichtet, besaßen gepflasterten Boden, später auch marmorne Barnen und Brunnen und eine vorzügliche Nachtbeleuchtung. Eingang und Büroräume des Festspielhauses, natürlich entsprechend umgebaut, sind im linken Flügel des Wolf Dietrichschen Baues untergebracht.

Die erste bedeutende Erweiterung erfuhr der Marstall unter dem prachtliebenden Erzbischof Kardinal Guidobald Graf Thun (1654 — 68). Ihm verdanken wir den Bau der Winlerreitschule, deren eine Stirnseite dem Fels des Mönchsberges abgerungen werden mußte, deren andere aber, entgegen dem heutigen Bauzustand, bis zur Hofstallgasse reichte und somit der Marstallfront zwei weitere Fensterachsen anfügte. Auch gegen den Heumarkt, den heutigen Sigmundsplatz hin verlängerte er — wie aus einem um 1665 entstandenen Stadtbild in St. Peter klar hervorgeht — den Bau um drei Achsen, so daß jene, für Baukomplexe des späteren 17. Jahrhunderts so bezeichnende „Sporenbildung“ auch hier festzustellen ist. Aus Symmeiriegründen wurde an der Längsseite des Baues ein zweites Tor als Blindtor angebracht.

Guidobalds Halbbruder, Erzbischof Ernest Graf Thun (1687— 1709), bekannt als Bauherr Fischers v. Erlach, war der Schöpfer der großartigen Felsenreitschule. Dabei stand ihm, wenn auch unmittelbare archivarische und stilkritische Belege dafür fehlen, doch sicherlich auch hier Fischer als Bauberater zur Verfügung, der ja kraft des Bauvertrages für die Dreifaltigkeitskirche (allerdings erst 1694) verpflichtet war, „Ihren hochfürstlichen gnaden (auch) bey anderen Ihren gepeuen mit guthem Rath an Hand zu gehen“. Die zweite kostbare Bereicherung des Marstalls in dieser Zeit stellt das herrliche Portal an der Stirnseite des Baues gegen den Sigmundsplatz dar, ein epochemachendes Werk Fisdiers von 1693/94, mit dem er die borromineske Gestaltungsweise, das isolierte Hineinsetzen eines scharf aasgescbSffenen plastisehen Gebildes in eine Fassade, erstmals nach Deutschland verpflanzte. Mit diesem Portal hängt auch die Schaffung der Pferdeschwemme zusammen, die allerdings ursprünglich im Sinne hochbarocker Synthese auf das Portal und damit den Marstall hin orientiert war, erst 1732 aus diesem inneren Zusammenhang gerissen und Verselbständigt wurde. Das Deckengemälde in der Winterreitschule von J. M. Rottmayr und Chr. Lederwasch gemalt: Türkenstechen im Beisein des Hofes, heute durch die „Köpfung“ des Saales ein Torso, sowie zwei marmorne Brunnen im Hof, wovon einer jetzt die Eingangshalle zum Festspielhaus schmückt, sind weitere Beiträge dieses kunstliebenden Fürsten zur Vollendung des Marstalls.

Während des 18. Jahrhunderts fanden nur geringfügige Veränderungen am Gebäude statt und bis zur Umwandlung in eine Dragoner- und später Artilleriekaserne, nach der Säkularisation des Hochstifts und dem Anschluß Salzburgs an Österreich 1816, blieb der Bau in dem Zustand, den drei Guckkastenbilder um 1760 festgehalten haben. Einschneidendere Veränderungen brachte das Jahr 1841 und die Zeit um 1860. 1841 wurde der ehemalige Post- und Krankenstall, ein Anbau am Ostende der Kaserne, abgebrochen und eine neue, geräumige Winterreitschule mit offenem Dachstuhl errichtet. Dabei verkürzte man, um die notwendige Länge für die neue Reitschule zu gewinnen, die alte Winterreitschule an ihrem Nordende kurzerhand um zwei Achsen und verstümmelte das interessante, wenn auch künstlerisch nicht besonders wertvolle Deckengemälde. Um 1860 verschwanden das Grabendach und die kupfernen Wasserspeier. Das heute noch bestehende blecherne Satteldach trat an seine Stelle. Ein Umbau in den achtziger Jahren im Erdgeschoß zwischen dem Eingang ins Festspielhaus und Haus der Natur ersetzte das pfeilergetragene Stichkappengewölbe durch eine auf weitgestellten Arkaden ruhende Eisentraversendecke.

So sah das Haus aus, als Max Reinhardt, um bei Regen eine Ausweichmöglichkeit für den „Jedermann“ zu haben, auf einer einfachen, von Alfred Roller entworfenen Bretterbühne 1921 den „Jedermann“ in der Militärreitschule spielte. Und so übernahm Architekt Hü 11 e r — nachdem der rechte Teil des Hauses 1923/24 zum nachmaligen Haus der Natur adaptiert und dabei das obere Portal um drei Achsen nach links verschoben worden war — den linken Teil des Gebäudes, um nach einer von ihm stammenden, von Professor Roller erweiterten und von Reinhardt für gut befundenen Idee den Umbau der Reitschule zu einem Mehrzweckfestraum durchzuführen. Am 23. März 1925 wurde der entscheidende Gemeinderatsbeschluß gefaßt, am 13. August ging Hofmannsthal-Calderons „Großes Salzburger Welttheater“ mit Hütters Bühnenbild als erstes Stück über die Bühne des ersten Festspielhaussaales.

Aus mehrfachen Gründen, vor allem auch, weil die Mysterienbühne für Opernaufführungen nicht geeignet erschien, wurde das Haus einer neuen Umgestaltung unterzogen, deren Planung Clemens Holzmeister übertragen wurde. Der nunmehr in erster Linie als Festspielsaal gedachte Hauptraum erhielt dunkelbraune Holzgalerien, die mit Plastiken und Gobelins geschmückt wurden. Eine leichte, grün-rot-braun gehaltene Holzdecke sollte die Akustik verbessern und die Bühne wurde technisch vervollkommnet. Die alte Winterreitschule wurde durch wenige, gutgelungene Veränderungen: Tieferziehen der Fenster, Wandverkleidung aus Holz, in den Raum vortretende Balkone, Luster und Gobelinschmuck zum großzügig und vornehmwirkenden Stadtsaal umgewandelt, die Fassade durch eine Pfeilerterrasse und das Hauptportal mit architektonischen Akzenten versehen und vor allem die Vorhalle durch die farbige Pracht der Fresken Anton Faistauers zu höchster Festlichkeit gesteigert. Zehn Jahre hat das Haus in dieser Form seine Aufgabe erfüllt und war unmittelbarster Zeuge des .glanzvollen Aufstiegs der Salzburger Festspiele. Manchen erschien das Haus für Festspiele von internationalem Rang zu einfach und improvisiert. Und dock strahlte es in seinen heimatgebundenen Architekturformen, der kühnen Farbigkeit der Freskenhalle, seiner Einbettung in einen historischen Bau und seiner Lage inmitten herrlichster Architektur-schöpfungen der Stadt einen höchst eigenartigen Zauber aus. Es war ein Festspielhaus von einmaligem Charakter, wie es nur in Salzburg allein stehen konnte.

Eine neue Spielmöglichkeit schuf Clemens Holzmeister 1933 mit seiner Faust-Stadt in der Felsenreitschule. Salzburger Architekturmotive mit den Arkaden in glückliche Verbindung bringend, gelang ihm hier eine plastische Simultanbühne reizvollster Art. Für diese Bühne und für Goethes „Faust“ kann man der szenischen Verbauung der monumentalen Felsenreitschule am ehesten noch beistimmen. Sonst aber müßte sie in ihrer ursprünglichen, schlichten Größe ohne Einbauten frei wirken können und — als höchste neuerliche Sinnerfüllung den einzigartigen Rahmen abgeben für Festvorführungen der Spanischen Reitschule!

Raummangel der Bühne, der sich vor allem bei großen Opernaufführungen hemmend bemerkbar machte, rief den Gedanken an eine neuerliche Umgestaltung des Feslspielsaals auf den Plan. Vor allem war Arturo T o s c a n i n i die treibende Kraft. Mehrere Projekte wurden eingebracht: ein Neubau auf dem Rosenhügel, womit der Neubaugedanke, der schon 1890 und nach dem ersten Weltkrieg aufgetreten war, wieder lebendig wurde; ein Umbau im Hofstallkomplex selbst und ein Projekt Holzmeisters zur Erweiterung der bestehenden Bühne durch Anbau eines Turms und eines Verbindungsganges zu einem weiteren neuen Trakt.

Keiner dieser Vorschläge konnte befriedigen. Da fand der damalige, um Salzburg und seine Festspiele so verdiente Landeshauptmann Dr. Franz R e h r 1 die Lösung — sozusagen das Ei des Kolumbus. Ihre Verwirklichung 1937/38 wurde wiederum den bewährten Händen Clemens Holzmeisters anvertraut. Der Festspielsaal wurde um 180 Grad gedreht und an der Ostseite des Saales ein neues Bühnenhaus errichtet. Die architektonische Lösung dieses Baues war schwierig, da von der neuen Bühne die Ausmaße der Wiener Staatsopernbühne verlangt wurden, somit ein riesiger Kubus städtebaulich eingegliedert werden mußte. Die Ansichten über den Gütegrad der Lösung, den Holzmeister mit diesem Bau erreichte, gehen auseinander. Uns scheint die schwierige Aufgabe' im wesentlichen glücklich gelöst. Der Kubus kam dem Salzburger Archtitekturwollen entgegen. Holzmeister versenkte den Bühnenraum gleichsam in einen aus dem Mönchsberg vorspringenden Felsblock, auf dessen Terrasse er den Schnürboden setzte und dem er das Garderobenhans anfügte. Was heute den Bau beeinträchtigt, ist, daß man ihn durch das Abreißen der Mauer des ehemaligen Franziskanergartens einer seiner optischen Stützen beraubt hat. Es wäre hoch an der Zeit, diese auch in anderer Hinsicht gegen Salzburgs Architekturstruktur verstoßende Bausünde an einem für die Festspielstadt so wichtigen Platz entsprechend gutzumachen!

Man war 1938 mitten im Bau des neuen Hauses, als Österreichs Selbständigkeit auf Jahre hinaus erlosch. Die eigenwillige, den österreichischen Charakter irgendwie verkörpernde Erscheinung des Hauses fand nicht Gnade vor den neuen Machthabern. Vor allem Anton Faistauers Fresken mußten verschwinden. Dank verständnisvoller Menschen und der Konservierungskunst des Malers Alberto Susat wurde der größte Teil der Fresken auf Leinwand übertragen und damit erhalten. Der feierliche Ernst der übrigen Raumgestaltung aber sollte stukkverkleideter Heiterkeit Mozartschen Geistes weichen! In diesem von Reichsbühnenbildner Benno von Arent entworfenen Überkleid tritt uns das Innere des Hauses noch heute entgegen, wartet aber auf den Tag, an welchem es wieder in jener Gestalt erscheinen darf, in der es von Anfang an geplant und schrittweise geschaffen wurde, als eine heimatgebundene, festliche Stätte des österreichischen Theaters für die Welt.

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