Wohnzufriedenheit VON DER STANGE

Die Vorläufer des seriellen Wohnbaus reichen bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts zurück. In New York entstand 1910 nach einem neuartigen Konstruktionsprinzip des Architekten und Ingenieurs Grosvenor Atterbury die Gartenstadt Forest Hills Gardens mit gleichförmigen Häusern aus vorgefertigten Stahlbeton-Großplatten. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Einzug sozialdemokratischer Ideen in Architektur und Stadtplanung schossen auch quer durch Europa erste Siedlungen in effizienter "Tafelbauweise" aus dem Boden, um die akute Wohnungsnot zu lindern. Der Durchbruch des industrialisierten Bauens erfolgte aber erst zwei Jahrzehnte später, nachdem ein weiterer Weltkrieg erneut für millionenfache Wohnungsnot gesorgt hatte.

Erfindung westlicher Architekten

Als Erfinder des ab den 50er-Jahren weltweit angewandten Plattenbaus gilt der Pariser Architekt Raymond Camus, der 1948 das erste komplett industrialisierte Wohnbausystem entwickelte, bei dem seriell produzierte Betonplatten in einer Art Schachtelbauweise übereinandergestapelt wurden. Camus optimierte auch die Baustellenlogistik, sodass die städtebauliche Gestalt vieler Großsiedlungen fortan durch technische Grenzwerte geprägt wurde: Die Größe der Platte bestimmte die Gebäudetiefe, ihre Tragfähigkeit wiederum gab die Geschoßanzahl vor, und der Abstand zwischen den Gebäuden resultierte aus den Radien der Montagekräne.

Camus traf damit den Nerv der Zeit, insbesondere im modernistischen Frankreich, das mit staatlichen Förderprogrammen den Bau solcher "Grands Ensembles" vorantrieb - was schon damals nicht unwidersprochen blieb. So beschrieb der Architekt Georges Candilis, selbst Planer von Großsiedlungen, die Normierung im Wohnungsbau wie folgt: "Die Verwaltung verwob Gesetze und Verordnungen zu einer Leinwand, die ein Phantombild des menschlichen Lebens festschrieb und die Familie schematisierte. Die typisierte Familie bestand aus Vater, Mutter und zwei Kindern. Auf dieser Grundlage wurde eine typisierte Wohnung festgelegt, die wiederum das Alltagsleben schematisierte." Ende der 60er-Jahre gab es an den Rändern der großen französischen Städte bereits 6 Millionen derartiger Wohnungen.

Das patentierte Camus-System wurde nicht nur in die französischen Kolonien exportiert, sondern auch nach Westdeutschland und Österreich sowie nach Skandinavien, in die Niederlande und die Schweiz - hier um den Wiederaufbau kriegszerstörter Städte zu beschleunigen, da um den Wohnraumbedarf infolge des starken Zuzugs in die Ballungsräume schnell und kostengünstig bewältigen zu können.

"Bürgermeister Jonas hob heute in der Montagefabrik in Kagran die erste Betonplatte mit Hilfe eines Kranes aus ihrer Form. Mit dieser probeweisen Inbetriebnahme der Wohnungsfabrik in der Erzherzog-Karl-Straße hat auch für die Gemeinde Wien die Industrialisierung des Wohnungsbaues begonnen", verkündete der Pressedienst des Rathauses am 3. Mai 1962. "Nur einige hundert Meter von der Wohnungsfabrik entfernt beginnt man bereits mit dem Aushub für die erste Wohnhausanlage aus Fertigbauteilen. Bis Jahresende sollen die ersten 60 Wohnungen aus der Wohnungsfabrik fertig sein. Insgesamt sollen 5000 Wohnungen errichtet werden."

Bis Mitte der 70er-Jahre entstanden auf diese Weise einige der größten "Schlafstädte" Österreichs - etwa die Großfeldsiedlung im 21. Bezirk, die Wohnanlage auf den Trabrenngründen im 22. Bezirk oder die Per-Albin-Hansson-Siedlung Ost in Favoriten. Wie die meisten anderen westlichen Städte musste aber auch Wien schließlich erkennen, dass der Montagebau nicht günstiger kam als etwa die Scheiben-oder Skelettbauweise. Heute gelten die Wohnanlagen aus dieser Zeit als Schandmale der Architektur, als unmenschlicher Städtebau -was freilich auch daran liegt, dass die Stadt seit Jahren säumig ist, die Großsiedlungen umfassend zu sanieren. Die bauliche Struktur an sich hat ihren "Schrecken" angesichts mehrerer Großprojekte des sozialen Wohnbaus der letzten 20 Jahre längst verloren.

Denn während die Plattenbauten der 60er-und 70er-Jahre zumindest noch allen Bewohnern "Luft, Licht und Sonne" boten, wurden diese Mindeststandards bei zeitgenössischen Wohnvierteln wie der Wienerberg City oder dem Wohnpark Alte Donau schlichtweg ignoriert. Das Grünraumangebot in den Plattenbau-Quartieren ist zudem um einiges großzügiger als in den heutigen Stadterweiterungsgebieten. Und die Architektur der oft von prominenten Baukünstlern geplanten Wohnkomplexe ist im Grunde nicht weniger einfallslos als das Erscheinungsbild der Hansson-Siedlung.

Synonym für sozialistische Städte

Während der Plattenbau in Westeuropa bald durch andere Bautechnologien abgelöst wurde, trat er im kommunistischen Osten geradezu einen Triumphzug an, zumal seine Uniformität im Sozialismus kein Makel, sondern gesellschaftliches Ziel war - und die ökonomische wie soziale Situation hier auch kaum Alternativen zuließ. Mit Beginn der Ära Chruschtschow löste der industrialisierte Wohnbau in der Sowjetunion ab 1954 die verschwenderische Repräsentationsarchitektur der Stalin-Zeit ab, in der an den Bedürfnissen der verarmten Gesellschaft vielfach vorbeigeplant worden war. Stalin hatte Millionen Obdachlose hinterlassen, weshalb sein Nachfolger nun die rasche Linderung der ärgsten Wohnungsnot durch die billige Platte forderte. Die sogenannten Chruschtschowkas, vier- und fünfgeschoßige Plattenbauten, prägten schon wenig später die gesamte UdSSR: Im europäischen Landesteil dienten sie dem Wiederaufbau der 1700 im Zweiten Weltkrieg zerstörten Städte - und Sibirien wurde durch die Platte erst so richtig urbanisiert.

Nach sowjetischem Vorbild setzten auch die kommunistischen Bruderstaaten auf den rationalisierten Wohnbau, sodass die Plattenbausiedlungen -bald auch mit 11-, 16-und 22-Geschoßern -zum Synonym für sozialistische Städte wurden. In der DDR kam dem Wohnbauprogramm eine geradezu identitätsstiftende Rolle zu. Die Be-

Wohnzufriedenheit von der Stange

kämpfung der Wohnungsknappheit durch Neubauten galt als eines der obersten Ziele der Regierung, die mit der Platte ab 1955 das in der Verfassung verankerte "Recht auf Wohnen" verwirklichen wollte. Bereits vier Jahre später wurden 80 Prozent aller Neubauwohnungen in Montagebauweise errichtet. Das Prestigeprojekt schlechthin war der Bau des Ost-Berliner Stadtteils Marzahn für 160.000 Einwohner. In einem Akt nationaler Kraftanstrengung wurden zwischen 1977 und 1987 Platten aus allen Landesteilen zur größten zusammenhängenden Neubausiedlung Deutschlands montiert.

Die dabei verwendete Wohnbauserie WBS70 war ein Meisterstück an Normierung und Standardisierung -und kam in der gesamten Republik zum Einsatz. Das heißt, jede DDR-Wohnung aus den 70er-und frühen 80er-Jahren basierte auf denselben Grundelementen: Sechs Meter breite Platten ergaben sechs oder zwölf Meter breite Wohnungen, mit (oder ohne) sechs Meter breiten Loggien. Egal ob Einraum-oder Vierraumwohnung - jedes Wandelement hatte an denselben Stellen gleich große Öffnungen für Fenster oder Türen. Jeder Platte wurden bereits im Betonwerk dieselben Installationsrohre eingegossen, deren Auslässe für Wasser und Strom identisch positioniert waren. So waren DDR-Bürger kaum verwundert, wenn sie in fremde Wohnungen kamen und feststellten, dass diese -zwangsläufig - exakt so eingerichtet waren wie ihre eigene.

Sanierung versus Umbau von Plattenbauten

Nach Wende und Wiedervereinigung begann die überfällige Sanierung von Millionen ostdeutscher Plattenbauwohnungen. Wobei gleich alte Siedlungen in Westdeutschland denselben Erneuerungsbedarf zeigten -ästhetisch, vor allem aber aufgrund der schlechten Wärmedämmung. Was nicht bedeutet, dass Plattenbauten nach technischer und gestalterischer Aufwertung nicht wieder zeitgemäße Wohnqualität bieten können. Die Ost-Berliner Großsiedlung Hellersdorf gilt seit Mitte der 90er-Jahre als internationales Modell für eine gelungene Modernisierung. Viele Nachfolgestaaten der UdSSR setzten sogar weiterhin auf die Platte, teils auch zwangsläufig. Denn nach vier Jahrzehnten ausschließlich industriellen Bauens fehlte es in den ehemaligen Sowjetrepubliken lange an Bauhandwerkern. Berufe wie Maurer, Zimmermann, Dachdecker oder Spengler waren so gut wie ausgestorben.

Andererseits waren gerade die Großsiedlungen jenem massiven Schrumpfungsprozess unterworfen, der ab den 90er-Jahren vor allem Industrie-und Bergbaustädte im Osten erfasste. In Ostdeutschland standen zeitweise mehr als 1 Million Wohnungen leer, viele davon in Plattenbaugebieten. Deshalb setzte - wiederum mit staatlicher Förderung -ein geordneter Rückbau dieser Quartiere ein. In Cottbus etwa wurden Hochhäuser demontiert und mit ihren Platten an Ort und Stelle "Stadtvillen" errichtet. In Dresden und Magdeburg baute man sechsgeschoßige Wohnscheiben zu hochwertigen Reihenhäusern um. Viele Blöcke wurden mangels Wohnungsnachfrage aber auch gänzlich abgerissen. Wer dies für das Ende des industrialisierten Wohnbaus in unseren Breiten hält, irrt allerdings. In modifizierter Form feiert die Platte seit gut zwei Jahrzehnten -auch hierzulande -einen wahren Siegeszug, und zwar in Gestalt von vorfabrizierten Einfamilienhäusern aus dem Fertigteilkatalog.

| Der Autor ist Stadtplaner, Filmemacher und Fachpublizist |

Neue Wertschätzung

Angesichts steigender Wohnungspreise und -knappheit findet die lange verrufene Großsiedlung wieder Beachtung - wie hier in Berlin-Marzahn: Eine Sanierung machte Deutschlands größtes Plattenbaugebiet zum gefragten Stadtteil.

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